Mikro-Unterdrückungen und die Erfindung der Menschenrassen

Rassismus ist nicht nur offener Hass, er ist strukturell verankert. Foto: REUTERS
Nach dem Tod von George Floyd Stellt euch endlich eurem Problem, liebe Weiße!

Das können Angriffe oder Beleidigungen sein, wie die Verwendung des N-Wortes oder Aussagen wie: „Wir sind hier in Deutschland.“ Es können unbewusste Handlungen sein, wie wenn eine Frau ihre Tasche umkrallt, sobald ich mich in der Bahn neben sie setze. Aber auch das Negieren und Absprechen der eigenen Perspektive und Erfahrungen gehört dazu. Viele Menschen glauben mir nicht, wenn ich sage, dass alte Frauen Angst vor mir haben und mich für eine Diebin halten. Auch Ignoranz ist eine Form der Mikroaggression. Wer vermeidet, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen, kann sich immer mit unschuldiger Unwissenheit herausreden.

Nur weil man sich nie bewusst Gedanken über Herkunft, Hautfarbe und Identität gemacht hat, läuft man nicht vorurteilsfrei durch die Gegend. Man bemerkt nur nicht, dass man diese Vorurteile hat. All diese Verhaltensmuster tragen dazu bei, das rassistische System aufrechtzuerhalten. Es ist quasi Mikro-Unterdrückung.

Noch einmal: Rassismus steckt überall in unserer Gesellschaft. Es ist das Märchen über angeborene Eigenschaften, die Annahme, dass wir von Natur aus verschieden seien. Es braucht nur einen bestimmten Kontext, die passende Stimmung und Verkettung von Ereignissen – schon trägt Rassismus nicht mehr nur am rechten Rand Früchte, sondern wuchert überall.

Lange Verpöntes ist wieder salonfähig

Ein blöder Witz, ein heimlicher Gedanke, ein unüberlegtes Vorurteil – es stammt alles aus der gleichen Geschichte, aus der gleichen historischen Wurzel, und gerade treibt und keimt sie ordentlich. Längst sind Dinge wieder salonfähig geworden, die vor ein paar Jahren noch verpönt schienen.

Vor allem ist es wichtig, eines zu verstehen: Es gibt keine Menschenrassen. Es gibt allerdings die Erfindung der Menschenrassen – die Rassifizierung. Sie dient dazu, eine Hierarchie zwischen Menschengruppen zu etablieren. Bereits Aristoteles fing damit an. Er schrieb über die „Barbaren“ und meinte damit Völker, die seiner Ansicht nach den Griech*innen kulturell unterlegen waren. Später wurde insbesondere nach Familienzugehörigkeit rassifiziert.

Während der Reconquista, den Kreuzzügen und der damit einhergehenden Christianisierung wurde das Konzept der Blutlinien stärker etabliert. Adelsfamilien sicherten so ihren Status, aber es diente auch dazu, weiterhin zwischen „echten Christen“ und beispielsweise ehemaligen Juden und Jüdinnen oder Muslim*innen unterscheiden zu können. Ende des 15. Jahrhunderts setzte ein neues Zeitalter der Rassifizierung ein. Mit der Erkundung der Welt begannen Europäer* innen, eine globale Ordnung herzustellen, die auf Hautfarbe und Ethnie beruhte.

Carl von Linné und seine Hautfarbenlehre

Dieses Denken wurde bis zum 20. Jahrhundert kaum angezweifelt. Ziemlich lang also stützte sich das Verständnis der Europäer*innen von der Welt auf dieses ausgedachte Konstrukt. Dazu trug besonders die verwissenschaftlichte Rassifizierung ab dem 17. Jahrhundert bei. Sogenannte „Rassentheorien“ gab es über die Jahrhunderte einige. Ein maßgeblicher Konstrukteur der Menschenrassen war der schwedische Zoologe Carl von Linné mit seinem Systema Naturae. Er unterteilte die Weltbevölkerung in vier Hautfarben: Weiß für die Europäer*innen, Rot für Amerikaner*innen, Braun für Asiat*innen und Schwarz für Afrikaner*innen. Später änderte er die Farbe der Asiat*innen von Braun zu Gelb.
In der Rassentheorie gab es, grob gesagt, zwei unterschiedliche Ansätze. Manche Forschende gingen tatsächlich von unterschiedlichen Menschenrassen aus, die nicht miteinander verwandt waren. Diese These nennt man die „Polygenese“. Andere Forschende vertraten die Theorie der Monogenese, die besagt, alle Menschen wären zwar derselben Abstammung, jedoch unterschiedlich weit entwickelt - beziehungsweise degeneriert. Viele waren damals der Ansicht, dass der Mensch weiß und vollkommen auf die Welt gekommen wäre und sich immer weiter von seinem Ursprung entfernt hätte. Ob Poly- oder Monogenese, alle Forschende kamen zum gleichen Schluss: Unter den „Menschenrassen“ gab es eine Hierarchie. Ganz oben waren weiße Menschen.

Rassismus legitimierte nachträglich den Sklavenhandel

Forschende legten ihre Rassentheorien nach ihren eigenen Interessen aus. Sie erstellten diese Konstrukte, um eine Rechtfertigung zu finden, andere Menschen auszubeuten und zu vereinnahmen. Tupoka Ogette bringt es in ihrem Buch „Exit Racism“ auf den Punkt: „Die Europäer waren nicht zu Sklavenhändlern geworden, weil sie Rassisten waren. Sie wurden zu Rassisten, um Menschen für ihren eigenen Profit versklaven zu können. Sie brauchten eine ideologische Untermauerung; eine moralische Legitimierung ihrer weltweiten Plünderungsindustrie. Kurz und plakativ: Sie wollten gut schlafen.“

Weiße Menschen haben sich selbst zu einer „überlegenen Rasse“ erklärt. Diese Theorie trugen sie während der Kolonialisierung in fast jeden Winkel der Welt. Es stimmt also, dass weiße Menschen in diesen Momenten die Auswirkungen von Rassismus zu spüren kriegen, jedoch – anders als bei mir – nicht als Benachteiligte, sondern als privilegierte Person. Das, was vielleicht unangenehm sein mag, ist die unverdiente positive Aufmerksamkeit. Das heißt nicht, dass alle Begegnungen positiv sind.

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