Regisseur Luchino Visconti (links) und Björn Andrésen bei den Dreharbeiten zu „Tod in Venedig“. Foto: M. Tursi Archivio Enrico Appet
© M. Tursi Archivio Enrico Appet

Viscontis legendäre „Tod in Venedig“-Verfilmung Was aus dem schönsten Jungen der Welt wurde

Eine Arte-Dokumentation über Björn Andrésen, den Tadzio aus der legendären 1971er „Tod in Venedig“-Verfilmung von Luchino Visconti.

Dann kommt der Moment, als die Tür aufgeht: Scheu, zögerlich, hadernd geht er in den Raum hinein, die schwere Altbautür schließt sich hinter ihm. Der Junge mit dem blonden, wallenden Haar steht da, Blicke streifen ihn, studieren ihn. Es sind die Blicke von Regisseur Luchino Visconti, der sich 1969 auf Reisen quer durch Europa befindet und auf der Suche nach dem perfekten Jungen ist. Er will „Tod in Venedig“ von Thomas Mann verfilmen, die Rolle des gesuchten Jungen ist die des Tadzio.

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Nach Stationen in verschiedenen Metropolen ist Visconti mit seiner Entourage in Stockholm angekommen. Eine Vielzahl an Jungen ist zum Casting anwesend, jeder muss einzeln durch die Tür treten. Als der 15-jährige Björn Andrésen eintritt, habe sie sofort bemerkt, dass sich an Visconti grundlegend etwas geändert habe, sagt die damalige Casterin heute. Der Meisterregisseur hat seinen Todesengel gefunden.

"Er ist sehr schön. Sehr gut!"

In dem schwedischen Dokumentarfilm „The Most Beautiful Boy in the World“, der nun in deutscher Erstausstrahlung zu sehen ist, sind neben vielen Archivaufnahmen, die in dieser herausragenden Qualität und Quantität wohl noch nie gezeigt wurden, auch jene enthalten, die die erste Begegnung von Visconti und Björn Andrésen festhielten. Nachdem er Luft geholt hat, entfährt es dem Maestro, der Junge sei sehr groß. „Aber er ist sehr schön! Schön! Sehr schön, sehr gut!“

Das schwedische Regie-Duo Kristina Petri und Kristian Lindström hat in diversen Archiven wahre Trouvaillen aufgetan: von der Entdeckung Tadzios, den Dreharbeiten zu „Tod in Venedig“ bis hin zu raren Momenten jenseits der Premiere des Films. Und sie haben Björn Andrésen vor die Kamera zu bekommen, der heute einsiedlerisch in seiner winzigen, beinahe verwahrlosten Wohnung in Stockholm lebt. Sie begleiten ihn, vielleicht ein letztes Mal, an den Ort seines so ambivalenten, längst vergangenen Ruhms: Venedig.

(„Der schönste Junge der Welt“, Arte, Montag, 22 Uhr 20)

Ein halbes Jahrhundert später kehrte der schwedische Schauspieler an den Lido zurück. Foto: Mantaray Film Vergrößern
Ein halbes Jahrhundert später kehrte der schwedische Schauspieler an den Lido zurück. © Mantaray Film

Andrésen, 1955 geboren, hat noch immer, so wie als Tadzio 1971, lange Haare. Inzwischen sind sie ergraut, sein Vollbart auch. Es wirkt, als wolle er sich hinter all dem dichten Haar verstecken vor dieser Welt, die ihm nie geheuer war. Seine Schwester beschreibt ihn als hypersensibel und sehr scheu. Das gilt für den Jungen damals, der Visconti so sehr faszinierte, wie für den Mann heute. In all den Jahren hat Andrésen in ein paar Filmen mitgewirkt, er hat etwas Musik gemacht, aber er trägt eine Last mit sich durchs Leben: seine Entdeckung und Ikonisierung durch Luchino Visconti.

„Ich hatte keine Ahnung, welche Ausmaße das Ganze hatte. Natürlich war es großartig, ins Ausland zu kommen, in ein Land, in dem ich noch nie war - für eine Art coolen Ferienjob.“ Während der Dreharbeiten schwärmt Visconti internationalen Fernsehteams vor: „Er ist blond, hat ein perfektes Profil und graue Augen. Sehen Sie, er hat diese grauen Augen, ,die Farbe des Wassers’, wie Thomas Mann schrieb.“ Diese dokumentarischen Aufnahmen offenbaren zugleich noch etwas anderes: wie unwohl sich dieser scheue Junge Björn dabei fühlt. Er wird der Presse regelrecht vorgeführt. „Er muss kalt sein wie eine Statue. Er hat die Rolle genau begriffen – er ist perfekt“.

Andrésen fühlte sich wie in einem Albtraum

Doch das Schlimmste steht Björn Andrésen erst noch bevor: Die Weltpremiere am 1. März 1971 in London, in Anwesenheit der Queen und Prinzessin Annes sowie die Aufführung im Wettbewerb der Filmfestspiele von Cannes im Mai. Vor der Weltpresse erklärt der Regisseur – der sich nach dem Film nicht mehr um den Jungen kümmert, der Vollwaise ist – seinen vollkommen unerfahrenen Jungdarsteller als schönsten Jungen der Welt: es wird anderntags die Schlagzeile sein. „Ich war ziemlich verschreckt“, sagt Björn Andrésen heute. „Es war, als ob die ganze Zeit Schwärme von Fledermäusen um mich herumflogen – wie in einem Albtraum.“

In der letzten Einstellung steht der 65-jährige Andrésen am Ufer der Lagune von Venedig. Es ist früher Abend, blaue Stunde. Er blickt auf das Wasser, und dazu werden jene Sequenzen einmontiert, die ihn als 15-Jährigen in Viscontis Epos zeigen: Wie Tadzio ins Meer geht, stehen bleibt und seine Silhouette zu sehen ist. Dann stemmt er seinen rechten Arm in die Hüfte, um den linken in einer Diagonalen in die Luft zu heben. Es ist ein ikonisches Bild. Zwischen diesen beiden Bildern liegen genau 50 Jahre. Das Bild des Björn Andrésen von heute hingegen ist eines, das nachdenklich hinterlässt. Visconti sagte 1971 über Björn Andrésen und seinen Tadzio: „Wer die Schönheit erblickt, erblickt den Tod.“

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