"Nachts kamen so mächtige Boydbuilder-Typen"

Mo Asumang, Regisseurin und Fernsehmoderatorin. Foto: Thilo Rückeis
Mo Asumang kämpft gegen Rassismus „Ich bin Globuli für Nazis“

Der Frontmann Lars Burmeister wurde zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. Um ihn zu sprechen, sind Sie Jahre später mit einer geliehenen Harley Davidson zu einem Rocker-Klubhaus am Berliner Stadtrand gefahren. Was sollte das?

Wenn ich mit meinem Roller ankomme, dachte ich, lachen die mich aus. Da standen dann zwei, drei Dutzend Rocker aus dem rechten Milieu. Kein Burmeister zu sehen. Ich habe nach ihm gefragt und gewartet, mit einigen auch geredet. Er kam nicht raus. Was wühlst du in der Vergangenheit rum? Als es langsam Nacht wurde, kamen so mächtige Bodybuilder-Typen und meinten, wenn ihr jetzt nicht abhaut, knallt’s. Beim Wegfahren hatte ich das Gefühl, eine kalte Hand würde hinter mir her greifen.

Ein bisschen verrückt ist es schon, sich mit zwei Kamerafrauen solchen Situationen auszusetzen. Sie widmen sich seit diesem Song dem Thema Rassismus, zwei Filme sind entstanden und jetzt ein Buch.

Mit Rassismus bin ich seit meiner Geburt konfrontiert, insofern ist es nicht nur Beruf, sondern Herzensangelegenheit. Das Lied hatte mich verändert. Vorher war ich unbekümmert. Nun sah ich überall Nazis. Steht hinterm Hauseingang einer, gucke ich im Auto hinter die Vordersitze, unterm Bett?

Der „Spiegel“ vermutet bei Ihrer Beschäftigung mit Rassismus „eine Art Eigentherapie“.

Bestimmt ist es das auch. Ich wollte meine Lebensfreude zurückgewinnen, das ist gelungen. Meine Hautfarbe war der Grund dafür, warum ich nicht sagen konnte: Ich bin Deutsche. Durch die Auseinandersetzung mit Rassisten und der deutschen Geschichte, die ja eine große Geschichte der Migration ist, kann ich das heute ganz selbstverständlich aussprechen: Ich bin Deutsche.

Sie waren in den USA, unter 3000 Neonazis auf dem Alexanderplatz, besuchten Burschenschaftler auf der Wartburg, einen Rechtsradikalen im Gefängnis und vieles mehr. Welche Erkenntnis haben Sie aus alledem gezogen?

Es gibt nicht den Nazi. So bunt wie unsere Gesellschaft ist auch die Welt der Rassisten. Es gibt Hassprediger, die zeigen wollten, dass sie mir jede Unflätigkeit an den Kopf schmeißen können. Andere trauen sich ein „Geh doch nach Afrika“, aber nicht, mich anzuschauen. Die Mitläufer ducken sich schnell weg bei persönlichen Begegnungen. Sie leben in einer Parallelwelt, in der niemand anders ist, denkt oder redet als sie selbst. Und dann stehe ich da, mich kann man nicht einfach zutexten mit „schlimmer Ausländer“, „blöder Flüchtling“. Ich bin das Hassbild. Und ich frage, ohne sie anzufeinden – genau das zieht manch einem den Boden unter den Füßen weg. Die sind richtig verunsichert …

… und doch unverändert in ihrer Meinung?

Teilweise schon, doch ich habe mich durch diese Begegnungen in deren Unterbewusstsein eingeschlichen. Ich hoffe mal, die träumen von mir.

Und Sie glauben ernsthaft, Ihre Freundlichkeit hätte einen antirassistisch-homöopathischen Effekt?

Absolut. Ich bin Globuli für Nazis.

Sie lachen, doch Sie sagten, Sie seien schon immer Rassismus begegnet. Ihre Mutter hat Sie fünf Wochen nach der Geburt in ein Kinderheim gegeben. Aus Überforderung in einer Welt, die das Leben mit einem schwarzen Kind zum Spießrutenlauf machte?

Meine Mutter ist ein Freigeist, und ich, die Schwarze, war ihre Revolution gegen die deutsche Spießigkeit. Doch es gab noch nicht die Kita nebenan, mein ghanaischer Vater war keine Hilfe, meine Oma hat gearbeitet. Mit einem Jahr bin ich zu Pflegeeltern gekommen, am Wochenende war ich bei Mutter und Oma, die wohnten zusammen. Dann kam auch mein Vater zu Besuch. Als ich zwei war, warf uns der Vermieter aus dem Haus, zu viele Schwarze, das ging nicht in Kassel. Als Kind habe ich mich deshalb richtig schuldig gefühlt.

Vorurteile hatte nicht nur der Vermieter. Ihre Oma soll gedroht haben, sich umzubringen, als sie erfuhr, ihre Enkelin werde nicht weiß sein.

Sie soll gerufen haben: Ich schmeiße mich vor die Straßenbahn! Als sie mich in der Wiege liegen sah, war ich die Nummer eins bei ihr.

Mit zwölf Jahren haben Sie versucht, Ihre Haare zu glätten. Von alleine kam diese Idee sicher nicht?

Das war bekloppt, andere zahlen für solche Locken einen Haufen Geld. Und ich habe mir mit chemischen Mitteln die Kopfhaut verbrannt. Irgendwann wird man eben gehänselt, irgendwann sagt auf dem Spielplatz jemand „du Neger“, irgendwann wollte ich aussehen wie die anderen auch. Als Kind ist man leicht verwundbar. Ich habe mich in enge Hosen gezwängt, damit mein Hintern flacher wirkt. Dann habe ich kaum noch Luft bekommen. Rassismus bremst dich aus, er macht dich langsamer, weil du mit allem möglichen Blödsinn beschäftigt bist – auch das ist bewusste Taktik der Rassisten! Irgendwann habe ich gemerkt, so ein „Bahamian Bungy“ ist doch schick.

Ein was?

Bahamian Bungy. Ich nenne einen kräftigen Hintern so, seit ich auf den Bahamas war und die dortigen Frauen sah.

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