Wo ist das Kind der toten Prostituierten? Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) und Bibi Fellner (Adele Neuhauser) stehen vor einem schwierigen Fall. Foto: ARD/ORF/Petro Domenigg
© ARD/ORF/Petro Domenigg

„Tatort“-Jubiläum aus Wien Keine Hoffnung, nirgends

Der Wiener „Tatort“ ist ein beklemmendes Seelenporträt. Für Harald Krassnitzer ist es zugleich sein 50. Einsatz.

Das erste Mal ist er beziehungsweise sie bereits in der neunten Minute zu sehen. Da steht er/sie am Fenster der Küche und beobachtet von oben, wie die Wiener Polizei den stehen gelassenen Wagen findet und durchsucht. Mit Frauenperücke, die Lippen rot angemalt, in hohen Schuhen, Faltenrock und fliederfarbenem Pullover über weißer Bluse, steht er/sie da. Die Polizei sucht einen entführten Jungen, den Sohn der ermordeten Prostituierten Jana Gruber. In Wien geht ein perfider Serientäter um.

Oben, im Zimmer neben der schäbigen Küche, sitzt Janas zehnjähriger Sohn Samuel (Eric Emsenhuber) auf dem Bett – angespannt, nervös, unsicher. Die Angst ist ihm ins Gesicht geschrieben. Wann die Mama käme, fragt er. Der/die Namenlose (Max Mayer) hält den Jungen gefangen. Fußfesseln am Bett, Hände zusammengeschnürt, Klebeband über den Mund gezogen, wenn er/sie den drückenden, morbiden Altbau verlässt. Der Junge bleibt sich selbst überlassen. Stunden. Bis er/sie zurückkommt. Es sind beklemmende Bilder.

[„Tatort: Die Amme“, Sonntag, ARD, 20 Uhr 15]

Immer wieder ist er/sie vor dem Spiegel zu sehen, vor oder nach der Transformation. Wird er zu ihr, dann zieht er sich entsprechend an, setzt sich die dunkle langhaarige Perücke auf, schminkt sich, nimmt ihren Habitus an. Wird sie wieder zu ihm, nimmt sie alles ab, wäscht sich das Gesicht, und jedes Mal fährt er sich dann durch seine schwarzen, kurzen Haare.

Manchmal misslingt die Transformation, manchmal sind innerer Druck, Anspannung und Aggression zu groß. Dann tobt er/sie, ist außer sich. Die Kamera von Thomas Kürzl zeigt das, minutenlang. Was der Wiener Schauspieler Max Mayer – Jahrgang 1974 und derzeit Ensemblemitglied am Schauspiel Frankfurt – in diesem dualistischen, fordernden Part absolviert, ist meisterlich und bravourös.

[Wenn Sie aktuelle Nachrichten aus Berlin, Deutschland und der Welt live auf Ihr Handy haben wollen, empfehlen wir Ihnen unsere App, die Sie hier für Apple- und Android-Geräte herunterladen können.]

„Die Amme“ heißt der außergewöhnliche, sehr sehenswerte „Tatort“ aus Wien. Dieser Film ist dunkel und düster, trostlos und trist. Keine Hoffnung, nirgends. Christopher Schier, der bereits bei drei Wiener „Tatorten“ Regie führte, hat „Die Amme“ nach einem Drehbuch von Mike Majzen konzise in Szene gesetzt. Es ist das bezwingende Porträt einer erkrankten Seele. Schier und Majzen zeigen den Täter bzw. die Täterin von Anfang an. Ganz ähnlich wie etwa seinerzeit bei „Columbo“ sind die Zuschauer im Wissensvorteil, während damals Peter Falk und heute Harald Krassnitzer und Adele Neuhauser bis kurz vor Schluss suchen.

Seit 26 Folgen ein herausragendes Duo: Harald Krassnitzer und Adel Neuhauser

Im Laufe der Narration entsteht ein Psychogramm dieser Person, die ihre Identitäten wechselt, ihr Geschlecht, und die für die Jungen, die sie entführt, nachdem sie die Mütter getötet hat, die neue Mutter sein will. Immer wieder sind Sätze zu hören wie: „Mama ist ja da.“ Wenn er/sie dann jenseits der Tür steht, hinter der er Samuel gefangen hält, ist nur die Stimme von ihm/ihr zu hören, schwankend zwischen Männlichem und Weiblichem. Fluchend. Zischend. Von „Mutter“ ist die Rede. Die Zuschauer sind dann mit dem Jungen im Raum, mit Blick auf die unheilvolle Tür. Es kommt nicht von ungefähr, dass sich in diesen albtraumhaften Szenen Assoziationen, Bilder und auch Töne aus Hitchcocks ikonischem Klassiker „Psycho“ einstellen, in dem Anthony Perkins in der Rolle des Norman Bates zur Mutter wird, wie diese vibrierend spricht, alternierend zwischen Männlichem und Weiblichem, und, als er sein nächstes Dusch-Opfer, gespielt von Janet Leigh, empfängt, zu dieser sagt: „Mother isn’t quite herself today.“

Zugleich markiert „Die Amme“ für Harald Krassnitzer in dem Part des Wiener Oberstleutnants Moritz Eisner ein Jubiläum: Es ist sein 50. Fall. Im Jahr 1999 ging es für ihn in „Nie wieder Oper“ los, 2011 stieß Adele Neuhauser als Majorin Bibi Fellner in „Vergeltung“ dazu. Es soll Krassnitzers Verdienste um den Wiener „Tatort“ gewiss nicht schmälern, doch seit Neuhauser mit dabei ist, sind die Filme aus Österreich, von einigen Ausrutschern einmal abgesehen, von einer anderen Qualität. Eisner und Fellner, mit ironischem Schmäh und burschikosem Charme, mögen zu den herausragenden sonntäglichen Ermittlerteams zählen. Denn sie sind anders.

Wenngleich „Die Amme“ also Moritz Eisners 50. Fall ist – und der 26. gemeinsame mit Bibi Fellner –, so ist nicht er es, der hier im Vordergrund steht: Im Ermittlerteam ist es seine Kollegin, die unter anhaltender Schlaflosigkeit leidet, da ihr das Verschwinden der Jungen arg zusetzt.

Zur Startseite