"Kleine Wunden, die nie heilen"

Mo Asumang, Regisseurin und Fernsehmoderatorin. Foto: Thilo Rückeis
Mo Asumang kämpft gegen Rassismus „Ich bin Globuli für Nazis“

Haben Sie auch physische Gewalt erlebt?

Ich bin Mitte der 80er Jahre nach Berlin gezogen und Taxi gefahren, da hat mich ein Kunde derart rassistisch beleidigt, dass ich ausgestiegen bin und ihn rausgeschmissen habe. Er hat meinen Kopf genommen und aufs Autodach geknallt. Ein anderer zielte nach einem Streit mit einer Neun-Millimeter-Pistole auf meinen Kopf, mitten auf der Admiralbrücke in Kreuzberg. Eine frühere Begebenheit, da muss ich so 18 gewesen sein, hatte ich komplett verdrängt, die kam bei meinen Recherchen wieder hoch. Ich führte für die Kasseler Verkehrsbetriebe Fahrgastbefragungen durch, da packte mich ein Riesenkerl eine Minute lang an der Gurgel und zog mich hoch. Die Leute schauten weg.

Was schmerzt eigentlich mehr: solche Brutalität oder die alltäglichen kleinen Spitzen?

Wenn man ständig hört, man gehöre nicht dazu, sind das lauter kleine Nadelstiche. Viele Deutsch- Türken kennen das. Nicht die große, sichtbare Wunde, die dir mit einem Mal zugefügt wird, sondern kleine Wunden, die nie heilen, weil sie ständig aufgerissen werden und neue hinzukommen.

Die afrodeutsche Sängerin und Autorin von „Deutschland Schwarz Weiß“, Noah Sow, gab ihren „unterpigmentierten Freunden“ einige Sprüche mit, die sie nie wieder hören möchte: Woher kommst du? Du kannst bestimmt gut singen? Wirst du irgendwann wieder zurückkehren?

Ich kenne diese Sätze alle. Wenn einer fragt, woher kommst du, und ich sage aus Kassel, folgt schallendes Gelächter. Mittlerweile erkläre ich, dass ich in Deutschland geboren bin und das Gelächter überhaupt nicht gut finde. Zumindest komme ich so ins Gespräch, mir ist das fast lieber, als wenn die Leute nur schweigend gucken.

Hat sich denn dieses Land in Ihrer Wahrnehmung über die Jahre verändert?

Aber wie. Die erste Zäsur war die Wende, mir schien es, als hätte man den Menschen eine Pille mit nationalem Wirkstoff verabreicht. Wir sind Deutschland! Das war im Westen Berlins nicht zu spüren gewesen. Da war man eingemauert, da war man cool. Und plötzlich gab es Bezirke, die No-go- Areas waren. Böse Blicke, blöde Sprüche, das brauche ich nicht.

Sie fahren durch das ganze Land, machen Lesungen und besuchen Schulen und Unis. Was erfahren Sie auf diesen Reisen?

Viele trauen sich, Dinge zu sagen und zu tun, die sie vorher unterdrücken mussten. Das spüre ich auf der Haut. Es schlägt mir eine Atmosphäre entgegen: Wir sind jetzt viele! Ich war kürzlich in Kreuzberg in der Post und stehe am Schalter, um Papier zu kaufen. Die Frau sagt, es gibt auch billigeres. Ich sagte, ist egal. Sie erwidert: Egal ist 88.

Der achte Buchstabe im Alphabet ist das H, 88 heißt Heil Hitler.

Sie schaute mir tief in die Augen und wiederholte langsam noch zwei Mal: Egal – ist – 88. Ich habe nicht reagiert, das ärgert mich. Ich bin nach Dresden gefahren, um eine Pegida-Demo zu sehen. Keine Glatzen, keine Shirts mit Runenschrift, normale Bürger. Mein Eindruck war, dass sich in dieser wabernden Masse von 10 000 Menschen der Kleinmütigste stark fühlen kann. Frauke Petry von der AfD sagte: Wir brauchen die Ängstlichen, um Mehrheiten zu bewegen. Ein entlarvender Satz.

In Karlsruhe wird derzeit verhandelt, ob die NPD verboten werden kann. Fänden Sie das gut?

Nein, dann sind die Nazis am nächsten Tag in einer Organisation wie der AfD, die ein etwas besseres Image hat. Die NPD soll ruhig in der Schmuddelecke bleiben.

Der Rassismus, finden Sie, sei in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Gesucht haben Sie ihn aber in kuriosen Ecken wie dem Datingportal „Odin Kontaktanzeigen, von Patrioten für Patrioten“.

Da habe ich mit Nazis gechattet, die wussten aber nicht, dass ich schwarz bin. Interessant. Die haben meine Ideologietreue geprüft mit Fragen wie „Glaubst du, dass es KZ gegeben hat?“.

Gab es eine Verabredung?

Ja, am Bahnhof Lichtenberg. Ich dachte, der Mann soll sich in der Umgebung wohlfühlen. Dem ist die Kinnlade runtergefallen, als er mich sah. Er tat mir leid, es war auch ein wenig hinterhältig, da mit versteckter Kamera aufzutauchen. Sein erster Satz war: Und, wo gehen wir hin, zu dir oder zu mir? Wahnsinn, was?

Ideologisch sattelfest war der Kamerad offenbar nicht.

Der wollte einfach poppen, Hautfarbe ist dann doch egal. Er sagte mir noch, er ginge zwar auf Veranstaltungen der NPD, esse aber trotzdem gelegentlich einen Döner.

Auch aufgeklärte Bildungsbürger sind offenbar nicht frei von Vorurteilen. Eine Journalistin der „Süddeutschen Zeitung“ absolvierte einen Test, den die Harvard-Universität ins Netz gestellt hat. Der Test ergab, sie habe eine „mittlere automatische Bevorzugung von hellhäutigen gegenüber dunkelhäutigen Menschen“.

Sie hat sich selbst bevorzugt, das ist normal.

Sind Sie gefeit vor so etwas?

Es ist schon vorgekommen, dass ich einen ärmlichen Mann sehe, den ich äußerlich im arabischen Raum verorte, und plötzlich meine Handtasche fester halte. Da denke ich: Hilfe, wie mies bin ich denn drauf! Und mach’ mich wieder locker.

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