Kann Deutschland die vierte Corona-Welle brechen? Anne Will und Gäste diskutieren. Foto: Screenshot von https://daserste.ndr.de/annewill/index.html
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Zum 35. Mal Thema Corona bei „Anne Will“ Wenn eine fassungslose Virologin zögerliche Politiker trifft

Bei Anne Will halten zwei Wissenschaftlerinnen den anwesenden Politikern ihr Versagen in der Coronakrise vor. Es ist eine Lehrstunde.

Einen ganzen langen Wahlkampf lang haben die Parteien die nötige Offenheit vermissen lassen, sich ohne Verharmlosungen dem einzigen Thema zu stellen, dass dieses Land fast über Nacht an den Abgrund bringen könnte: Wie bewältigen wir die Corona-Epidemie?

Auch viele Politik-Talkshows waren mehr damit beschäftigt, Verharmloser und Dramatisierer in Hahnenkampfstellungen zu bringen, als aufzuklären. Anne Will hatte ihren Anteil daran. dpa hat nachgezählt: Am Sonntagabend war Corona zum 35. Mal Thema.

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Aber dieses Mal war vieles anders. Weitsichtig hatte Tagesspiegel-Medienexperte Joachim Huber bereits am Sonntag erkannt: In der Besetzung der Talk-Shows zeichnet sich eine Wende ab, weg von spektakulären Freund-Feindabrechnungen hin zu Politikern, die sich um zielführende Strategien in der Bekämpfung der Pandemie sorgen – im Dialog mit Expertinnen und Experten, die nicht nur wissen, sondern auch raten und beraten.

Das waren die Gäste, die Joachim Huber wohl meinte: Für die Wissenschaft Melanie Brinkmann, Virologin und Professorin an der Technischen Universität Braunschweig, und Cornelia Betsch, Professorin für Gesundheitskommunikation Universität Erfurt, sie hat intensiv zum Thema Impfgegnerschaft geforscht.

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Es waren diese beiden Frauen, die den Politikerinnen und Politikern genauso nüchtern wie vom Tenor ihrer Aussagen her dramatisch deren kommunikatives Versagen in der Vergangenheit vorhielten.

Melanie Brinckmann, die fassungslos anprangerte, dass Großveranstaltungen mit tausenden von Menschen überhaupt noch gestattet würden, wenn deren Folgen für einen geradezu explosiven Anstieg der Erkrankungen absehbar seien.

Cornelia Betsch, die wissenschaftlich-nüchtern konstatierte, dass die Politik sich einen ganzen Sommer lang um die nötigen Maßnahmen gedrückt habe; dass aber die Menschen ohne klare Vorgaben nicht glaubten, dass die Lage wirklich ernst sei.

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Und beide zusammen geradezu beschwörend, warum die Politik nicht schon längst täglich darauf hinweise, dass neun von zehn Neuansteckungen bei Ungeimpften registriert würden, und dass sich schon daraus der Ansatzpunkt für permanentes öffentliches Werben und Drängen für das Impfen ergebe.

Der Sommer der vertanen Chancen

Und die anwesenden Politiker? Sie taten sich schwer, einzugestehen, dass tatsächlich ein Sommer der vertanen Chancen hinter ihnen lag.

Immerhin waren sich Hubertus Heil (SPD), Bundesminister für Arbeit und Soziales, Tobias Hans (CDU), Ministerpräsident im Saarland an der Spitze einer Koalition aus CDU und SPD, und die FDP-Politikerin Marie-Agnes Strack-Zimmermann am Ende darin einig, dass eine Impfpflicht – kein Impfzwang – in allen Berufen erforderlich sei, die in Kontakt mit besonders gefährdeten Gruppen kommen; hier solle man der Regelung bei Masern folgen.

Gab es so etwas wie eine gemeinsame Schlussfolgerung am Ende? Ja, wer nach dieser Lehrstunde an Politikberatung – die Wissenschaftlerin Cornelia Betsch benutzte den Begriff unter Bezug auf den dramatischen Appell von RKI-Chef Lothar Wieler – nichts begriffen hat, macht sich selbst mit schuldig, wenn dieser Winter ein grausamer Winter wird.

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