Orientierung? Die Sicht des ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán auf die EU darf auf der Homepage der Nachrichtenagentur V4NA nicht fehlen. Screenshot: Tsp
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Viktor Orbán und die Medien RT geht auch auf Ungarisch

Rechte Perspektive: Die neue Nachrichtenagentur V4NA steht den Orbán-Medien nahe. Das erinnert an einen anderen Ableger.

Das in London ansässige Unternehmen V4NA firmiert als Nachrichtenagentur. Doch der Themenmix wirkt auf den ersten Blick sehr schrill: Zwischen tatsächlich sehr nachrichtlich anmutenden Texten berichtet ein kürzlich veröffentlichter Artikel davon, dass sich eine Professorin der von George Soros finanzierten Central European University angeblich den Tod von Ungarns Ministerpräsident Viktor Orbán wünscht. Ein „mysteriöser Einkauf“ des tschechischen Ministerpräsidenten Andrej Babiš in Deutschland wird als Aufmacher vermeldet. Und ebenso, dass der rechtspopulistische Innenminister Italiens, Matteo Salvini, mit der Beschlagnahmung von Flüchtlingsrettungsbooten droht.

Die Mischung aus Nachrichten, rechten Nischenthemen und Skurrilem ist nicht neu. Ein wenig erinnert das an die Versuche russischer Staatsmedien wie RT, auf ausländischen Medienmärkten Fuß zu fassen und Einfluss auf die Meinungsbildung zu nehmen. Im Fall von V4NA jedoch dürfte das Kommunikationsinteresse von Budapest aus gelenkt werden.

Laut Informationen der Nachrichtenagentur Reuters ist die V4NA Limited Company auf den Namen des ungarischen Botschafters in Großbritannien, Kristof Szalay-Bobrovniczky, registriert. Viktor Orbáns Spin Doctor Arpad Habony soll über seine Beratungsfirma Danube Business Consulting 40 Prozent der Anteile an der Nachrichtenagentur halten.

Das „V4“ im Namenskürzel steht dabei vermutlich für die aus Polen, Tschechien, der Slowakei und Ungarn bestehende Visegrád-Gruppe. Zumindest bezeichnet sich V4NA selbst als „Heimat der Nachrichten der V4-Länder“. Anhaltspunkte, dass Interessengruppen aus den anderen drei Visegrád-Staaten hinter der Agentur stehen, gibt es bisher nicht.

Insgesamt 50 Menschen sollen für V4NA arbeiten

Ihrer Eigendarstellung auf der Website zufolge möchte V4NA „eine konservative, rechte Perspektive auf die wichtigsten politischen, wirtschaftlichen, kulturellen und anderen Nachrichten“ verbreiten. Auf Anfrage des Tagesspiegels sagte ein Sprecher der Agentur, dass Nachforschungen des Unternehmens ergeben hätten, dass es für diese inhaltliche Ausrichtung eine „Marktchance“ gäbe.

Die Texte werden auf Englisch, Französisch und Ungarisch veröffentlicht. Insgesamt 50 Menschen sollen für V4NA arbeiten, einschließlich „schnell reagierender Newsteams“, die überall dort vor Ort seien, wo wichtige Geschichten passieren. Auf die Frage, ob die Agentur ein ungarisches oder eher ein ausländisches Zielpublikum im Auge habe, verwies der V4NA-Sprecher auf die Website des Unternehmens.

Anders als bei reichweiteorientierten Auslandsmedien wie RT befinden sich die Artikel hinter einer Paywall. Zitiert und veröffentlicht wurden die Texte bisher vor allem in Ungarn, von Orbán-nahen Medien wie dem Internetportal Origo, einem der meistgenutzten Mediendienste Ungarns. Die Facebookseite von V4NA hat derzeit nicht einmal hundert Fans.

„Die Redaktion experimentiert womöglich noch und probiert aus, was funktioniert und was nicht funktioniert. Sie ist vielleicht noch nicht so erfolgreich, wie sie sich das wünscht“, sagt der Politikwissenschaftler Krisztian Simon, der an der Freien Universität Berlin zu den Mediensystemen Russlands und Ungarns forscht. Dass ein Orbán-nahes Medium nun aber auch auf Englisch publiziert, spreche dafür, dass es bei dem Projekt um Reichweite im Ausland gehe.

Dort habe die Regierung Orbán bisher einen schweren Stand. „Fast alle auf Englisch verfügbaren Informationen über Ungarn kommen aus regierungskritischen Quellen“, so Simon. Eine mögliche Erklärung für die Existenz von V4NA sieht Simon in der Einflussnahme auf andere osteuropäische Länder. „Es gibt Versuche seitens Orbán-naher Medienunternehmer, ins Ausland zu expandieren und in Slowenien sowie in Mazedonien eigene rechte Publikationen aufzubauen, die politischen Verbündeten Orbáns zuarbeiten sollen.“

Auch im Europawahlkampf mischt V4NA mit. Kürzlich erschien ein Artikel über den Spitzenkandidaten der EVP, Manfred Weber, samt eines grobkörnigen Paparazzi-Fotos seines vermeintlichen Büros. Auch diese Geschichte wurde in ungarischen Medien zitiert.

Der CSU-Politiker ist eine Hauptzielscheibe der V4NA-Berichterstattung, ein anderer Text verbreitete die Information, dass Weber in Deutschland nahezu unbekannt sei. Vielleicht ist es da reiner Zufall, dass die EVP-Fraktion im März die Zusammenarbeit mit der Orbán-Partei Fidesz aussetzte, und Orbán daraufhin Weber die Unterstützung für die Europawahl entzog. Womöglich aber auch nicht.

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