In Venedig steigen die Touristenzahlen, meist sind es aber Wochenendgäste aus der näheren Umgebung. Ausländer fehlen – und auch ihr Umsatz. Foto: imago images/UIG
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Mehr als 43 Millionen Besucher weniger Italien vermisst Touristen aus Übersee

Der Tourismus in Italien schöpft Hoffnung. Dass Reisende aus dem Ausland fehlen, trifft die Branche aber weiter hart. Denn die bringen die größten Umsätze.

Am Wochenende herrschte wieder einmal Hochbetrieb in Venedig: In Scharen pflügten sich Touristen trotz schwüler Hitze über die Piazza San Marco; Cafés und Trattorien waren voll, an den Landungsstegen der „Vaporetti“ am Piazzale Roma, bei der Rialto-Brücke und den anderen Haltestellen entlang des Canal Grande bildeten sich lange Schlangen.

Auch die Gondolieri freuten sich über den Andrang der Touristen. „19 Monate nach dem verheerenden Hochwasser vom November 2019 und der schrecklichen Pandemie konnten wir gestern und heute endlich wieder etwas durchatmen“, erklärt Maurizio Carlotto, der Vizepräsident der Vereinigung der Gondolieri Venedigs.

Aber so richtig glücklich sieht Carlotto dabei nicht aus – denn nach wie vor ist die Lagunenstadt weit vom Ende des Ausnahmezustands entfernt. Bereits am Wochenende zuvor hatte man in Venedig 50.000 Touristen gezählt – „aber am Montag darauf war die Stadt wieder leer“, betont Carlotto.

Das Problem besteht darin, dass es sich bei den Wochenend-Touristen fast ausschließlich um Italiener handelt, die meisten von ihnen kommen aus der näheren Umgebung, dem Veneto und der Lombardei. „Sie genießen die verhältnismäßige Ruhe in der Stadt, aber am Abend fahren sie wieder nach Hause, ohne zu übernachten“, betont der Gondoliere. Im Vergleich zu 2019, dem letzten Jahr vor Covid, habe er in dieser Saison bisher höchstens 20 Prozent der Einnahmen gehabt, betont Carlotto.

Gäste aus Übersee fehlen

Das Problem kennen auch die anderen Kulturstädte Italiens: Der Binnentourismus läuft zwar an den Wochenenden wieder an, aber die Gäste aus dem Ausland kann man immer noch an einer Hand abzählen. Städte wie Venedig, aber auch die Amalfi-Küste, wo auf die ausländischen Gäste 80 bis 90 Prozent des Umsatzes entfallen, trifft dies hart.

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Zwar kommen nun seit einigen Wochen wieder die ersten Deutschen, Franzosen, Schweizer, Österreicher und Engländer nach Italien, aber die Gäste aus Übersee – insbesondere aus den wichtigen Märkten USA, China und Japan – fehlen nach wie vor fast vollständig.

Das gilt auch für Rom, wo noch immer 600 der 1200 Hotels geschlossen sind. Betreiber klagen über eine Bettenauslastung, die meist 20 Prozent nicht übersteigt. „Das wird sich in diesem Jahr nicht mehr wesentlich bessern, und deshalb werden wir wohl frühestens im Jahr 2022 zu den Umsätzen zurückkehren, die wir vor der Pandemie hatten“, betont Giuseppe Roscioli, der Präsident des Römer Hotelierverbands.

Immerhin: Im Vergleich zum Horrorjahr 2020 rechnet Roscoli in diesem Jahr mit einem Anstieg der Übernachtungen um 20 bis 30 Prozent.

Pandemie trifft Tourismus hart

Die Pandemie hat in Italiens Tourismus schwer getroffen. 2020 zählte die Branche 74 Millionen Touristen weniger als im Jahr 2019, davon 43,3 Millionen aus dem Ausland. Insgesamt hat die Branche, die 13 Prozent zur Wirtschaftsleistung des Landes beiträgt, seit Beginn der Pandemie Einbußen von fast 100 Milliarden Euro hinnehmen müssen.

In Venedig und vielen anderen Kulturstädten werden viele Betriebe – Hotels, Restaurants, Boutiquen, Souvenir-Läden, Kunsthandwerk-Ateliers – überhaupt nicht mehr aufmachen, weil die staatlichen Hilfen nicht ausreichten, um den Konkurs abzuwenden. Allein 2020 gingen im Tourismus 15000 Arbeitsplätze verloren – ohne das Kurzarbeitergeld und andere staatliche Hilfen wären es noch weit mehr.

Diejenigen jedoch, die die Krise überstanden haben, schöpfen allmählich wieder Hoffnung. Von diesem Montag an ist ganz Italien – außer dem Aosta-Tal – wieder eine „weiße Zone“ – bezüglich Covid-Fallzahlen in der niedrigsten Gefahrenstufe.

„Rom hat in seiner Geschichte schon ganz anderes überlebt“, betont Fortunato Vullo. Foto: Dominik Straub. Vergrößern
„Rom hat in seiner Geschichte schon ganz anderes überlebt“, betont Fortunato Vullo. © Dominik Straub.

„Wir haben bereits am 1. Mai wieder aufgemacht, das hätten wir nicht getan, wenn wir nicht überzeugt wären, dass das Schlimmste hinter uns liegt und dass auch die ausländischen Touristen und Pilger nach und nach wieder nach Rom kommen werden“, sagt Fortunato Vullo, Besitzer des Ristorante Opera gegenüber der Engelsburg. Im Moment bedient er zwar ebenfalls fast nur Einheimische – aber das werde sich schon noch ändern: „Rom hat in seiner Geschichte schon ganz anderes überlebt“, betont Vullo.

Neue Hoffnung

Hoffnung schöpft auch der Minister für Tourismus, Massimo Garavaglia. „Die Situation hat sich verbessert: Die Fallzahlen sind tief, wir haben schon mehr als 40 Millionen Impfdosen verabreicht – jetzt können wir mit größerer Zuversicht in die Zukunft blicken und nach einem schrecklichen Jahr endlich wieder durchstarten“, betont der Minister.

Hohe Erwartungen setzt Garavaglia vor allem in die europäische Green Card, die am 1. Juli zur Verfügung stehen wird: Die Einreise nach Italien wird noch unkomplizierter. Die Quarantäne für Reisende aus dem Schengen-Raum war schon Mitte Mai abgeschafft worden – und mit der Green Card wird auch nicht mehr, wie bisher, ein negativer Test erforderlich sein.

Schon jetzt ist die Zahl der ausländischen Touristen in diesem Jahr gegenüber 2020 um 15 Prozent gestiegen.

Ansturm am Strand

„Das Meer hat uns letztes Jahr gerettet, und es wird uns auch dieses Jahr wieder retten“, sagt Sergio Palazzo. Foto: Dominik Straub Vergrößern
„Das Meer hat uns letztes Jahr gerettet, und es wird uns auch dieses Jahr wieder retten“, sagt Sergio Palazzo. © Dominik Straub

Viel weniger Sorgen machen sich diejenigen Ferienorte, die weniger abhängig von den ausländischen Gästen sind. „Wir konnten zwar auch schon im vergangenen Jahr erst mit Verspätung öffnen – aber nach dem Abklingen der ersten Covid-Welle hatten die Italiener einen derartigen Nachholbedarf, dass wir völlig überrannt wurden und eines unserer besten Geschäftsjahre verzeichneten“, berichtet Sergio Palazzo, der im Badeort Sperlonga zwischen Rom und Neapel einen Lido betreibt.

Noch sind die meisten Sonnenschirme in seinem Strandbad frei, zumindest unter der Woche; der große Ansturm beginnt jeweils erst Mitte Juli. Das beunruhigt Sergio Palazzo nicht: „Das Meer hat uns letztes Jahr gerettet, und es wird uns auch dieses Jahr wieder retten.“

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