Es ist vollbracht! Konrad Kujau (Moritz Bleibtreu, links) und Gerd Heidemann (Lars Eidinger) präsentieren der Öffentlichkeit die angeblichen Hitler-Tagebücher. Foto: TVnow/Ennenbach
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Serie „Faking Hitler“ Holocaust? Welcher Holocaust?

Die RTL-Serie „Faking Hitler“ legt mit Lars Eidinger und Moritz Bleibtreu den „Stern“-Skandal aus dem Jahr 1983 neu auf.

Konrad Kujau wird es nicht mehr erleben. Was RTL+ ab 30. November zeigen wird: „Faking Hitler“. Konrad Kujau, gestorben 2000, hätte sehen können, was der Privatsender in Kooperation mit Ufa Fiction aus seiner Weltsensation gemacht hat.

Denn nichts Geringeres war das, was am 25. April 1983 geschehen ist. Der „Stern“ präsentierte der Öffentlichkeit die privaten Tagebücher von Adolf Hitler. Aus dem Jahrhundertcoup wurde rasch die größte Medienblamage der deutschen Nachkriegsgeschichte. Sämtliche 62 Kladden in Hitlers Handschrift waren eine Fälschung aus der Werkstatt des Konrad Kujau. Er hatte dafür mehr als neun Millionen D-Mark kassiert, sein Pendant auf Magazin-Seite war Gerd Heidemann.

Gemütlich, sympathisch erschien der Diktator in seinen angeblichen Tagebüchern

Kujau war enttarnt, der Starreporter blamiert, der Verlag vorgeführt. Und nachher wussten es fast alle vorher besser: Adolf Hitler schrieb Tagebuch – wie irrig ist das denn, wie verblendet waren Heidemann und Konsorten nur! Zur Beruhigung aller musste auch das Hitler-Bild nicht neu gezeichnet werden. Der NS-Diktator blieb der Menschenverderber, der Massenmörder der europäischen Juden. In den angeblichen Tagebüchern hatte sich freilich ein Herr Hitler gezeigt, der sich mit seiner Lebensgefährtin Eva Braun ständig zankte, in Banalitäten erging, die Reichspogromnacht verurteilte und vom Holocaust – natürlich – nichts wusste. Gemütlich, sympathisch und damit endlich die Absolution, die ehemalige und neue Nazis für ihre Hitler-Genossenschaft so lange erhofft hatten.

Der Skandal um die Hitler-Tagebücher ist bekannt, fast 40 Jahre alt, mindestens zu den Zehn-Jahresjubiläen wird er wieder aufbereitet. Zu gut ist der Stoff, zu unfassbar sind die Umstände dieser Eulenspiegelei eines Kujau, der den Hitleristen im Lande immer wieder Nazi-Devotionalien verkaufen konnte und jetzt, Gefährtin und Geliebte sind teuer, den ganz großen Coup landen wollte.

Und vielleicht war dieser Konrad Kujau auch ein bemerkenswerter Menschenerkenner. Anders ist kaum zu erklären, wie er Gerd Heidemann gewinnen konnte. Der „Stern“-Reporter – „Ich glaube nicht, ich recherchiere“ – stand unter gehörigem Druck, sein letzter „Knaller“ lag schon zu lange zurück, da war eine Sensation vonnöten.

Der Journalist war kein Nazi, aber auf seine Weise nazifiziert „Carin II“, die Yacht von Hermann Göring, war die seine, mit Görings Tochter Edda schlief er, unübersehbar die Nazi-Fetische in seinem Besitz. Konrad Kujau und Gerd Heidemann kommen zusammen, die jeweiligen Bedürfnisse drücken wie Wasserzeichen durch die Tagebücher.

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Passiert ist das alles 1983, im erklärten Lieblingsjahrzehnt der Deutschen. Diese 80er Jahre sind der Hintergrund von „Faking Hitler“. Produzent und Showrunner Tommy Wosch sagt mit Blick auf diese Zeit, „jetzt soll es endlich mal lustig werden und sexy und unpolitisch und auch sinnlos“. Trio singen „Da Da Da“. „Aber die Sehnsucht nach Leichtigkeit und Vergessen war natürlich gefährlich. Auch von dieser Gefahr erzählt unsere Serie.“

Die Geschichte von damals und die Geschichte müssen einen Kontext und einen Konnex finden, gerade wenn es um eine derart bekannte Story geht. In der – fiktionalisierten – Verfilmung der damaligen Vorgänge schwingt es mit, steigt da und dort an die Oberfläche: Was damals Fake war, sind heute Fake News, der Nationalsozialismus lebt, die Verführbarkeit des Menschen bleibt eine Konstante. Die gefälschten Tagebücher, ihre Umstände sind Geschichte, ihre Umstände, ihr Nährboden ist es nicht.

Vergangenheitsbewältigung, Machtmissbrauch, übergriffige Männer

Die Fiktion davon, wie sie Wosch, Annika Cizek und Dominik Moser nach dem „Stern“-Podcast aufgeschrieben haben, hat dabei einen bestimmten Kompass bekommen und einen anderen, als den die Filmsatire „Schtonk“ von Helmut Dietl mit einem grandiosen Götz George in der Heidemann-Rolle hatte: Dort waren die Interessen, die Narzissmen von Fälscher und Reporter inklusive Helfershelfer der Treibsatz für das betrügerische Tun, in der RTL-Serie taucht die junge „Stern“-Reporterin Elisabeth Stöckel (Sinje Irslinger) auf.

Die Journalistin recherchiert die SS-Vergangenheit von Horst Tappert und muss dabei erfahren, dass ihr Vater, der ach-so liberale Juraprofessor Hans Stöckel (Ulrich Tukur), ebenfalls SS-Mitglied war. Über die Figur der Jungredakteurin kommen die (überzeitlichen) Themen von Vergangenheitsbewältigung, Machtmissbrauch und jenem Männerverhalten auf, das heute unter dem Label „MeToo“ geführt wird.

„Faking Hitler“ feierte am Samstag beim Filmfest Köln Premiere, gezeigt wurden die ersten beiden von sechs Folgen. Schnell wird erkennbar, mit welcher Ambition Sender und Produzenten ans Werk gegangen sind. Nicht „Schtonk 2“ will die Serie sein, sondern bei allem Unterhaltungsehrgeiz Motive, Beweggründe, Umstände der Medienposse ausloten. „Faking Hitler“ ist menschlicher, weil in der Inszenierung von Wolfgang Groos und Tobi Baumann deutlicher die Menschen als ihre Karikaturen fixiert werden. Der Betrachtungswinkel auf 1983 hat sich geändert, „Schtonk“ wirkte da richtig und wirkt etwas gestrig zugleich, „Faking Hitler“ ist heutig und richtig.

Furchtlos und weltgewandt wirkt Lars Eidingers Reporter

Moritz Bleibtreu und Lars Eidinger, die besten Schauspieler wurden gerufen, die besten sind gekommen. Bleibtreu spielt den Fälscher als eine fest in ihrem Fleisch sitzende Persönlichkeit. Sein Kujau weiß, was er tut, er will, was er macht. Nicht kalt-aasig, sondern schwäbisch-verschlagen. Wer will schon diesem zerzausten Joppenträger misstrauen, einen Betrüger erkennen? Bleibtreu-Kujau hält die Spur, selbst überrascht von seinem Coup, sehr geschmeichelt vom Erfolg und endlich anerkannt in seinem Talent: „Fälschen ist Kunst, keine Fließbandarbeit.“

Lars Eidinger wird gerne für Besessenen-Figuren engagiert. Furchtlos, weltgewandt ist sein Reporter Heidemann, quasi ein Prototyp des Investigativ-Journalisten. Ein Jäger der verborgenen Sensationen, bei den Frauen hat er einen Stich, nicht nur dort kann er Distanzen mühelos überwinden, auch bei den „Stern“-Oberen kann er Millionen lockermachen.

Die Szenen zwischen Kujau/Bleibtreu und Heidemann/Eidinger sind die einprägsamsten. Getriebene Männer, in abhängiger Freundschaft verbunden, wer betrügt, wer lässt sich betrügen, wissen sie nicht vom jeweiligen Betrug? Hier oszilliert die Serie, hat sie ihre Sinus- und Maluskurven der Emotionen, wird aus dem Spiel Ernst und aus dem Ernst Spiel.

Der Start von „Faking Hitler“, der sechs Teile à 45 Minuten ist für den 30. November angesetzt. RTLnow wird dann RTL+ heißen – und das ist kein Fake.

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