Claire Danes Foto: AppleTV+
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„The Essex Serpent“ Riesenschlange für eigene Reime

Jan Freitag

Der Apple-Sechsteiler „The Essex Serpent“ erzählt famos von einer Riesenschlange, die angeblich ein englisches Fischerdorf im Fin de Siècle terrorisiert, aber für viel mehr steht als das. 

Die Schlange wird, mehr als jedes andere Geschöpf, heillos überfrachtet. Im Alten Testament zuständig für den Sündenfall und auch im Neuen des Teufels, brachte sie Altägyptern Chaos und Urgermanen Ordnung, gilt hier als Lebens- (Australien), dort als Energiequelle (Indien), schwimmt Sommerloch für Sommerloch durch die Abflussrohre der Boulevardmedien, aber eines waren Boa und Co. zu keiner Zeit in keinem Kulturkreis: einfach Tiere. Schon gar nicht da, wo sich Wissenschaft und Aufklärung verspäten.

Etwa in Essex – 80 Meilen östlich von London und dennoch Lichtjahre entfernt. Ende des 19. Jahrhunderts leben hier gottesfürchtige Fischer, denen der Heilige Geist näher ist als ihr eigener. Das ideale Biotop abergläubischer Mythen, im Marschland treibe ein Schlangenmonster sein Unwesen, das zwar niemand je sah, aber alle bezeugen. Zuletzt ein Mädchen namens Naomie, die schwört, ihre Schwester sei dem Blackwater Beast zum Opfer gefallen.

So steht es am Anfang einer Novelle, mit der Sarah Perry 2016 britische Bestsellerlisten stürmte, so beginnt auch ein Sechsteiler von Apple TV+. Und wie bei der Streamingsparte des Handy-Riesen längst üblich, zählt Anna Symons Adaption zum Besten, was die Flut an Serien hervorbringt – obwohl es ein bisschen braucht, um Wirkung zu entfalten. Der Einstieg nämlich ist stereotyp wie das Mystery-Genre insgesamt.

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Dichter Nebel liegt über der Küste, als Gracie angeblich „The Essex Serpent“ zum Opfer fällt. Düstere Musik dräut dazu durch wolkenverhangene Landschaften im Mondlicht. Und auch über London, wo die wohlhabende Cora den nahenden Tod ihres gewalttätigen Mannes herbeisehnt, regnet es aus Kübeln. Gruselstandards halt. Dann aber entledigt sich die Erzählung ihrer Klischees und wird zur historisch gegenwärtigen Gothic-Parabel der Extraklasse.

Regisseurin Clio Barnard schickt Kameramann David Raedeker nämlich nicht nur auf die Suche nach Äußerlichkeiten zur Gruselverstärkung, sondern ins Innere der Protagonisten einer ambivalenten Ära. Am Ende des Viktorianismus ist die Menschheit in vieles vorgedrungen, was ewig unsichtbar war: Chemie und Physik, Urzeit und Mikroorganismen, Zellen oder Atome – nur wenig bliebt dem Auge noch vollends verborgen, als Conrad Röntgen den Körper durchdrang und Sigmund Freud sogar die Seele.

Wissensdurst gegen Aberglauben, Vergangenheit gegen Zukunft

In dieser Epoche also erholt sich die frisch verwitwete Hobbypaläologin Cora (Claire Danes) im rückständigen Essex von den Strapazen ihrer Ehe und entwickelt dort eine zeitgemäße Schlangentheorie: „The Essex Serpent“ ist kein Mythos, sondern überlebender Dinosaurier, dem sie im Fischerdorf Aldwinter nachspürt.

Sehr zum Unwillen der Bewohner, die – bis auf den geistesgegenwärtigen Pastor Will (Tom Hiddleston) und seine Frau Stella (Clémence Poésy) – lieber an göttliche Strafen als weltliche Logik glauben.

Begleitet von der befreundeten Sozialistin Martha (Hayley Squires) und dem (noch etwas enger verbandelten) Herzchirurgen George (Jamael Westman), trägt Cora ein Stellvertretergefecht des Mittelalters gegen die Moderne dort aus, wo das britische Empire am provinziellsten ist. Abgesehen davon, dass sie ihre fünf Hauptfiguren emotional kreuzweise miteinander verbandelt, geht es Showrunnerin Barnard also darum, die Gegensätze von einst kollidieren zu lassen. Und das macht sie plausibel, ohne plakativ zu werden.

Wissensdurst gegen Aberglauben, Vergangenheit gegen Zukunft, Marx‘ Kapital gegen Gottes Bibel, Evolution gegen Schöpfung: wenn Dr. Spencer wie seinerzeit geschehen, offene Herzen operiert oder Freuds Hypnose nach Essex importiert, geht es demnach nur am Rand um Schlangen.

Es geht ums Ganze einer Epoche, die Clio Barnard in Szene setzt, als sei ihr Team durch die Zeit gereist, statt sie auszustatten – so authentisch sind Kostüme, Kulissen, Charaktere einer Fiktion, die aus deutscher Produktion schwer nach Theaterfundus röche.

Hier riecht sie nach industrialisierungsgeschädigtem Fischerdorf am fortschrittsfreudigen Fin de Siécle, das zum Schauplatz einer Filmmetapher mit Claire Danes und Tom Hiddleston im Zentrum wird, die sich souverän von „Homeland“ oder „Loki“ lösen.

Bis zum Ende bleibt dabei offen, was „The Essex Serpent“ genau symbolisiert: Ein leibhaftiges Reptil? Die gewundene Marschlandschaft? Coras Brandmal am Hals? Ihre dauernden Albträume? Gravuren in Aldwinters Kirche? Reichlich Stoff für eigene Reime. Und herausragende Serienunterhaltung.

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