Am 24. Juni 1996 erschien die erste Ausgabe von „Russkij Berlin“. Foto: Promo
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Wochenzeitung "Russkij Berlin" „Aber wir leben“

Seit 25 Jahren erscheint „Russkij Berlin“, eine deutsche Wochenzeitung in russischer Sprache.

Stolz darf man sein zum Jubiläum. Vor genau 25 Jahren ist die erste Ausgabe der Wochenzeitung „Russkij Berlin“ erschienen. „Wir sind die letzte russischsprachige Zeitung auf dem Berliner Markt, die einzigen, die geblieben sind“, sagt Verleger Dmitri Feldmann am Telefon. Einige haben es versucht, russische Medien in der deutschen Hauptstadt zu platzieren. Vor allem in den 90-er Jahren, als eine Welle von Spätaussiedlern nach Deutschland übersiedelte. So kamen auch die Brüder Feldmann 1990 aus Riga nach Berlin. Boris, der eine journalistische Ausbildung hat, ist Chefredakteur.

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Für fast jeden zehnten Berliner ist Russisch die Muttersprache. Diese Menschen zu erreichen, schien ein lukratives Geschäftsmodell. Doch erfolgreich war letztlich nur eine einzige Zeitung. „Russkij Berlin“ bringt es heute im Verbund mit „Russkaja Germania“ und der „Reinskaja Gazeta“ auf eine Auflage von gut 60 000 Exemplaren.

Am Anfang war Politik kein großes Thema in der Zeitung. „Die Spätaussiedler brauchten Rat und Hilfe“, sagt Feldmann. Vier Seiten waren den Antworten auf die Fragen der Leser gewidmet. Das Geld wurde mit Kleinanzeigen verdient, und so ist es im Wesentlichen bis heute geblieben. Anders als in deutschsprachigen Zeitungen, deren Kleinanzeigen ins Internet abgewandert sind. „Uns schreiben die Leute noch Briefe“, sagt Feldmann. „Manche müssen drei Wochen warten, bis ihre Anzeige erscheint.“

Anzeigengeschäft ist geschrumpft

Die Krise der auf Papier gedruckten Medien macht aber auch um „Russkij Berlin“ keinen Bogen. „In der Coronakrise ist unser Anzeigengeschäft beträchtlich geschrumpft“, erklärt der Verleger. „Aber wir leben“, setzt er mit einem tiefen Seufzer hinzu. Auch wegen der unsicheren Aussichten betreiben die Feldmann-Brüder seit einiger Zeit einen russischsprachigen Radiosender.

In der Zeitung geht es inzwischen weniger um Service und mehr um Politik. Das ist ein schwieriger Balanceakt für ,Russkij Berlin“, bekennt Feldmann. „Wir sind eine unabhängige Zeitung, wollen eine Vielfalt politischer Ansichten spiegeln“, sagt er. Von russischen Stellen habe man nie einen Cent bekommen. Die Leser sind überwiegend konservativ. „Viele sind der CDU immer noch dankbar dafür, dass sie die Spätaussiedler nach Deutschland geholt haben. Manche sympathisieren inzwischen aber auch mit der AfD, weil sie enttäuscht darüber sind, immer noch gleichwertige Bürger angesehen zu werden.“

Keine russische Zeitung

Ein weiteres Problem kommt hinzu: „Wir sind eine Zeitung in russischer Sprache, keine russische Zeitung“, erläutert Feldmann. Gelesen wird das Blatt von Russen wie Ukrainern – was vor sieben Jahren, als Russland die Krim annektierte, zu heftigen Kontroversen unter den Lesern führte. „Wir haben beiden Seiten Raum gegeben“, erklärt der Verleger. Geschadet hat es der Auflage nicht.

Im Herbst wird in Russland wie in Deutschland gewählt. Die Bundestagswahl sei für die Leser von „Russkij Berlin“ die sehr viel wichtigere, ist Feldmann über zeugt. „Wir sind eine deutsche Zeitung in russischer Sprache.“ Frank Herold

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