Kommissarin Julia Grosz (Franziska Weisz) ermittelt mit falscher Identität. Kollege Thorsten Falke (Wotan Wilke Möhring) deckt ihr Vorgehen. Foto: NDR/O-Young Kwon
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„Tatort“ aus Hamburg Drahtseilakt in der linken Szene

Kommissarin Julia Grosz ermittelt in der „Tatort“-Folge „Schattenleben“ verdeckt in einem feministischen Wohnprojekt. Dort trifft sie auf eine Ex-Geliebte.

Zu den Fernseh-Kommissarinnen, deren Privatleben bisher weitgehend außen vor blieb, zählt die Bundespolizistin Julia Grosz. In , dem elften NDR-„Tatort“ mit Franziska Weisz, ändert sich das: Bei Grosz meldet sich nach mehreren Jahren Pause Ela Erol (Elisabeth Hofmann) wieder.

Beide waren ineinander verliebt, aber als Ela ihre Beziehung offen leben wollte, zog sich Grosz zurück. Nun ist Ela Erol als verdeckte Ermittlerin in der linksautonomen Szene Hamburgs „in etwas hineingeraten“, wie sie der alten Freundin offenbart. Mehr mag sie nicht verraten, aber als sie später erneut anruft, muss Julia Grosz mitanhören, wie Ela angegriffen und die Verbindung plötzlich beendet wird.

Julia Grosz bedient sich zweifelhafter Ermittlungsmethoden

In der Folge „Schattenleben“ forscht die Kommissarin nun selbst mit falscher Identität nach dem Verbleiben Elas, während Kollege Thorsten Falke (Wotan Wilke Möhring) ihr eigenmächtiges Vorgehen deckt. Gleichzeitig gilt es, eine Serie von Brandanschlägen auf die Autos von Polizisten aufzudecken.

Bei einem weiteren Anschlag greift das Feuer auf das Wohnhaus von Bastian Huber (Robert Höller) über und verletzt dessen Frau schwer. Gegen Huber und die anderen Polizisten hatte es nach gewaltsamen Verhaftungen interne, allerdings folgenlos verlaufene Untersuchungen gegeben. Der Verdacht liegt nahe, dass die verdeckt ermittelnde Polizistin selbst in die Aktionen der linksextremen Szene verstrickt sein könnte.

Auch wenn es am Ende eine klassische (und spannende) Krimi-Auflösung gibt, liegt die Stärke des Drehbuchs von Nachwuchsautorin Lena Fakler („Am Ende der Worte“) und der Inszenierung von Regisseurin Mia Spengler („Back for Good“) in der Darstellung des Drahtseilakts einer verdeckten Ermittlung.

Ela lebt in einem queeren, feministischen Wohnprojekt und ist wohl auch persönlich „in etwas hineingeraten“, nämlich in die Beziehung zu der ebenso leidenschaftlichen wie radikalen Nana (Gina Haller). Julia Grosz versucht das Vertrauen der Frauen aus der autonomen Szene zu gewinnen, bedient sich bald selbst zweifelhafter Ermittlungsmethoden und kommt ebenfalls der jungen Powerfrau näher.

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Neben der Polizeiarbeit in einer juristischen Grauzone handelt der Film also auch von emotionaler Verstrickung. Damit greift er reale Fälle auf, die vor einigen Jahren in Hamburg publik wurden: Zwei verdeckte Ermittlerinnen hatten die linke Szene um das Autonome Zentrum „Rote Flora“ ausspioniert und waren dabei auch Liebesbeziehungen eingegangen.

Ob dies „instrumenteller Natur oder authentisch“ gewesen sei, sei bis heute unentschieden, sagt Rafael Behr. Der Professor für Polizeiwissenschaften am Fachhochschulbereich der Akademie der Polizei Hamburg wurde vom NDR als Fachberater hinzugezogen und erkennt in der „Schattenwelten“-Folge „viel polizeiliche Realität und viel Wahrheit“.

Das ist umso bemerkenswerter, da hier neben der linken Gewalt auch der Korpsgeist innerhalb der Polizei angeprangert wird. Beamte, die im Einsatz unverhältnismäßig zulangten, wurden von ihren Kollegen gedeckt. Falke und der hinzugezogene Kommissar Thomas Okonjo (Jonathan Kwesi Aikins) stoßen bei ihren Ermittlungen in den eigenen Reihen auf Unverständnis und Wut. Der Aspekt der Polizeigewalt bleibt jedoch etwas schablonenhaft. Auch das Kompetenzgerangel mit dem Staatsschützer hat man schon allzu oft gesehen.

Bei der Produktion wurde besonders auf Diversität geachtet

Erstmals steht Julia Grosz in diesem NDR-„Tatort“-Team klar im Zentrum. Das Ergebnis kann sich nicht zuletzt dank Franziska Weisz sehen lassen, doch Maßstäbe setzt Regisseurin Spengler mit „Schattenwelten“ vor allem in anderer Hinsicht. Die in München geborene Tochter eines Deutschen und einer Koreanerin machte ihr Engagement davon abhängig, dass bestimmte Bevölkerungsgruppen zu einem festgelegten Prozentsatz an der Produktion beteiligt werden.

[„Tatort: Schattenleben“, ARD, Sonntag, 20 Uhr 15]

Diversität als Vertragsklausel: Dieses bereits in den USA entwickelte und von Oscar-Preisträgerin Frances McDormand 2018 in ihrer Dankesrede erwähnte Modell („Inclusion Rider“) wurde nun vom NDR „als erstem öffentlich-rechtlichen Sender“ umgesetzt, wie Film-Chef Christian Granderath erklärt. Zwei Drittel der führenden Positionen seien weiblich, 17 Prozent mit BIPoCs („Black, Indigenous, People of Color“) besetzt worden.

„Dem deutschen Film fehlt es an diversen Stimmen, besonders jungen Women of Color“, sagte Mia Spengler in einem Interview für die Filmstiftung Hamburg Schleswig-Holstein. „Es ist im Interesse der gesamten Branche, das zu ändern. Der Inclusion Rider ist hoffentlich ein Mini-Schritt auf einem langen Weg.“ Allerdings warnte sie auch vor einer Auskunftspflicht – mit der Folge, dass „die entsprechenden Personen noch mehr diskriminiert werden“.

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