Vom Nachteil geboren zu sein. Elli („Lena Watson“, ein Pseudonym) verdreht als Androide einem traumatisierten Mann den Kopf. Dann wartet eine neue Identität auf sie. Foto: ZDF und Panamafilm Timm Kröger
© ZDF und Panamafilm Timm Kröger

ZDF-Reihe „Dystopia“ Lolita ex Machina

Können Androiden lieben? Wird es bald Zwangssterbehilfe geben? Eine „Dystopia“-Reihe im ZDF.

„Der Zufall ist der Schnittpunkt mehrerer Notwendigkeiten“, hat der polnische Aphoristiker Stanislaw Jerzy Lec einmal geschrieben. Dieser „unfrisierte Gedanke“ könnte das Credo von drei formal wie inhaltlich völlig unterschiedlichen Filmen im ZDF über die nahe Zukunft sein, die die Redaktion von „Das kleine Fernsehspiel“ unter dem Sammelnamen „Dystopia“ einem anspruchsvollen Publikum nun präsentiert.

„Eigentlich hatten wir bei der Annahme der aktuellen Projekte keine Sendereihe im Kopf“, sagt Burkhard Althoff, seit 2008 stellvertretender Leiter der Nachwuchsschmiede des Mainzer Senders. Man habe später gesehen, dass sie sich sinnvoll bündeln ließen: „Wir haben nicht geplant: ‚Macht uns mal Zukunftsvisionen!‘“ („Dystopia“ , erste Folge, „Vom Nachteil geboren zu sein“, Montag, 0 Uhr 05. Dann im Wochenrhythmus. Alle drei Filme in der ZDF-Mediathek).

Bei dem seit 1963 bestehenden Format „Das kleine Fernsehspiel“ gab es schon in den Anfängen immer wieder mal Science-Fiction: So von Andrzej Wajda. Sein halbstündiger Kurzfilm „Organitäten“ (1968), basierend auf einer Kurzgeschichte von Stanislaw Lem, erzählt die Geschichte eines Rennfahrers, der so viele Transplantationen hatte, dass er die Spender gar nicht mehr auseinander halten kann.

Zwischen 2006 und 2011 gab es die mittlerweile ikonographische Reihe „Ijon Tichy: Raumpilot“. Und nun also „Dystopia“, die negative Umkehrung von Thomas Morus‘ 1516 erschienener Schrift „Utopia“. Denn Zeit (und Staat) sind bei den bemerkenswerten, gar nicht billig aussehenden Low-Budget-Filmen, aus den Fugen geraten.

Eines Tages wartet eine neue Identität auf sie

Zum Auftakt beeindruckt und verstört zugleich „Vom Nachteil geboren zu sein“ (Originaltitel „The Trouble with Being Born“). Das Kammerspiel der aus der Steiermark stammenden Regisseurin und Drehbuchautorin Sandra Wollner ist eine Abschlussarbeit der Filmakademie Baden-Württemberg.

Lolita heißt hier Elli (die junge Hauptdarstellerin wird, um sie zu schützen, unter dem Pseudonym Lena Watson geführt) und verdreht als Androide dem traumatisierten Georg (Dominik Warta), den sie ihren Vater nennt, regelrecht den Kopf. Eines Tages wartet eine neue Identität auf sie.

Der visuell atemberaubende Film ist angenehm entschleunigt inszeniert, dabei experimentell innovativ (die mit VFX bearbeitete Maske des Sex-Roboters) und konsequent aus der (hypothetischen) Perspektive der „Ex Machina“ erzählt. Sandra Wollner wertet nicht. Sie stellt Fragen wie: Was ist das menschliche Ich, und was ist der menschliche Wille?

„Hyperland“ ist epischer und mit einem Budget von 1,5 Millionen Euro (darunter Fördergelder) fast drei mal so teuer wie die zwei anderen Filme. Autor und Regisseur Mario Sixtus analysiert darin die digitale Zukunft. Künstler-Scout Cee (Lorna Ishema) gerät in eine existenzbedrohende Hetzkampagne und entdeckt: Im Verborgenen arbeiten bezahlte Experten daran, die Reputation ihrer Kunden auf Hochglanz zu bringen – oder den Ruf von Konkurrenten zu vernichten.

Allerdings zeigt dieser futuristisch fotografierte Cyber-Krimi nicht nur einen negativen Ausblick, sondern auch die Vorteile der digitalen Vernetzung, um eben gegen Ungerechtigkeiten auch kollektiv vorzugehen.

„Endjährig“ von Willi Kubica hat ebenfalls ein brisantes Thema: Zwangssterbehilfe ab 80 Jahren. Die Gesellschaft entscheidet, ältere Menschen zu töten, um die Lebensverhältnisse für jüngere zu verbessern. Milo (Peter Meinhardt) will diesem Schicksal entfliehen und muss sich dabei mit dem Filius Karl (Matthias Lier) aussöhnen. Der Film erinnert an den Überbevölkerung-Thriller „Jahr 2022... die überleben wollen“ (1973) mit Charlton Heston und Edward G. Robinson, wo die Alten in Kliniken zu idyllischen Filmeinspielungen und Tschaikowski-Klängen eingeschläfert werden.

Druck wird zumindest nicht auf „Das kleine Fernsehspiel“ ausgeübt: „Unsere Hauptaufgabe ist Nachwuchsförderung. Die Quote ist dabei nicht die Messlatte“, sagt Althoff. „Tatsächlich habe ich es noch nicht erlebt, dass uns im Sender vorgehalten würde: ‚Oh, der Film letzte Montagnacht war aber schlecht eingeschaltet!‘“ Irgendwie sympathisch: Innovation statt Quote.

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