Nur wenn sie beim Zuschauer Emotionen wecken, bleiben sie in guter Erinnerung – so wie die Netflix-Serie „Damengambit“ mit Anya Taylor-Joy. Foto: Phil Bray/Netflix
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Serien-Tops und -Flops Die besten Streaming-Tipps zum Jahresende

Jan Freitag

Auch in diesem Jahr jagte bei Netflix, Amazon & Co. eine Serie die nächste. Es gab Überraschungserfolge und Enttäuschungen. Fünf subjektive Rückblicke.

Nicht nur als Fernsehkritiker, sondern genauso als Zuschauer am heimischen Fernseher oder zahlender Kunde eines der vielen Streamingdienste von Netflix und Amazon Prime über Disney+ und Sky Ticket bis hin zu Joyn und TV Now stolpert man an TV-Flatscreen, Computer, Laptop, Tablet oder Smartphone über zahlreiche vielversprechende Serienproduktionen.

Dabei müssen es nicht immer jene Ausnahmeproduktionen sein, die in den Ranglisten der Anbieter am Ende ganz oben stehen. Jeder hat seine ganz eigenen Vorlieben und Abneigungen, manches wird zum Überraschungserfolg, anderes zum Reinfall. In diesem Stück ziehen wir eine kleine, in jedem subjektive Bilanz der Serien-Tops und -Flops des Jahres 2020.

Top: „Small Axe“ – Der britische Oscar-Preisträger Steve McQueen („12 Years a Slave“) zeigt mit seinem BBC-Fünfteiler, wozu das Serienformat auch in der Netflix-Ära noch fähig ist: nicht atemloses Durcherzählen von „plot points“, sondern punktgenaue Vertiefung von Momentaufnahmen und Milieus. „Small Axe“ besteht aus fünf Filmen über die Lebenswelten karibischer Einwanderer in London über drei Jahrzehnte. Alle am Beispiel realer, vergessener Biografien. Der längste Film „Mangrove“ (130 Minuten) erzählt vom Kampf der karibischen Community in Notting Hill gegen die Polizeigewalt in den Sechzigern, der kürzeste (65 Minuten) thematisiert das rassistische Schulsystem Englands. Und der schönste Beitrag „Lovers Rock“ schunkelt zum Rhythmus des jamaikanischen Rocksteady. (Amazon)

Flop: „Hunters“ – Eine Art Superhelden-Truppe jagt, angeführt von einem Holocaust-Überlebenden (Al Pacino), in den USA untergetauchte Altnazis. Die Ästhetik ist ans Blaxploitationkino angelehnt: Das klingt nach Tarantino, produziert hat aber Jordan Peele („Get Out“). Nazi-Karikaturen mit Comic-Gewalt abmetzeln – kann man ja machen, aber nicht so. (Amazon) Andreas Busche

Top: „Warten auf’n Bus“ – Zwei Männer, die Einöde Brandenburgs und wenig mehr Handlung als Labern übers Leben langzeitarbeitsloser Trauergestalten Ende 40: das Geschehen des RBB-Achtteilers „Warten auf'n Bus“ könnte ereignisloser kaum sein. Umso spektakulärer, was Ronald Zehrfeld und Felix Kramer aus Oliver Bukowskis Drehbuch machen. Im proletarisch-philosophischen Diskurs übers Wesen der Perspektivlosigkeit, entwickeln Ralle und Hannes eine Art unbeugsamer Würde, die wahrhaftig und humorvoll, also zum Niederknien ist. Billigfernsehen auf unbezahlbarem Niveau.

Flop: „Hausen“ – Gruseleffekte sind vor allem eines: Handwerk. Etwas Dunkelheit, Suspense und Mystery als Kontrastmittel zur Normalität – alles in allem also das Gegenteil von „Hausen“. Die Horror-Serie stapelt Suspense und Mystery auf Sky so hoch in die Dauerdunkelheit eines ostdeutschen Plattenbaus, dass dem Ausnahmezustand zum Schaudern komplett der Alltag fehlt.

Trotz Charly Hübner als Hausmeister und Alexander Scheers Drogendealer, ist Thomas Stubers Achtteiler vom ersten bis zum letzten Moment Effekthascherei und damit statt krass nur ermüdend und öde. Jan Freitag

Top: „Upload“ – Die Streamingserie „Upload“, die Amazon Prime im Mai freigegeben hat, gehört eigentlich zum Science-Fiction-Genre. Todgeweihte Menschen können ihre komplette Identität in die Cloud hochladen, um sich – vorausgesetzt sie verfügen über das nötige Kleingeld – in einem exklusiven Resort namens „Lakeview“ verwöhnen zu lassen. Die Sache hat einen Haken: Beim Upload wird der physische Körper zerstört. Die Hoffnung: Es wird daran gearbeitet, den Vorgang umzukehren, um sein Selbst in einen jüngeren, gesünderen Körper zurückzutransferieren.

Doch es ist keineswegs diese technische Utopie – die schnell ihre Schattenseite zeigt – die „Upload“ sehenswert macht, zumal die Idee von digitaler Unsterblichkeit schon in den unterschiedlichsten Varianten fiktionalisiert wurde. Das schafft vielmehr die Dreiecksbeziehung zwischen den Hauptfiguren. Nathan (Robbie Amell) verunglückt schwer mit seinem Selbstfahrauto. Mit dem Geld seiner Verlobten Ingrid (Allegra Edwards) wird der junge Mann in den virtuellen Himmel geschickt – und dort von Nora (Andy Allo) betreut, die als „Engel“ für die Betreiberfirma Horizon arbeitet. Showrunner Greg Daniels hat das Spannungsverhältnis von echter Liebe und unerkannter Intrige über die kalte Technik gesetzt. Eine zweite Staffel ist angekündigt, Corona-bedingt allerdings noch ohne Startdatum.

Flop: „Barbaren“ – Auch in der ersten deutschen Historienserie von Netflix gibt es eine Dreiecksgeschichte. Doch angesichts der Varusschlacht, in der die Germanen das römische Reich besiegen, wirken die Friktionen zwischen Thusnelda, Folkwin und Arminius zu klein, um bedeutsam zu sein – zumal der Cherusker-Anführer und nicht die holde Germanin der Dreh- und Angelpunkt dieser Erzählung ist. Dass viele Dialoge wie aus einer Sitcom zu stammen scheint, macht das nicht besser. Eine zweite Staffel wird es dennoch geben. Kurt Sagatz

Top: „Das Damengambit“ – Schönste Serienszene des Jahres: der lange Blick, mit dem der wortkarge Haumeister Mr. Shaibel (Bill Camp) im Waisenheim die Schachelevin Beth Harmon bedenkt, die um eine Revanche bittet. Zweitschönste Szene: Beths Besuch im Heim, Jahre später, nach Shaibels Tod. Ihr Blick auf die zahllosen Zeitungsausschnitte, die der Hausmeister zur Karriere seines Schützlings gesammelt hat. Eine tragische, ja, leicht kitschige Geschichte über das Erwachsenwerden talentierter Kinder und den Preis der Genialität. Der steile Aufstieg vom Waisenhaus in die internationale Schachszene mit einer grandiosen Anya Taylor-Joy. Kurz, die neue Lust am Brett: „Das Damengambit“. Wer jetzt kein Schach spielt, lässt es lange bleiben (Netflix).

Flop: „Bild.Macht.Deutschland?“ –: Unnötige, distanzlose Werbeveranstaltung für Deutschlands größte Boulevardzeitung, nun auch mit eigener Doku-Serie von Amazon Prime Video.

Dass das kritischer geht, hat Prime Video in diesem Jahr mit der packenden Doku-Serie „The last Narc“ über die mexikanischen Drogenkartelle und den brutalen Mord an einem US-Agenten bewiesen. Markus Ehrenberg

Top: „The Last Dance“ – Der König thront auf einem weißen Sessel in seiner gigantischen Villa mit Meerblick. His Airness wirkt ein bisschen stämmiger als in seinen großen Zeiten, doch man schaut ihm noch genauso gebannt zu wie einst. Michael Jordan steht im Zentrum der zehnteiligen Netflix-Serie „The Last Dance“, eine der besten Sportdokumentationen der vergangenen zehn Jahre. Sie erzählt auf zwei Ebenen vom größten Basketballer aller Zeiten. Den Rahmen bildet die Saison 1997/98, in der die Chicago Bulls versuchen, ihren sechsten Titel in acht Jahren zu gewinnen. Gleichzeitig ist es die letzte Bulls-Saison von Trainer-Legende Phil Jackson. Rückblenden rekapitulieren zudem die unglaubliche Karriere des 1963 geborenen Michael Jordan.

Die Detailfülle der insgesamt über acht Stunden ist beeindruckend, genau wie die Vielzahl der Interviewpartner. Ob einstige Mit- oder Gegenspieler, Trainer, Reporter oder sogar Barack Obama – Jordan wird aus jedem erdenklichen Winkel betrachtet. Wobei auch sein kongenialer Nebenmann Scottie Pippen angemessen gewürdigt wird. Die beiden noch einmal zusammen über das Parkett fliegen zu sehen, war eine immense Freude. Und selbst wenn man wusste, wie die Meisterschaft damals ausging, war „The Last Dance“ so spannend wie ein Finale.

Flop: Abgeschnittene Abspänne – Kaum ist die letzte Szene eines Films auf Netflix zu Ende gegangen, ploppt schon der Trailer einer völlig anderen Produktion auf. Der Abspann wird in eine Nebenfenster verbannt. Man müsste extra irgendwo klicken, um ihn sehen zu können. Diese nervige Praxis verhindert, dass man das Gesehene erstmal sacken lassen kann. Hat die Abschneiderei bei Serien noch einen gewissen Binge-Sinn, führt sie bei Filmen zum Abschalten. Nadine Lange

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