Mehrere indigene Völker verteidigen unter Führung von Häuptling Juarez Saw Munduruku ihren Lebensraum gegen Landräuber, Holzfäller und Goldgräber. Foto: Expresso TV
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TV-Doku „Amazonia Undercover“ Das Herz Brasiliens

Der Arte-Dokumentarfilm „Amazonia Undercover“ begleitet mehrere indigene Völker im Kampf gegen Ausbeutung und Urwald-Rodung.

Was wird sein, wenn der brasilianische Regenwald einmal nahezu nicht mehr existieren wird? Wohin wird es sie dann in ihrer schier grenzenlosen Gier verschlagen, um brutal ausbeuten und nur sich selbst bereichern zu können? Jene gierige Meute an Landräubern, Holzfällern und Goldgräbern, die den Amazonas Stück für Stück irreversibel vernichten. Diese Frage wirft der abendfüllende Dokumentarfilm „Amazonia Undercover“ unweigerlich auf, den Regisseur, Autor und Produzent Estêvão Ciavatta von 2014 bis 2019 gedreht hat.

Bemerkenswert an dieser langjährigen Produktion ist unter anderem, dass niemand Geringeres als Walter Salles – Regisseur solcher international überaus erfolgreicher und preisgekrönter, teils Oscar-nominierter Kino-Spielfilme wie etwa „Central Station“ (1998), „Hinter der Sonne“ (2001) oder „Die Reise des jungen Che“ (2004) – den Dokumentarfilm co-produziert und mitverantwortet hat. „Das Herz Brasiliens“, wie es einmal im Film über den bedrohten Regenwald heißt, es ist auch Salles’ dringliches Anliegen.

[„Amazonia Undercover“, Dienstag, Arte, 20 Uhr 15, und in der Mediathek]

Im Verlauf der sechs Jahre, die Regisseur Ciavatta und sein Team an dem Film arbeiten, begleiten sie vor allem ein im Amazonas lebendes indigenes Volk und dessen Häuptling Juarez Saw Munduruku im Kampf gegen die zunehmende Rodung des Urwaldes und damit ihres ureigensten Lebensraumes. Es mutet an wie der Kampf Davids gegen Goliath. Denn der Raubbau an Brasiliens Regenwald setzt sich unverändert fort und wird von der Regierung Bolsonaro in keinster Weise behindert.

„Umweltkriminalität ist Alltag“, ist da zu hören, und dass es letztlich an staatlicher Kontrolle fehle. So breitet sich die Entwaldung weiter aus, einem bösartigen Krebsgeschwür gleich, wie es im Off-Kommentar prosaisch heißt, und es ist zudem der Bau von Autobahnen, nahezu einhundert Wasserkraftwerken und gigantischen Staudämmen, der ein Übriges tut.

Teile des Regenwaldes sind "öffentlich" und damit frei für Spekulanten

Erschwerend kommt hinzu, dass etwa eine Million Quadratkilometer Regenwald öffentlich sind, das heißt, dieser Regenwald ist weder irgendwo eingetragen und also in Büchern verzeichnet noch steht er überhaupt unter Naturschutz. Er gehört daher niemandem, er ist „frei“. Das ruft Spekulanten auf den Plan, die die Waldflächen erst abroden lassen, um sie im Anschluss mit gefälschten Dokumenten und Besitzerurkunden teuer zu verkaufen. Dieser rücksichtslose Landraub heißt im Portugiesischen „Grilagem“.

Unter der Ägide von Juarez Saw Munduruku haben sich vor einigen Jahren nun mehrere indigene Völker zusammengeschlossen, um dieses Land, ihr Land, zu verteidigen. Die Kamera begleitet sie, wie sie in den Urwäldern in kleinen familiären Gruppen Demarkationsschilder aufhängen, um ihr Gebiet zu markieren. – Stets sind sie dabei der Lebensgefahr ausgesetzt, brutal vorgehenden Holzfällern zu begegnen, die im schlimmsten Fall auch töten. 2019 schließlich grenzen die Kriminellen, die den Regenwald organisiert kahlschlagen, auch an das Gebiet der Mundurukus.

„Amazonia Undercover“ – dem sich das Coletivo Audiovisual Munduruku als weiterer Co-Produzent anschloss – begleitet und beobachtet die ernüchternden Entwicklungen im Laufe dieser sechs Jahre. So ist ein Langzeit-Dokumentarfilm entstanden, der ganz unmittelbar vor Augen führt, wie der Mensch auch noch – oder gerade – im 21. Jahrhundert mit seiner Lebensgrundlage verfährt.

Einer der in São Paulo und Brasilia interviewten brasilianischen Wissenschaftler und Forscher sagt an einer Stelle: „Diese wunderbare Erde braucht den Menschen nicht – aber der Mensch braucht diese Erde.“ Der sehenswerte Dokumentarfilm „Amazonia Undercover“ zeigt geradezu schmerzlich auf, dass die Bestie Mensch auch heute nicht demgemäß handelt. Ganz im Gegenteil.

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