Moderatorin Anne Will Foto: ARD Das Erste/NDR/Wolfgang Borrs/obs
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Talkrunde bei Anne Will Die Kanzlerin hat wohl die falschen Berater

Eine zweigeteilte Talkrunde: Der dynamische Part will vorsichtige Öffnungen und schnelle Impfungen. Kanzleramtsminister Braun aber scheint es nicht zu drängen.

„Die Leute haben die Schnauze voll!“ Der Ausruf stammt nicht von einem populistischen Marktschreier, sondern von Volker Bouffier, dem hessischen Ministerpräsidenten. Und er hat damit wohl ausgedrückt, was die meisten Menschen angesichts des Diskutierens über ein Ende oder eine Fortsetzung des Lock-Downs empfinden. Vor allem die Kanzlerin, die lange Monate die breit akzeptierte Leitfigur in der öffentlichen Debatte war, dringt nicht mehr durch.

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Nun ist ihr Staatsminister Helge Braun bei Anne Will zu Gast, selbst Mediziner. Auch dabei: Ranga Yogeschwar, einer der bekanntesten deutschen Wissenschaftsjournalisten; Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, frühere liberale Justizministerin; Christiane Woopen, Vorsitzende des Europäischen Ethikrates; der Musiker Smudo, eingeladen weniger wegen seiner Rolle in der angesagten Hip-Hop-Gruppe „Die fantastischen Vier“ denn als Erfinder einer App, die bei der Verfolgung von Infektionswegen bei Besuchern öffentlicher Veranstaltungen hilfreich sein kann.

Nach 60 Minuten weiß man nicht so genau, wovor man nun mehr Angst haben muss: Vor immer neuen Mutationen des Virus, oder davor, dass die Bundesregierung so lange darüber redet, was getan werden muss, dass der Corona-Virus den Wettlauf gegen die lahmen Entscheidungsprozesse sowieso gewinnen wird.

Es gab bei den Gästen dieser Sendung eine Zweiteilung: Da war ein dynamischer Part, und da war ein retardierendes Element. Dynamisch war vor allem Christiane Woopen, die Professorin für Ethik und Theorie der Medizin. Sie warb klar und deutlich für einen Strategiewechsel: Da die Menschen emotional erschöpft, existentiell bedroht und der Perspektivlosigkeit müde sind, müsse es vorsichtige und begleitende Öffnungen geben, mit Impfungen, immer wieder neuen Tests und dauernden Informationen. Dafür braucht man eine App, und die muss bei allen Menschen funktionieren.

Genau dafür engagierte sich auch der Musiker Smudo, der eine solche App entwickelt hat. Die ist nicht so nutzlos wie die offizielle Warn-App, sondern ermöglicht mit einem QR-Code die Nachverfolgung von Infektionswegen. Datenschutz gibt es auch da, aber eben nicht bis zur Unbenutzbarkeit perfektioniert. Salopp formuliert: Was nützt der Datenschutz, wenn er vor der Weitergabe der Infektion nicht warnt?

Was muss man also tun? Erkenntnisse umsetzen. Ein Konzept muss her. Das sagte der Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeschwar (Impfen rettet Menschenleben). Das sagte, mit mehr Worten, aber im Kern nicht anders, die FDP-Politikerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger.

Und Helge Braun? Irgendwann fragte ihn Anne Will, fast ratlos: Ich merke Ihnen nicht an, dass es drängt… Da hatte Braun vorher formuliert, man müsse in den nächsten Tagen über Tests reden… Und später: Wir brauchen ein einheitliches Info-System…

Mag ja alles sein, aber wir reden ja nicht über eine Theorie-Debatte, sondern über aktuelle Notwendigkeiten. Dass Braun, der selber Mediziner ist, mit seinem vorsichtigen Herantasten an das Thema wohl tatsächlich der Diener seiner Herrin ist, wurde bei einem Einspieler mit einem Merkel-Zitat deutlich: „Wir müssen sehr gründlich schauen, ob wir uns einen Puffer erarbeiten können …“ Und da sprach die Kanzlerin von Schnelltests!

Gesamteindruck: Die Kanzlerin hat wohl die falschen Berater. Oder sich die falschen Berater ausgesucht. Wenn uns das Virus nicht überrennen soll, muss sich da was ändern. Es könnte zur Überlebensfrage werden. Am Mittwoch tagen sie wieder, die Bundeskanzlerin und die Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten. Kann gut sein, dass, je nach Ergebnis, Volker Bouffiers Satz „Die Leute haben die Schnauze voll!“ eine völlig neue Bedeutung bekommt.

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