Auf dem Treffen des Reporter-Forums am Wochenende in Hamburg wurde leidenschaftlich über die Konsequenzen für den Journalismus und die Reporter-Preise diskutiert. Mit dabei: der Mitgründer der Reportervereinigung, Cordt Schnibben (rechts). Foto: Daniel Wolcke
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Workshop des Reporter-Forums Krisengipfel am Ground Zero

Vertrauen zurückgewinnen, neue Skandale verhindern. Das Reporter-Forum arbeitet den Fall Relotius auf.

Ground Zero also. Damit vergleicht der Blattmacher des „Spiegels“, Clemens Höges, in seinen Eröffnungsworten zum diesjährigen Workshop des Reporter-Forums den Schaden, den die Fälschungsaffäre um den ehemaligen „Spiegel“-Reporter Claas Relotius angerichtet hat. Die dramatische Sprache, die für den „Spiegel“ typisch und die in den vergangenen Monaten oft in die Kritik geraten ist, will sich Höges offensichtlich nicht nehmen lassen. Das Reportageressort im „Spiegel“, ein qualmendes Trümmerfeld. Der Rest der Branche mit giftigem weißen Staub überzogen wie damals das südliche Manhattan. Meint er das? In Zeiten von Fake News und Populismus reiche die Affäre sogar über den Journalismus hinaus, erklärt Höges. In den kommenden zwei Tagen werde es darum gehen, sich zu überlegen, wie man das Vertrauen der Leser zurückgewinnen könne.

"Vertrauen verspielen, Vertrauen gewinnen"

Am vergangenen Freitag und Samstag hatte das Reporter-Forum gewissermaßen zum Krisengipfel ins Hochhaus des „Spiegel“ geladen. Titel: „Vertrauen verspielen, Vertrauen gewinnen“. Der alljährliche Workshop wurde diesmal extra vorverlegt, um über die Nachwirkungen der Betrugsaffäre um Claas Relotius zu diskutieren. Relotius, über den man sonst immer noch so wenig weiß, war ein fleißiger Fälscher. Er streute seine Artikel in der deutschen und Schweizer Zeitungslandschaft.

Doch beim „Spiegel“ war er zuletzt fest angestellt. So findet sich Clemens Höges gleich im ersten Panel, in dem es um die Aufarbeitung des Falls geht, unter ziemlich aufgebrachten Kollegen wieder. „Fassungslos“ habe ihn der Umgang mit dem teilweise gefälschten Interview mit der Widerstandskämpferin Traute Lafrenz gemacht, sagt der österreichische Nachrichtenmoderator Armin Wolf. „Sie finden die letzte Überlebende der Weißen Rose, und es gibt keinerlei Dokumentation!“ – weder als Autorisierung noch auf Tonband. Höges pflichtet dem Kollegen bei. Dieses Gespräch hätte nicht gedruckt werden dürfen. „Absoluter Fehler.“ Doch Wolf, der sich wegen seiner kritischen Interviews mit FPÖ-Politikern bis nach Deutschland einen Namen gemacht hat, hakt nach. Er wolle wissen, wie der Fehler passiert sei! Darauf- hin verweist Höges auf den noch ausstehenden Bericht der Untersuchungskommission des „Spiegels“, von dem er nichts erzählen dürfe. Die Mitarbeiter des Hauses sollten als Erste von den konkreten Ergebnissen erfahren.

Claas Relotius hat mit seinen Fake-Reportagen nicht nur das Ansehen des „Spiegel“ beschädigt. Foto: Ursula Düren/dpa Vergrößern
Claas Relotius hat mit seinen Fake-Reportagen nicht nur das Ansehen des „Spiegel“ beschädigt. © Ursula Düren/dpa

Offenherziger sind die fünf Juroren des Reporter-Preises, die in der zweiten Workshop-Runde zusammenkamen. Sie hatten das Pech, dass sie eine Woche, bevor die Fälschungen aufgeflogen waren, den Preis für die beste Reportage des Jahres an Relotius vergeben hatten.

Seine wahre Karriere machte der als Journalistenpreisträger. Diesmal hatte er die Juroren damit beeindruckt, angeblich den Jungen aufgetan und über Skype durch Aleppo begleitet zu haben, der mit einem Graffito den Syrienkrieg ausgelöst hatte. Friedrich Küppersbusch erzählt, dass er sich schon ein bisschen gewundert habe, wie das technisch in einem Kriegsgebiet klappen konnte, wo er selbst bereits am Leverkusener Kreuz keine Whatsapp mehr empfangen könne. Doch er habe angenommen, dass das Recherchematerial der Redaktion vorliege.

Der frühere ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender berichtet Ähnliches. „Mein Argument war“, sagt er, „dass Relotius doch monatelang über Skype mit dem Jungen kommuniziert hat.“ Die Filme müsse er aufgezeichnet haben, denn so lange reiche sein Gedächtnis nicht. Die würde sich ein Kollege bestimmt angesehen haben: „Gar nicht aus Kontrolle, sondern aus Interesse: Wie ist der Junge so?“ Jurys, so viel ist klar, sind auf halbwegs aufmerksame Redaktionen angewiesen. Um Betrüger ein wenig abzuschrecken, schlägt die Publizistin Cigdem Akyol vor, künftig ein Rechercheprotokoll einzufordern: „Dass man das Gefühl hat, es könnte kontrolliert werden.“

Kontroll-Selfies von der Recherche

Doch die fälschungssichere Reportage wird es nie geben. Um die eigene Arbeit für den Leser transparenter zu machen, wie die Investigativ-Reporterin der „Welt“- Gruppe, Tina Kaiser, erklärt, hat sie mit Kollegen einen Sieben-Punkte-Plan erstellt. Demnach dürfen Fehler online nur noch sichtbar korrigiert werden. In einem weiteren Punkt werden Reporter aufgefordert, Selfies von sich bei der Recherche zu machen.

Kernstück ist, dass in einem Artikel auf alle Quellen verlinkt werden soll. Und anonyme Personen soll es nur noch geben, wenn dies ausdrücklich von der Chefredaktion genehmigt wurde.

Cordt Schnibben, Gründer des Reporter-Forums, hält das bisherige Regelwerk für ausreichend. Für journalistische Qualität sei eine gründliche Recherche entscheidend. Sinnvoll sei außerdem, mitunter in Teams zu arbeiten und Reportern die Freiheit zu geben, sich nach der Recherche gegen eine Reportage und für einen Report oder ein anderes journalistisches Format entscheiden zu können.

Vor allzu strikten Regeln warnt auch der Berner Philosoph Christian Budnik, der erforscht, was Vertrauen ausmacht, ein Begriff, der für den Journalismus so entscheidend ist. Genauso wenig förderlich seien permanente Selbstanklagen, um Glaubwürdigkeit wiederzuerlangen. Der Ruf der deutschen Medien sei immer noch gut, sagt Budnik. Leute, die sich vom Journalismus abgewendet hätten, fühlten sich vielleicht bestätigt. Doch wer ein gesundes Ausmaß an Vertrauen in die Medien habe, werde von Relotius’ Fälschungen nicht abgeschreckt.

In dem Sinne äußert sich auch Clemens Höges. Während anfangs Leser Zweifel geäußert hätten, sagt er, bekämen sie mittlerweile vor allem Lob für ihre Aufklärungsanstrengungen. Auch in der Auflage seien keine Auswirkungen der Affäre zu erkennen. Das kann man Höges glauben oder nicht. Belege für seine Aussage hat er jedenfalls nicht hinterlegt.

Korrekturhinweis: In einer früheren Version des Textes schrieben wir versehentlich, dass es sich bei Clemens Höges um den stellvertretenden Chefredakteur des "Spiegels" handelt. Das ist nicht korrekt. Wir haben den Fehler korrigiert und bitten um Entschuldigung.

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