Was war mit Papa? Die beiden Söhne des Ermordeten, Viktor (Juri Sam Winkler, l.) und Valentin (Caspar Hoffmann), werden von den Kommissarinnen befragt, Mutter Katharina Benda (Britta Hammelstein) beruhigt. Foto: MDR/W&B Television/Daniela Incor
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"Tatort" aus Dresden Welt aus Glas

Bedrohlicher Subtext: Der Dresdner „Tatort“ blickt hinter die heile Fassade einer Gastronomenfamilie.

Die Nemesis galt als Göttin des Zorns, der Gerechtigkeit, als Rachegöttin. Dazu kam später die Konnotation einer Art persönlichen Todesengels. Ist eine Person die Nemesis einer anderen, so hat Letztere vermutlich nichts Gutes zu erwarten. Der neue „Tatort“ aus Dresden – es ist der insgesamt achte sowie der zweite Fall mit der neuen Oberkommissarin Leonie Winkler (Cornelia Gröschel) – trägt genau diese Göttin „Nemesis“ im Titel.

Das Bild, das sich Oberkommissarin Karin Gorniak (Karin Hanczewski) und ihrer neuen Kollegin Leonie Winkler am frühen Morgen am Tatort bietet, ist ein Bild des Grauens. Im Büro eines noblen Szene-Restaurants in bester Innenstadtlage liegt Restaurantleiter Joachim Benda kopfüber auf dem Schreibtisch. Direkter Kopfschuss, die Wand ist blutüberströmt. Trash & Splatter in Dresden.

Der Vorgesetzte von Gorniak und Winkler, Kommissariatsleiter Schnabel (Martin Brambach), ist entsetzt: Joachim Benda war ein guter Bekannter, ab und an speiste Schnabel in Bendas Nobelschuppen. Als die Ermittlerinnen Bendas Frau Katharina (Britta Hammelstein) an den Tatort bitten, kommt sie mit ihren Söhnen Valentin (Caspar Hoffmann) und Viktor (Juri Sam Winkler) angefahren.

Katharina Benda steigt aus dem Auto aus, das sie verriegelt, geht in das Restaurant und zusammen mit Schnabel, der auch sie kennt und duzt, in das Büro. Die Söhne lässt sie im Wagen zurück. Sie sehen die Polizei, das Blaulicht, den Krankenwagen durch die Wagenfenster. Die Kamera (Hendrik A. Kley) zeigt sie wie zwei Weggesperrte hinter Glas.

Dieses Motiv wird sich wiederholen: Das Wohnhaus der Bendas, in bester Wohnlage am Flussufer der Elbe gelegen, ein neuer stylisher Bau, ganz in Weiß, entfernt den Bauhaus-Stil assoziierend, hat weite Fensterfronten. Überall Glas. Auch die beiden Kinderzimmer sind von Glasfronten umgeben. Und doch ist das Eigentliche nicht zu sehen.

Nahezu alles ist Täuschung

Alles in diesem „Tatort“ aus Dresden – den Stephan Wagner inszeniert und zusammen mit Mark Monheim auch geschrieben hat – deutet zunächst darauf hin, dass es sich hier um Schutzgeld-Erpressung und einen Milieu-Mord handelt. Zumal Bendas Ehefrau Katharina den Kommissarinnen erzählt, man sei vor Kurzem zu Hause überfallen worden, Männer mit Gesichtsmasken hätten sie in ihrem Haus brutal behandelt, die beiden Söhne hätten alles mitansehen müssen.

Kommissariatsleiter Schnabel, durch seine Bekanntschaft mit den Bendas befangen, findet das recht plausibel und will den Fall schnell aufklären. Bei alldem hat die Neue im Team, Leonie Winkler, ein unbehagliches Bauchgefühl. Bauchgefühle, so herrscht sie Schnabel an, zählen hier aber nicht, hier zählen Fakten. Dann gerät die Theorie der Schutzgeld-Erpressung durch die ansässige Mafia ins Wanken, als ein verdeckter Ermittler Leonie Informationen über die Waffe geben kann, mit der Benda erschossen wurde. Es war seine eigene.

„Nemesis“ ist klug konzipiert, seine Bilder sind klar und kalt, alles ist in Grautönen gehalten. Einem spiralförmigen Sog gleich führen die Spuren immer mehr in ein Dunkel, das Gorniak und Winkler lieber nicht dort verorten würden, wo sie es verorten müssten. Es sind die dunklen Abgründe einer Familie, die sich ihnen auftun.

Einer Familie, dem äußeren Anschein nach wohlhabend und intakt, mit zwei Kindern und einem Restaurant, das einer der Hotspots der Stadt ist. Doch nahezu alles ist Täuschung. Es ist oftmals an den Gesichtern der beiden sehr unterschiedlich angelegten Jungen abzulesen – und Juri Sam Winkler und Caspar Hoffmann gelingt dies hervorragend darzustellen –, dass hier etwas nicht stimmt. Ein bedrohlicher Subtext. Ein tödlicher, vielleicht.

„Tatort: Nemesis“, Sonntag, ARD, 20 Uhr 15

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