Sagen, was war. Margarethe von Trotta liest ihrem Sohn Felix Moeller eine Stelle aus ihren Tagebüchern aus den 70er Jahren vor, in dem sie wichtige politische Ereignisse festhielt. Szene aus dem Dokumentarfilm „Sympathisanten“, dessen Autor Felix Moeller ist. Foto: Blueprint Film
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TV-Film über die RAF-Jahre "Ich hatte Angst, dass Heinrich Böll abgeknallt wird"

Der Arte-Dokumentarfilm „Sympathisanten“ ergründet das gesellschaftliche Klima der RAF-Jahre. Und arbeitet zugleich eine Familiengeschichte auf.

Felix Moeller war zehn Jahre alt, als die Polizei das Ferienhaus seiner Eltern in Italien stürmte – in der vergeblichen Hoffnung, untergetauchte Terroristen zu finden. „Kein schönes Erlebnis“, sagt er. Seine Mutter Margarethe von Trotta und Stiefvater Volker Schlöndorff zählten zu den Intellektuellen und Künstlern, die sich in den 1970er Jahren unter anderem für bessere Haftbedingungen von Mitgliedern der Roten Armee Fraktion (RAF) einsetzten und von Medien und Politikern als „Sympathisanten“ und „geistige Wegbereiter des Terrors“ angeprangert wurden. „Wie konnte es so weit kommen?“, fragt Historiker Moeller rund 40 Jahre später in seinem Arte-Dokumentarfilm „Sympathisanten – Unser deutscher Herbst“.

Naturgemäß erzählt der Film also aus der persönlichen Nahdistanz, insbesondere wenn der Autor die eigenen Eltern befragt, die mit Filmen wie „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ oder „Die bleierne Zeit“ das gesellschaftliche Klima reflektierten. Außerdem konnte er neben Archivmaterial, Filmausschnitten und aktuellen Interviews auch die Tagebücher seiner Mutter miteinbeziehen. Ein Franz-Kafka-Zitat daraus hat er seinem Film vorangestellt: „Wer einmal dem Fehlläuten der Nachtglocke gefolgt, es ist nie wieder gut zu machen.“ Moellers Film ist keine Abrechnung mit der Elterngeneration, doch mit seiner differenzierten Vorgehensweise schafft er durchaus Raum für Einsicht und Selbstkritik. „Was ich mir schon vorwerfe, ist, dass ich nicht immer mit meinem eigenen Kopf gedacht habe“, sagt von Trotta am Ende. Und Schlöndorff erklärt, dass er das „sozialistische Projekt“ und die „Utopie einer Revolution“ heute nicht mehr nachvollziehen könne. Es sei „nicht logisch, aber auch kein Widerspruch, dass ich mich heute für Angela Merkel einsetze“.

Schwere öffentliche Attacken

Moeller erinnert an die schweren öffentlichen Attacken, denen sich seine Eltern und vor allem auch der Schriftsteller Heinrich Böll ausgesetzt sahen. Nicht nur Gerhard Löwenthals „ZDF Magazin“ bietet da reichlich Anschauungsmaterial. Gegen den SFB-Journalisten Matthias Walden prozessierte Böll wegen eines „Tagesschau“-Kommentars jahrelang und bekam schließlich weitgehend recht: Walden habe seine persönliche Ehre verletzt, urteilte der Bundesgerichtshof. Bölls Sohn René ist davon überzeugt, dass „Springer und Konsorten“ zu dem frühen Tod seines Vaters – Heinrich Böll starb im Juli 1985 – beigetragen haben. „Ich habe Angst, dass Böll abgeknallt wird. Und auch für Volker“, schrieb Margarethe von Trotta in ihr Tagebuch.

Zugleich dokumentiert Moeller die Nähe linker Intellektueller zur RAF-Unterstützerszene. Dabei hält er sich mit Kommentaren zurück und überlässt es dem Publikum, sich ein Urteil zu bilden. Seine Eltern sprechen über ihr Engagement bei der Roten Hilfe und ihren Einsatz für den hungerstreikenden Holger Meins oder den inhaftierten Anwalt Klaus Croissant. Von Trotta sagt, sie sei mal gebeten worden, einen Koffer zu verstecken, habe aber „nie reingeguckt“. Wie also konnte es so weit kommen? Schriftsteller Peter Schneider, Drehbuchautor des Films „Messer im Kopf“, behauptet, viele seien da „reingeraten, weil sie nur helfen wollten“. Dann habe ihnen der Mumm gefehlt, zu sagen: „Ich sehe das ganz anders.“ Das ist für Linke aus einer Generation, die den eigenen Eltern Mitläufertum in der Nazizeit vorgeworfen hat, eine ziemlich bittere Erkenntnis.

Die Opferseite kommt zu kurz

Dann sind da noch die Interviews mit den ehemaligen RAF-Mitgliedern Karl-Heinz Dellwo und Christof Wackernagel, die dem Film die Perspektive der Täter hinzufügen. Es wäre allerdings nicht nur korrekt, sondern womöglich auch aufschlussreich gewesen, Angehörige von der Opferseite ebenfalls zum Thema zu befragen. Kameraschwenks über einige Grabsteine hinweg ersetzen deren Sichtweise jedenfalls nicht.

„Sympathisanten – Unser deutscher Herbst“; Arte, Dienstag, 22 Uhr 05, ARD, Mittwoch, 22 Uhr 45

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