News-Junkie. Helge Fuhst leitet die „Tagesthemen“-Redaktion bei ARD-aktuell in Hamburg und gelegentlich moderiert er das Nachrichtenmagazin auch. Foto: NDR/Nadine Rupp
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"Tagesthemen"-Chef Helge Fuhst im Porträt „Mit Militarismus hat das nichts tun“

Reden wir zu viel über Krieg und schwere Waffen? Nein, meint ARD-„Tagesthemen“-Leiter Helge Fuhst.

David Bowies wohl größter Fan auf Erden kommt aus Hamburg-Lokstedt und hört auf den Namen Dr. Helge Fuhst. Von der David-Bowie-Kaffeetasse über das David-Bowie-Shirt bis zu den David-Bowie-Socken reicht die Hingabe jenes Mannes, der seit drei Jahren die Redaktion der „Tagesthemen“ leitet. Mit welchem Bowie-Song würde er die aktuelle Nachrichtenlage besingen, in der die Welt am Rande eines großen Krieges steht?

„Under Pressure“, antwortet Helge Fuhst, sei für ihn „schon immer der intensivste Song“ gewesen und passe „sicher sehr gut zur jetzigen Situation“. Natürlich stünden auch sie im Nachrichtenhaus unter Druck, „aber der Blick für uns alle geht in die Ukraine zu den Menschen, die gerade um ihr Leben fürchten müssen“. Wenn er an sie denke, falle ihm sofort „Heroes“ ein, ein Song, den Bowie übrigens in Berlin aufnahm mit Blick auf die Mauer und die kriegsversehrte Stadt. Fuhst sieht „sehr viel Mut. Auch in Russland bei Journalisten, die sich bis zuletzt trauten, frei zu berichten, und bei Menschen, die ihren Protest auf die Straße tragen.“

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Mutmachende Lichtblicke zu finden, fällt indes zunehmend schwer. Seit 77 Tagen wird in der Ukraine gekämpft und gestorben und genauso lange berichtet. Noch immer dominiert das Kriegsgeschehen die News und die Talkshows, wenn auch nicht mehr ganz so intensiv wie zu Beginn, als sich aller Augen von früh bis spät nur auf dieses eine Thema richteten wie zuletzt bei der Pandemie. Macht sich nun so etwas wie Kriegsmüdigkeit breit?

„Nicht in der Redaktion“, betont der „Tagesthemen“-Chef, „weil wir jedes Thema, egal wie lange es dauert, jeden Tag durch die journalistische Brille neu bewerten.“ Aber aus vielen Rückmeldungen wisse er, „dass es für unser Publikum psychisch schwer zu ertragen ist, jeden Tag einen Krieg zu sehen, der so nah ist und Sorgen um unsere Sicherheit auslöst.“

Dauerthema "schweres Gerät"

Insbesondere Pazifisten und Offenen-Brief-Schreibern müssen die Berichte über Panzerhaubitzen und Flugabwehrraketen des Typs Strela höchst ungewohnt anmuten. Seit Ende des Kalten Krieges wurde nicht mehr so ausführlich über „schweres Gerät“" (Olaf Scholz) geredet und schon gar nicht in der Generation von Helge Fuhst, Jahrgang 1984. Er findet: Aus journalistischer Sicht müssten alle Nachrichtensendungen „eigentlich noch viel mehr über Militärisches informieren“, damit unsere Gesellschaft die aktuellen Entscheidungen etwa über deutsche Waffenlieferungen „besser bewerten“ könne. Das habe „nichts mit Aktivismus oder Militarismus zu tun“, wie oft kritisiert wird, „wir müssen informieren“.

Sagt einer, der nicht beim Bund war, sondern Zivildienst bei der Caritas geleistet hat. Nach dem Politikstudium, das Fuhst mit einer Promotion über Barack Obama abschloss, volontierte er beim NDR. Stationen als Fernsehautor im Landesfunkhaus seiner Geburtsstadt Hannover, als Producer im Studio Washington und als Moderations-Redakteur bei den „Tagesthemen“ in Hamburg folgten. Dort war damals Tom Buhrow Anchor. Als dieser WDR-Intendant wurde, nahm er Fuhst als Referent mit nach Köln. Den Beinamen „Buhrows Zögling“ hat er seither weg.

Co-Leiter bei Phoenix

Vor bald drei Jahren stieß er dann vom Sender Phoenix, dessen Co-Leiter er war, zur Hamburger Nachrichtenzentrale. Als Zweiter Chefredakteur von ARD aktuell leitet er nicht nur die Spätnews. Er moderiert sie gelegentlich auch als Robert-Redford-haftes Back-up der drei Hauptmoderatoren Ingo Zamperoni, Caren Miosga und Aline Abboud, so zuletzt am 30. April. Und jeden Tag aufs Neue treibt ihn die Frage um: Was bringt man in den „Tagesthemen“, wenn die meisten über den Tag schon fast alles gehört, gesehen und gelesen haben? Helge Fuhst ist davon überzeugt, dass man am Tagesende nicht unbedingt auf jede einzelne Meldung eingehen, sondern mehr Vertiefung anbieten müsse. Die Mediennutzung habe sich, zumindest unter den Social-Media-affinen „Tagesthemen“-Guckern, geändert: „Wir müssen den Leuten einen Grund geben, weshalb sie spätabends noch einschalten sollen.“ Und nicht bei der Konkurrenz.

Seit August legt „RTL direkt“ in der Regel zeitgleich um 22 Uhr 15 los, was der „Tagesthemen“-Quote nicht nachhaltig zu schaden scheint. Der Marktanteil stieg im vergangenen Jahr sogar leicht auf 11,45 Prozent. Laut Fuhst liegt das daran, dass beide Formate „sehr unterschiedlich“ seien, „allein schon von der Länge her“, und deswegen jedes sein eigenes Publikum finde. Wachsenden Zuspruch sieht er auch aufseiten seines früheren Arbeitgebers Phoenix. Zuschauer schalteten „immer häufiger ein“, auch bei tagesschau24, das sich immer mehr zum reinen Nachrichtenkanal wandelt. Fuhst findet, beide Angebote ergänzten sich „gut, und intern gibt es keine Doppelarbeit, sondern eine viel engere Zusammenarbeit“.

Geschichten aus dem wahren Leben

Um den schnellen News-Cycle bei den „Tagesthemen“ herunterzufahren, versuchten sie, „Geschichten aus dem wahren Leben“ mehr Raum zu geben, erklärt Fuhst. Dazu gehörten insbesondere Live-Interviews mit Politikern und Expertinnen. So wurden im Vorjahr 65 Gespräche mehr geführt als 2020, und länger, bis zu acht Minuten, waren sie auch. Denn am nächsten Tag erinnern sich die Menschen „am ehesten an ein Interview“.

In Erinnerung dürfte vielen auch der Live-Auftritt der „Ärzte“ geblieben sein. Ein überraschender, aber auch umstrittener Coup. Für Bowie-Fan Fuhst, der Klavier lernte und in einer Band spielte, ist es ein Paradebeispiel dafür, „wie man Seriosität mit Überraschung und Traditionelles mit Neuem verbindet, sodass wir mehr Menschen erreichen“. Denn eins wollen die „Tagesthemen“ auf keinen Fall sein: eine Elite-Sendung nur für Intellektuelle.

Fan von Hannover 96

Und auch das brachte Fuhst in die „Tagesthemen“ ein: die Rubrik „Mittendrin“. Reporter aus den neun ARD-Anstalten schwärmen aus in die Region, ob ins thüringische Kaff Kranichfeld oder die Metropole Köln, und bringen Fünf-Minuten-Reportagen mit. Nur in den ersten beiden Kriegswochen war Pause und die Ukraine fest im Tunnelblick. Inzwischen schaut man in Hamburg wieder nach links und nach rechts. Das hält Fuhst für immens wichtig, „damit nicht manch einer die Situation nutzt, um unliebsame Entscheidungen durchzuwinken in der Hoffnung, dass wir das in der Ausnahmesituation nicht wahrnehmen“.

Was sein eigenes Fortkommen betrifft, scheint der „Tagesthemen“-Chef vollauf zufrieden zu sein mit seinem aktuellen Job. Kein Schielen hin zum Sport. Keine Wechselgedanken, wie sie zuletzt die ARD-Prominenten Patrick Gensing (von der „Tagesschau“ zum FC St. Pauli) und Steffen Simon (von der „Sportschau" zum DFB) in die Tat umsetzten. Als Lokalpatriot besuche er immer wieder mal seinen Heimatverein Hannover 96. „aber nur als Gast“, lacht Helge Fuhst.

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