Im Gefängnis. Kommissar Faber (Jörg Hartmann, r.) und sein Team. Foto: WDR/Thomas Kost
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"Tatort" aus Dortmund Schaum vorm Mund

Tollwut-Virus im Knast und die Rückkehr von Kommissar Fabers Albtraum: Der "Tatort" zeigt ein recht trostloses Dortmund.

Es gibt nicht viele Krimis, in denen sich ein derart wunderlicher Dialogsatz einbauen ließe: „Martina, ich wurde ermordet, akzeptier’ das.“ Dabei ist der Satz keine Spur komisch gemeint. Drehbuchautor Jürgen Werner hat sich für das Dortmunder „Tatort“-Team ein schräges Ding einfallen lassen: Ein tödliches Virus im Gefängnis, die Rückkehr eines bösen alten Bekannten und das sichere Ableben eines ehemaligen Kollegen und Freundes der Kommissare. Wobei, ein Freund ist Gefängnisarzt Zander (Thomas Arnold) nur für zwei der drei verbliebenen Ermittler, für Hauptkommissar Peter Faber (Jörg Hartmann) gilt nach wie vor: „Sie haben keine Freunde, Faber. Sie haben nur Graf.“ Sagt Fabers junge Kollegin Nora Dalay (Aylin Tezel), die in der Folge „Tollwut“ von der Angst vor Ansteckung gepackt wird und sowieso auf Krawall gebürstet ist.

Der WDR-„Tatort“ aus Dortmund, das bedeutet auch in der elften Episode besonders intensive Krimiunterhaltung, bei der sowohl die Spannung als auch die Spannungen im Team das Durchschnittsniveau der Reihe deutlich überschreiten. Exkollege Daniel Kossik arbeitet nun beim LKA in Düsseldorf, bleibt aber nach dem Ausstieg von Schauspieler Stefan Konarske unsichtbar. Auch Nora ist mittlerweile von Faber so genervt, dass sie mit dem Gedanken an einen Wechsel zum LKA spielt. Die Stellung hält Martina Bönisch (Anna Schudt), der ruhende Pol, der allein die enormen zwischenmenschlichen Fliehkräfte im Team zu beherrschen scheint.

Wer war noch mal Graf? Faber erhält zu Beginn Post. „Auf ewig Dein“ steht auf dem Umschlag, den Markus Graf aus der Justizvollzugsanstalt Dorsten abgeschickt hat. Darin steckt die Zeichnung eines Verkehrsunfalls, bei dem eine Frau und ein junges Mädchen ums Leben kamen. Fabers persönlicher Albtraum. Markus Graf gilt seit der vor vier Jahren ausgestrahlten Folge („Auf ewig Dein“) als mutmaßlicher Mörder von Fabers Familie.

Ein Heimspiel des BVB wird Zander nicht mehr besuchen können

Erwiesen ist die Sache nicht. Vielleicht will Graf den Kommissar, der einst dessen Vater ins Gefängnis gebracht hatte, quälen, um sich zu rächen. Florian Bartholomäi verleiht diesem gefühlskalten Mann, der Frauen und Kinder vergewaltigt und ermordet hat, eine perfide Boshaftigkeit. Autor Werner macht also ein altes Fass wieder auf, das am Ende von „Tollwut“, so viel sei verraten, auch nicht wieder geschlossen wird. Die horizontale Erzählweise, ein Markenzeichen des Dortmunder „Tatorts“, wird neu belebt.

Die alte Geschichte wird mit einem etwas abstrus konstruierten, aber von Dror Zahavi packend inszenierten Gefängnisdrama verknüpft. In der JVA Dorsten ist ein Häftling an Tollwut verstorben. Bei der Erklärung, wie das Virus in die Haftanstalt gelangt sein könnte, ächzt es im Drehbuchgebälk. Die Angst vor der Tollwut wird mit wüst zappelnden Leibern, Schaum vorm Mund und Unheil verkündenden Kamerafahrten beschworen. Ein Virus an einem ohnehin geschlossenen Ort ist zwar nicht automatisch eine Bedrohung für die Allgemeinheit, weshalb dieser Film kein Vertreter des Seuchengenres ist.

Dortmund ist im „Tatort“-Universum ja ohnehin kein Schauplatz voller Sonnenschein. Deprimierend ist diesmal insbesondere die Nebenhandlung um den Arzt, der dem Tode geweiht ist. Seelenruhig und noch ohne erkennbare Anzeichen einer Erkrankung informiert Zander die geschockten Kommissare im Schatten des Dortmunder Fußballtempels über sein bevorstehendes Ableben. Ein Heimspiel des BVB wird Zander nicht mehr besuchen können, und als die befreundete Martina Bönisch ihm mit einem „Mitleidsfick“ einen letzten Wunsch erfüllt, ist das die traurigste Szene des Films. In Dortmund ist auch der Sex trostlos.

„Tatort – Tollwut“, ARD, Sonntag, 20 Uhr 15

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