Verlinkte Warnungen sollen zu einer von Twitter kuratierten Seite führen. Foto: dpa
© dpa

Twitter gegen Fake News Jetzt erst recht!

Verschwörungsmythen, irreführende Meldungen. Twitter greift jetzt ein. Was bringen Warnungen?

Der Kurznachrichtendienst Twitter kennzeichnet nach eigenen Angaben ab sofort Falschinformationen zur Corona-Pandemie mit Warnhinweisen. Dazu seien neue Labels und Warnmeldungen eingeführt worden, teilten die Twitter-Manager Yoel Roth and Nick Pickles im Blog des Unternehmens mit.

Die Hinweise lieferten weiterführende Zusammenhänge und Informationen zu Tweets mit umstrittenem oder irreführendem Inhalt zu Covid-19. Ziel sei es, Nutzern den Zugang zu glaubwürdigen Informationen auf Twitter zu erleichtern und die Verbreitung potenziell gefährlicher und irreführender Inhalte zu begrenzen. Das klingt gut, hat aber auch eine problematische Dimension, monieren Netzexperten.

Die verlinkten Warnungen sollen jedenfalls zu einer von Twitter kuratierten Seite oder zur externen Quelle führen, die weitere Informationen über in einem Tweet aufgestellte Behauptungen enthalten. Abhängig vom Schadensrisiko und der Art der irreführenden Information könne den Tweets eine Warnung vorgeschaltet werden, die der Nutzer vor dem Lesen sieht. Bei der Identifikation der Inhalte greife Twitter auf interne Systeme zurück und arbeite mit verlässlichen Partnern zusammen. Eine Sprecherin erklärte, dass die mit den Warnhinweisen versehenen Tweets beispielsweise mit Inhalten der Weltgesundheitsorganisation (WHO) verlinkt werden. Der beste Ansatz sei es, dadurch mehr Kontext zu liefern, so dass die Menschen faktenbasierte Entscheidungen treffen könnten.

Bundesjustizministerin Christine Lambrecht begrüßte auf Anfrage des Evangelischen Pressedienstes „grundsätzlich, dass die Anbieter sozialer Netzwerke Maßnahmen gegen die Verbreitung von eindeutigen Falschinformationen im Zusammenhang mit der Covid-19-Pandemie ergreifen“. Das gelte insbesondere für die Priorisierung zuverlässiger Quellen. Auch Hinweise auf die Unzuverlässigkeit einer Quelle könnten probates Mittel sein, vor allem, wenn Gefahren für die Gesundheit abgewehrt werden könnten.

Dagegen nutze Factchecking wenig

Skeptischer dagegen Alexander Fanta, EU-Korrespondent bei netzpolitik.org. Grundsätzlich sei es positiv, dass soziale Netzwerke stärker gegen gesundheitsschlädliche Falschinformationen vorgehen, sagt Fanta dem Tagesspiegel. Wie bei früheren Initiativen gegen Fake News und gezielte Desinformation habe auch dieser Ansatz bei Twitter eine problematische Dimension, das Ausmaß an Falschinformation.

Fact Checking komme vielfach nicht der schieren Flut an problematischen Aussagen hinterher, in allen Sprachen und verschiedensten sozialen Gruppen. „Die Bemühungen um ,Kontextualisierung’ von falscher Information scheitern oft daran, dass sie von Medium zu Medium wechselt und dabei wieder de-kontextualisiert wird.

Ein Beispiel ist ein hypothetisches Video mit irreführenden Informationen über angeblich nur geringe Ansteckungsgefahr durch den Coronavirus, dass zunächst auf Twitter verbreitet wird, später aber in privaten Whats App-Gruppen geteilt wird.“ Dagegen nutze Factchecking wenig.

[Alle wichtigen Updates des Tages zum Coronavirus finden Sie im kostenlosen Tagesspiegel-Newsletter "Fragen des Tages". Dazu die wichtigsten Nachrichten, Leseempfehlungen und Debatten. Zur Anmeldung geht es hier]

Dazu passt eine Einschätzung von Facebooks Faktencheckern correctiv.org: „Whatsapp ist der häufigste Verbreitungskanal für fragwürdige Informationen, und Youtube ist der Ort, an dem sie zu finden sind.“

Die Kennzeichnung von Falschinformation laufe Gefahr, so Fanta weiter, von Verbreitenden und Lesenden als Prädikat verstanden zu werden. Motto: „Wenn die sagen, dass es nicht stimmt, stimmt es erst recht.“ Die Entscheidung, was unter freie Rede fällt und was „unsichtbar“ gemacht oder gelöscht werden soll, sollte nicht von einer privaten Firma nach eigenen Regeln getroffen werden. Es brauche gesellschaftliche Kontrolle. Einen gesetzlichen Rahmen für die Inhaltemoderation auf Plattformen könnte ein EU-Gesetz schaffen, der Digital Services Act, den die Kommission Ende des Jahres vorlegen will. epd/meh

Zur Startseite