Die "Bild"-Zeitung geht Christian Drosten hart an – der und andere Forscher wehren sich. Foto: imago images / Norbert Schmidt & Jürgen Heinrich / Montage: Tsp
© imago images / Norbert Schmidt & Jürgen Heinrich / Montage: Tsp

Update „Studie sollte zurückgezogen werden“ „Bild“-Zeitung legt gegen Drosten nach

Der Streit zwischen dem Boulevard-Blatt und dem Virologen geht in die zweite Runde: „Bild“ bringt weitere Vorwürfe gegen eine Studie des Forschers.

Seit Beginn der Woche tobt ein ungewöhnlicher Streit: Deutschlands derzeit einflussreichster Virologe Christian Drosten (Charité-Berlin) zofft sich mit Deutschlands einflussreichstem Boulevardblatt "Bild".

Auslöser des Streits war eine Anfrage eines "Bild"-Redakteurs am Montag an Drosten zu einer Studie darüber, welche Rolle Kinder bei der Verbreitung des Coronavirus spielen. Eine Forschergruppe um Drosten kam Ende April zu dem Schluss, dass sie so ansteckend sein könnten wie Erwachsene.

Der "Bild"-Redakteur gab Drosten nur eine Stunde Zeit für eine Reaktion, was Drosten wiederum auf Twitter öffentlich machte und dem Blatt "tendenziöse Berichterstattung" vorwarf.

Kurze Zeit nachdem Drosten die "Bild"-Zeitung auf Twitter öffentlich anging, veröffentlichte das Blatt am Montagnachmittag einen Artikel mit der Überschrift "Drosten-Studie über ansteckende Kinder grob falsch" und fragte: "Wie lange weiß der Star-Virologe schon davon?"

In dem Artikel wurden vier Forscher zitiert, die vorher teilweise in wissenschaftlichen Diskussionsforen und auf Twitter Kritik an der Drosten-Studie geäußert hatten. In der Folge des Wirbels um den "Bild"-Text distanzierten sich die Wissenschaftler von dem Artikel. Ihre Aussagen seien teilweise aus dem Zusammenhang gerissen worden.

Kritik an Drosten aus Cambridge und Halle

Was in der Debatte etwas unterging: Es gibt tatsächlich auch berechtigte Kritik an der Charité-Studie, die am Dienstag schon der "Spiegel" aufgriff und jetzt noch einmal die "Bild"-Zeitung.

Beide zitieren David Spiegelhalter, Statistik-Professor an der Cambridge-Universität, und den emeritierten Statistik-Professor Kevin McConway, die auf Twitter von einer "unangemessenen Analyse" sprechen und auf eine detaillierte Analyse der von Drostens Team benutzten statistischen Methoden verweisen.

"Der Pre-Print sollte zurückgezogen werden", schreiben die beiden. Sie fügen aber auch an: Sie könnten lediglich Aussagen zur statistischen Methoden machen, nicht zu anderen Aussagen der Studie. Und bemerkenswert: Sie distanzieren sich von "Zeitungs-Attacken" auf Drosten und sein Team.

Auch die von "Bild" zitierten Forscher zogen ihre inhaltliche Kritik an der Studie nicht zurück, sondern fanden sie durch die "Bild"-Zeitung ausgeschlachtet und überspitzt.

Statistischer „Kardinalfehler“

Kritik an der Studie kommt auch vom Virologen Alexander Kekulé aus Halle. In seinem Podcast beim "MDR" geht er mit der Arbeit seines Berliner Kollegen hart ins Gericht: Die Schlussfolgerung der Studie, so wie sie von allen interpretiert wurde, dass die Jungen genau soviel Virus im Rachen hätten wie die Alten „ist einfach falsch“, erklärt er. „Das kann man aus der Studie definitiv nicht ableiten.“

Und weiter: „Wenn die Studie jemand auf den Tisch bekommen hätte, der Ahnung von Statistik hat, hätte der die Fehler sofort gefunden und gesagt: So könnt ihr die Auswertung nicht machen, da müsst ihr nochmal nachschärfen.“ Kekulé spricht von einem statistischen „Kardinalfehler“.

Dazu muss man wissen: Kekulés Einschätzungen in Hinblick auf die Pandemie unterscheiden sich teilweise deutlich von denen des Robert Koch-Instituts und auch Drosten. Der Virologe aus Halle warnte als einer der ersten bekannten Virologen in Deutschland vor den gefährlichen Folgen des Coronavirus. Zu einer Zeit, als das Gesundheitsministerium und das RKI von keiner großen Gefahr für Deutschland sprachen.

Tatsächlich ist in der Forschung derzeit umstritten, wie stark Kinder vom Virus gefährdet sind und welche Rolle sie in der Verbreitung des Virus spielen.

In der frühen Phase der Epidemie galten Kinder als quasi immun. Zum Teil wurde vermutet, dass sie sich viel seltener anstecken als Erwachsene, möglicherweise weil ihnen die Moleküle, die das Virus in die Zelle einschleusen, fehlen könnten. Inzwischen gilt als sicher, dass sie sich häufig anstecken und das Virus auch weitergeben.

Corona-Übertragung durch Kinder: Unterschiedliche Ergebnisse

Schwere Verläufe sind bei Kindern selbst nach wie vor selten – es gibt sie aber, auch Todesfälle. Einige Kinder werden von einer systemischen Gefäßentzündung heimgesucht, die dem Kawasaki-Syndrom ähnelt (dessen Auslöser bisher unbekannt ist) und das Folgeschäden wie Aneurysmen an den Herzkranzgefäßen bedingen kann. Unklar ist weiterhin, welche Rolle Kinder als Überträger spielen.

Die Ergebnisse aus Drostens Labor an der Charité legen nahe, dass ihre Rolle vergleichbar mit der von Erwachsenen sein könnte. Es gibt aber auch Hinweise, etwa aus Italien, dass Kinder tatsächlich weniger erkranken könnten und auch seltener Überträger wären.

Am Montag zitierte die baden-württembergische Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) eine neue Studie der Unikliniken Heidelberg, Tübingen, Freiburg und Ulm, nach der es „Signale“ gebe, „wonach Kinder bis zehn Jahre als Überträger eine untergeordnete Rolle spielen“.

Mehr zum Coronavirus:

Auch Drosten räumt inzwischen in seinem Podcast ein, dass die statistische Methode "völlig zu Recht" kritisiert werden könne. Man habe Viruslasten unterschiedlicher Altersgruppen ausgewertet - und dafür relativ grobe statistische Methoden verwendet.

Dies sei auch mit Absicht so gewesen, weil man schauen wollte, ob das Ergebnis weitere Untersuchungen rechtfertige. "Wenn man da mit einer groben statistischen Methode nichts findet, dann lohnt es sich sicherlich auch nicht, da weiter zu graben mit feineren Methoden." 

Christian Drosten, Direktor des Instituts für Virologie an der Charité, hat Zoff mit der "Bild"-Zeitung. Foto: Britta Pedersen/dpa-Zentralbild/dpa Vergrößern
Christian Drosten, Direktor des Instituts für Virologie an der Charité, hat Zoff mit der "Bild"-Zeitung. © Britta Pedersen/dpa-Zentralbild/dpa

Andere Forscher hätten die Ergebnisse der Studie mit feineren Methoden nachgerechnet und "hier und da einen Hinweis für Unterschiede in den Viruskonzentrationen gefunden", sagte Drosten. Das stimme auch, "aber das hat für die medizinische Interpretation und die Deutung dieser Daten überhaupt keine Konsequenz." Und weiter: "Es gibt auch bei Kindern sehr hohe Viruslasten, und das ist einfach das, was wir sagen wollen."

Auch bei der Heinsberg-Studie gab es Ärger wegen der Statistik

Das ist zumindest erklärungsbedürftig. Derzeit bessert Drostens Team bei der Studie nach und will sie dann auch offiziell zur Veröffentlichung einreichen, so wie es dem üblichen wissenschaftlichen Prozess entspricht.

Denn wichtig zu wissen ist auch: Der Wirbel um Kritik an der aktuellen Studie ist ungewöhnlich. Das Team um Drosten veröffentlichte seine Studie als sogenannten Pre-Print, sodass andere Forscher die Möglichkeit haben, auf die Ergebnisse zuzugreifen, die Ergebnisse und Methoden zu bewerten und Anmerkungen zu machen. Normalerweise läuft all das allerdings nicht unter den Augen der Öffentlichkeit ab.

[Wenn Sie alle aktuellen Entwicklungen zur Coronavirus-Krise live auf Ihr Handy haben wollen, empfehlen wir Ihnen unsere runderneuerte App, die Sie hier für Apple- und Android-Geräte herunterladen können]

Für gewöhnlich werden Studien erst einer breiten Öffentlichkeit vorgestellt, wenn sie einen sogenannten "Peer-Review-Prozess" durchlaufen haben - also von anderen Fachwissenschaftlern bewertet und gecheckt wurden - und in einem Fachmagazin erscheinen. Auch dann ist es normale wissenschaftliche Praxis, Studien weiter zu debattieren und Forschung weiterzutreiben. Dadurch ändern sich auch wissenschaftliche Erkenntnisse zu einem Thema.

Eine ähnliche Diskussion wie um das Papier von Drostens Team hatte es zuletzt auch um die Heinsberg-Studie gegeben, auch wenn die etwas unterging. Die Studie, die vom Bonner Virologen Hendrick Streeck geleitet wurde, war zu dem Ergebnis gekommen, dass in Deutschland schon rund 1,8 Millionen Menschen mit dem Coronavirus infiziert sein könnten.

Wie Forscher dem SWR bestätigten, war diese Hochrechnung aber grob falsch. Demnach liegt die Zahl der in Deutschland Infizierten wahrscheinlich mindestens bei knapp einer Million, sie könnte aber auch bis zu fünf Millionen Menschen umfassen. Auf Nachfrage des SWR räumte der für die Statistik der Heinsberg-Studie verantwortliche Forscher den Fehler ein, ein notwendiger Rechenschritt habe gefehlt.
Hinweis der Redaktion: An einer Stelle des Artikels hieß es in einer früheren Version, dass der Virologe Alexander Kekulé mit dem RKI und Drosten seit Wochen über Kreuz liege. Die Wortwahl war dahingehend irreführend, weil sie einen länger währenden, offenen Streit nahelegt. Den gibt es so nicht. Wir haben die Formulierung in der entsprechende Passage geändert.

Zur Startseite