Umtriebig. Thilo Mischke, 39, ist Journalist, Autor und Moderator. Der gebürtige Berliner arbeitet für den Privatsender ProSieben und liefert vor allem für dessen Format „Uncovered“. Die Beiträge von Thilo Mischke sind bei Joyn abrufbar. Foto: ProSieben
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Thilo Mischke im Gespräch „Ich habe tatsächlich den Spaß am Sex verloren“

ProSieben-Reporter Thilo Mischke erzählt, warum er lieber über Politik berichtet und welche Rolle Ahnungslosigkeit und Neugierde für das Privat-TV spielen.

Thilo Mischke arbeitet als Journalist, Autor und Fernsehmoderator. Der gebürtige Berliner, 39, kümmert sich beim Privatsender ProSieben vor allem um das Format „Uncovered“.

Herr Mischke, haben Sie den Spaß am Sex verloren?
Ja, ich habe tatsächlich den Spaß am Sex verloren. Also den Spaß daran, darüber zu berichten, zu schreiben, ein Autor zu sein, der sich mit diesen Themen beschäftigt. Sexualität an sich ist natürlich nie auserzählt, aber so, wie ich sie sehe und wie ich mich dazu äußern will, schon.

Das ist aber ein radikaler Wandel: Vor zehn Jahren sind Sie bekannt geworden mit dem Buch „In 80 Frauen um die Welt“. Außerdem hatten Sie lange Zeit Sex-Kolumnen bei „Prinz“ und „Jolie“. Heute sehen wir Sie in politischen Infotainment-Formaten wie „Rechts. Deutsch.Radikal.“
Diese Dinge haben mir damals einfach sehr viel Spaß gemacht. Ich habe gerne darüber geschrieben, ich war Mitte 20. Aber so mit Anfang 30, zu der Zeit als „Unter fremden Decken“ im Fernsehen kam, hatte ich schon das Interesse daran verloren. Arte hatte mal angefragt, ob ich nicht Bock hätte, was zu Pornografie zu sagen. So etwas lehne ich dann tatsächlich ab, das passt nicht mehr zu mir.

Politische und kritische Formate lassen sich ja auch bei den Öffentlich-Rechtlichen machen. Abgesehen von einem zweijährigen Talkshow-Ausflug zu ZDFneo kennen Zuschauerinnen und Zuschauer Sie eher aus dem Privatfernsehen. Wollen die Öffentlich-Rechtlichen Sie nicht oder wollen Sie nicht zu denen?
In meiner gesamten Karriere als Journalist gab es nur eine einzige Sache, die ich wollte. Ich wollte mal zum „Stern“. Ich wollte wirklich gerne für dieses Reportagemagazin arbeiten, was ich dann auch drei Jahre gemacht habe. Aber es gab in meiner Karriere keinen Punkt, an dem ich gesagt habe: Ich möchte zu den Öffentlich-Rechtlichen. Es ist eher so: Ich bin beim Fernsehen, weil meine Auslandsreportagen im Print nicht mehr bezahlt wurden. Und ich wollte immer ins Ausland, das war das Ding.

[Das Interview führte Tatjana Kerschbaumer. Eine ausführlichere Version findet sich bei https://www.turi2.de/edition13/]

Was leistet Privatfernsehen in Ihrem Bereich, was die Öffentlich-Rechtlichen nicht können? Oder nicht wollen?
Die Privaten haben keine Angst und nicht 70 Redakteure auf einer Position, für die du eigentlich nur zwei Redakteure brauchst. Es fehlt zumindest bei Pro SiebenSat1 dieser riesige Apparat an Journalisten, die alle eine Meinung zu einer Sache haben und mitbestimmen wollen. Bei den Privaten gibt's nicht dieses Beweisen, Belegen, dass man ein echter Journalist ist. Wie oft hatte ich in meinem Leben das Problem: Weil ich fürs Fernsehen arbeite und schreibe, muss ich mich auf beiden Seiten rechtfertigen. Bei den einen bin ich kein richtiger Fernsehmacher, bei den anderen kein richtiger Journalist. Das gibt es bei den Privaten einfach nicht, bei den Öffentlich-Rechtlichen schon.

Haben Sie da ein konkretes Beispiel?
Bei ProSieben sagt dir kein alter Journalisten-Silberrücken: „Also, als ich 1974 im Kongo war, haben wir das so und so gemacht.“ Die sagen: Dann macht mal. Bei unserem Rechtsextremismus-Film saßen die Redakteure da und waren begeistert. Und Daniel Rosemann, Senderchef von ProSieben, meinte: „Keine Werbung, das zeigen wir genau so um 20 Uhr 15.“ Alleine, dass du so eine Abnahme hast – das würde doch bei den Öffentlich-Rechtlichen nie passieren. Mut, eine gewisse Ahnungslosigkeit und Neugierde sind die großen Vorteile des Privatfernsehens.

Laufen die Privaten den Öffentlich-Rechtlichen den Rang ab?
Ich glaube, sie laufen ihnen den Rang bei einer ganz spezifischen Zielgruppe ab, nämlich bei den 30- bis 50-Jährigen. Die gehen nicht zu YouTube, die kucken noch fern, sind aber noch zu jung für ARD und ZDF.

Was müssen politische und gesellschaftlich relevante Fernsehformate der Zukunft denn bieten, um ausreichend Publikum zu gewinnen? 2021 und darüber hinaus?
Der politische Journalismus muss es 2021 schaffen, eine emotionale Stimmung in eine journalistische Frage zu übersetzen – besonders vor dem Hintergrund der anstehenden Bundestagswahl. Oder andersherum: Olaf Scholz stellt Handlungsanweisungen für die Wirtschaftsentwicklung der nächsten 50 Jahre vor. Wir verpacken es als Journalisten so, dass man das emphatisch nachvollziehen kann. Warum werden bestimmte Entscheidungen getroffen, wie betreffen sie mich und warum betreffen sie mich?

Sie haben gerade die Wahl angesprochen und sind ja auch SPD-Mitglied. Schon mal daran gedacht, zu kandidieren?
Das Interesse an Politik und Tagespolitik ist groß, aber ich liebe auch das zu sehr, was ich aktuell mache. Der Gedanke ist manchmal da, aber ich habe einfach keine Zeit. Und: Wenn ich mich entscheide, in die Politik zu gehen – wie oft muss ich mich bitte für das Buch „In 80 Frauen um die Welt“ rechtfertigen? Es ist vollkommen richtig, dass ich mich dafür rechtfertigen muss. Aber das wird dann wahrscheinlich immer wieder aus der Kiste geholt.

Stichworte Krise und Krisengebiete: In der Welt bröselt es an allen Ecken und Enden, nicht nur durch Corona. Was werden die Probleme sein, mit denen wir uns in den kommenden Jahren politisch und journalistisch beschäftigen müssen?
Es sind die gleichen Probleme, die wir in den letzten drei Jahren erfolgreich ignorieren: Der Klimawandel wird noch schlimmer werden, es wird neue Flüchtlingsströme geben, die Wirtschaft wird sich verschieben. Wir leben in einer Welt der Widersprüche, die immer größer werden. Außerdem glaube ich, dass die Konflikte in Zentralasien stärker werden, von Kasachstan über Turkmenistan, Armenien, Georgien bis Aserbaidschan. Man kann es ja jetzt schon mit Aserbaidschan und Armenien beobachten. Irgendwas liegt da im Argen.

Nach 2020 kann uns ohnehin nichts mehr schocken. Mit Blick auf 2021: Oder doch?
Ich kann nicht in die Zukunft kucken, aber es geht auf jeden Fall noch schlimmer. Durch meine letzte Ukraine-Reise wurde mir wieder sehr bewusst, dass wir zwei Flugstunden von Berlin einen Krieg haben, der kein Schwein interessiert. Und wenn der zwei Stunden von uns entfernt ist, kann es auch mal sein, dass ein Krieg eine Stunde von uns entfernt ist. Das sollten wir nicht vergessen. Ich habe ein bisschen den Glauben an die Menschheit verloren durch das, was ich alles gesehen und erlebt habe. Wir werden, glaube ich, an unserer eigenen Dummheit vergehen. Weil wir nur uns selbst sehen.

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