Mark Waschke als Hauptkommissar Robert Karow und Meret Becker als Hauptkommissarin Nina Rubin im Berliner Tatort (Archivbild) Foto: dpa/Britta Pedersen
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Wenn „Actout“ einengt Ist alles gut, wenn es mehr schwule Kommissare gibt?

TV-Rollen erhöhen die Sichtbarkeit, das wäre für Minderheiten ein Gewinn. Aber sie würden wohl auch etwas verlieren: die Freiheit von Klischees. Eine Kolumne.

Bei der Hochzeit von Meja und Sunny passiert das Ungeheuerliche: An dem Tisch, an dem Mejas und Sunnys Eltern sitzen, funkt es zwischen Mejas Mutter und Sunnys Vater. Angeheitert absentieren die beiden sich später und treiben es schnell.

Dann die Katastrophe: Mejas Mutter, obwohl an die 50, ist schwanger. Wie die beiden Familien damit umgehen, erzählt die schwedische Fernsehserie „Eine Hochzeit mit Folgen“.

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Was sie nicht erzählt, ist, wieso mit Meja und Sunny zwei junge Frauen vor den Altar treten. Das ist einfach so.

Vielleicht ist es ein Mehr von solchen Szenen, die jene 185 Schauspielerinnen und Schauspieler im Sinn hatten, die sich kürzlich im Magazin der „Süddeutschen Zeitung“ zeigten, um zu bekunden, dass sie lesbisch, schwul, transgender, intersexuell oder nicht-binär seien, und dass sie sich damit in diesem Land nicht so sicher fühlen, wie sie gerne würden.

Sie wünschten sich mehr Sichtbarkeit für ihre Identitäten, in den Filmen und auch beim ganzen Drumherum.

Es gab nach dem Auftritt, der im Internet unter dem Hashtag „Actout“ firmiert, viel Streit. Soll hier die Mehrheitsgesellschaft untergebuttert werden, macht sich eine scheinwerferverliebte Gruppe zu wichtig, oder haben alle diejenigen, die dem ganz un-woke nicht freudig zustimmen, mal wieder den Schuss nicht gehört?

Es ist in etwa derselbe Streit, der sich an allen Themen entzündet, die identitätspolitisch heißen. Weniger ging es bisher um die Anregungen an Filmindustrie und TV-Programmdirektionen.

Von denen mehr Abwechslungsreichtum zu fordern, dürfte allgemein anschlussfähig sein, so immergleich ist vieles. Das könnten wie in der schwedischen Serie Rollen mit lesbischem, schwulem, nicht-binärem Hintergrund sein, ohne dass diese sexuelle Identität gleich problematisiert oder sonst wie groß Thema wird. Damit wäre mehr Sichtbarkeit gegeben und also etwas gewonnen. Aber vermutlich würde auch etwas verloren gehen.

Carolin Emcke hat vor vielen Jahren in einem Radiogespräch über ihr Buch „Wie wir begehren“ sinngemäß gesagt, dass die Abwesenheit von fertigen Bildern eine große Freiheit beim Entdecken lesbischen Begehrens gewesen sei.

Eine Freiheit, die darin lag, dass nicht fast alles, was man für sich neu entdeckte, schon x-mal über die Leinwand geflimmert ist. Das klang beneidenswert.

Immer noch mehr Stereotype, die Freiheiten einengen?

Filme wirken auf die Menschen, hinterlassen Bilder, die etwas zeigen, das sich im realen Leben so vielleicht nie einstellt. Dennoch wird dem nachgestrebt, statt sich selbst und der eigenen Erfahrung zu trauen. Da kommt viel Unglück bei raus, denn man reicht meist nicht ran.

Die Macht der Bilder zeigt sich auch beim Pornokonsum junger Leute, die dann bei ihrem „ersten Mal“ ganz unsicher werden, weil es nicht ist, wie erwartet.

Könnte es also sein, das mit jeder Bettszene eines schwulen Kommissars etwas von der Bilderfreiheit verschwindet? Dass nur immer noch mehr Stereotype in die Welt kämen, denen Menschen entsprechen wollen, es nicht schaffen und unglücklich werden? Diesmal eben auch LGBT-Menschen?

„Ich komme aus einer Welt – und ich denke, wir alle –, die mir nicht von mir erzählt hat“, sagt der junge Schauspieler Tucke Royale in dem SZ-Magazin-Text. Den Mangel kann man sofort nachvollziehen. Zugleich kann eben diese Erzählung von einem selbst ein Problem werden. Wenn sie anfängt, einen einzuengen.

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