Die Kommissaranwärterin und der Neonazi-Aussteiger. Die Liebesgeschichte von Julia (Emma Bading) und Nick (Jannik Schümann) wird von den Aktivitäten von Rechtsterroristin Ira und ihrer Kinder-Armee überschattet. Foto: ZDF und Paweł Labe
© ZDF und Paweł Labe

TV-Serie „Westwall“ NSU 2.0 an der Siegfriedlinie

In der ZDF-Serie „Westwall“ planen verblendete Rechtsterroristen den bewaffneten Umsturz. Mit Unterstützung von Polizei und Verfassungsschutz.

Der Westwall, der von den Alliierten auch Siegfriedlinie genannt wurde, war im Zweiten Weltkrieg eines der mörderischsten Bollwerke Nazi-Deutschlands. Die Höckerlinie mit ihren sogenannten Drachenzähnen galt als effektive Panzersperre. Gefürchtet waren zudem die deutschen Artilleriegranaten. Sie wurden so eingestellt, dass sie in Höhe der Baumwipfel explodierten. Die herumfliegenden Holzsplitter wurden bei den Kämpfen des Jahres 1944 zu tödlichen Schrapnell-Geschossen. Über 75 Jahre später geht in der TV-Serie „Westwall“ erneut eine explosive Bedrohung von diesem Gebiet in der Eifel aus.

Für Regisseurin Isa Prahl ist die sechsteilige ZDF-Serie „ein Hybrid zwischen Thriller und Drama, zwischen Realismus und Märchen, das einen ganz schön in Atem hält“. Damit verspricht sie nicht zu viel. Einerseits ist „Westwall“ eine bewegende Liebesgeschichte zweier Menschen, die sich im weltanschaulichen Spektrum diametral gegenüberstehen.

[„Westwall“, sechs Teile, Teil eins und zwei am Samstag ab 21 Uhr 45 im ZDF. ZDFneo sendet die ersten drei Teile am 7. Dezember und die restlichen drei am 8. Dezember, jeweils ab 21 Uhr 45. Bereits jetzt alle Folgen in der ZDF-Mediathek]

Auf der einen Seite die Kommissaranwärterin Julia Gerloff (Emma Bading), die sich für eine Welt aus Recht, Ordnung, Verantwortung und körperlicher Härte entschieden hat. Dabei gehört Vater Wolfgang (Karsten Antonio Mielke), der nach einem Motorradunfall querschnittsgelähmt ist, politisch dem linksextremen Spektrum an, das eher ein gespanntes Verhältnis zur Staatsmacht hat. Auf der anderen Seite steht Ex-Neonazi Nick Limbach (Jannik Schümann), der mit einem Aussteigerprogramm zwar der rechten Szene den Rücken gekehrt hat, weil er deren Mittel und Ziele nicht mehr teilte. Der Preis für den Neuanfang ist jedoch hoch: Der Verfassungsschutz hat ihn auf Julia angesetzt, um so an die untergetauchte Rechtsterroristin Ira Tetzel (Jeanette Hain) heranzukommen.

Wehrsport zwischen maroden Weltkriegs-Bunkern

Die Romanze zwischen Julia und Nick wird jäh gestoppt, als Julia auf Nicks Rücken ein gewaltiges Hakenkreuz-Tattoo entdeckt. Nick erzählt Julia von seinem Auftrag, sie beginnt nun, die Hintergründe zu recherchieren. Was zur zweiten Ebene der Handlung führt: einer neu-rechten Verschwörung, zu der eben jene Ira Tetzel gehört. Sie hat eine Gruppe entwurzelter jugendlicher Obdachloser um sich geschart, die in ihr eine Ersatzmutter sehen und sich für eine bewaffnete Kriegerrolle missbrauchen lassen. Die Wehrsportgruppe trainiert zwar isoliert zwischen den maroden Bunkeranlagen, hat aber einflussreiche Unterstützer in Politik, Polizei und Geheimdiensten. Für Julia hat die Geschichte überdies einen familiären Hintergrund.

Die Vorlage für die hochdramatische und actionreiche Serie lieferte der Roman von Benedikt Gollhardt, der zugleich das Drehbuch zur Serie schrieb und daran als Creative Producer mitwirkte. Die Idee für einen Roman über den Westwall hatte Gollhardt schon länger. Durch die Ereignisse um den NSU-Komplex verfestigte sich dieser Wunsch. „Für mich war klar, dass ich eine Geschichte über die Unterwanderung des Verfassungsschutzes und der Polizei durch Rechtsextremisten schreiben wollte“, sagte Gollhardt.

Training für den Tag X. Ira Tetzel (Jeanette Hain, hinter der Schützenreihe) hat am ehemaligen Westwall eine Gruppe obdachloser Jugendlicher um sich geschart und sie zu willfährigen Werkzeugen für den Umsturz geformt. Foto: ZDF und Krzysztof Wiktor Vergrößern
Training für den Tag X. Ira Tetzel (Jeanette Hain, hinter der Schützenreihe) hat am ehemaligen Westwall eine Gruppe obdachloser Jugendlicher um sich geschart und sie zu willfährigen Werkzeugen für den Umsturz geformt. © ZDF und Krzysztof Wiktor

Bei aller Fiktion ist „Westwall“ erschreckend nah an der Realität, und dies nicht nur, weil der Hass und die Verblendung der rechten Umstürzler Todesopfer fordern. Gollhardt erhielt durch einen hochrangigen Verfassungsschützer Einblicke in die Welt der Geheimdienste. Aber allein durch die Zeitungslektüre ist bekannt, dass der Verfassungsschutz mitunter so tief in die rechte Szene eingetaucht war, dass sich am Ende die Frage stellte: Welcher Neonazi ist eigentlich kein V-Mann?

Die Stärke der Mini-Serie liegt aber auch in der Zeichnung der Figuren und in den individuellen Schauspielerleistungen. Wer steht auf welcher Seite? Welche Ziele verfolgen zum Beispiel Verfassungsschützer Florian Keppler (Devid Striesow) und seine Chefin Dr. Gräf (Suzanne von Borsody)? Worum geht es bei der Rivalität von Keppler und Henning Badtke (Kostja Ullmann) vom Landesamt für Verfassungsschutz? Und warum spielt sich Julias Ausbilder Berthold Roosen (Rainer Bock) als väterlicher Beschützer auf? Die Figuren sind zum Glück so klar konturiert, dass man trotz der Vielzahl an handelnden Parteien den Überblick behält.

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Neben den beiden Hauptfiguren beeindruckt David Schütter mit seiner beängstigenden physischen Präsenz besonders. Ira Tetzels Adlatus Karl ist der Älteste der Kriegertruppe; eine wandelnde Zeitbombe, die selbst von der Anführerin nur mit Mühe unter Kontrolle gehalten werden kann. In jüngeren Jahren hätte man diese Rolle mit Ronald Zehrfeld besetzt.

An den historischen Kämpfen am Westwall hat übrigens auch der amerikanische Schriftsteller Ernest Hemingway als Kriegsberichterstatter teilgenommen und später darüber den Roman „Über den Fluss und in die Wälder“ geschrieben. Steffen Kopetzky hat sich davon 2019 für seinen lesenswerten Roman „Propaganda“ inspirieren lassen.

Eine Fortsetzung der TV-Serie ist durchaus möglich. Gollhardt will in einem neuen Roman die Ereignisse unmittelbar nach dem Ende von „Westwall“ weiterspinnen. „Mit den ,Bad Guys‘ der Serie und einer neuen Protagonistin, wieder eine Polizistin“, wie er verrät.

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