Sascha Lobo bei der diesjährigen re:publica. Screenshot: re:publica
© Screenshot: re:publica

Sascha Lobo auf der re:publica Hauptsache nicht Andreas Scheuer!

Auf der Digitalkonferenz re:publica zieht Netzexperte Sascha Lobo seine Coronabilanz. Sie fällt bitterböse aus.

Dass der Auftritt von Sascha Lobo furios gerät, ist auf der Digitalkonferenz re:publica ein Naturgesetz. 

Das Ausmaß an Dringlichkeit und Unterhaltsam- weil Bitterbösigkeit überrascht dann aber doch, als Lobo am Freitagvormittag seine fünf Lehren aus der Coronazeit verkündet. 

So habe die Pandemie gezeigt, dass es um Deutschlands digitale Infrastruktur „noch schlimmer“ bestellt sei als befürchtet. Alleine das „Debakel der digitalen Bildung“. 

Lobo erinnert daran, wie Kanzlerin Angela Merkel bis 2010 flächendeckendes Breitband prognostiziert hatte. Wie auch die Koalitionen davor und danach jedes Versprechen auf schnelles Internet brachen. 

Im September, rät Lobo deshalb, solle man unbedingt eine demokratische Partei wählen, die sicherstellt, dass CSU-Mann Andreas Scheuer nicht wieder zum Verantwortlichen für die digitale Infrastruktur ernannt wird.

„Möglichst wenig Bücherregale“

Seit Donnerstag findet die in Berlin beheimatete Digitalkonferenz re:publica statt, zum zweiten Mal pandemiebedingt virtuell, übertragen aus einer alten Industriehalle in Neukölln. „Möglichst wenig Bücherregale im Hintergrund“, das hat Mitinitiator Johnny Haeusler zu Beginn versprochen.

Vor der Pandemie, sagt Sascha Lobo in seiner Coronabilanz, hätten nur 1,8 Prozent der deutschen Ärzte Sprechstunden per Videokonferenz angeboten. Während des ersten Shutdowns sei der Anteil ruckartig auf 62 Prozent gestiegen. 

[Wenn Sie aktuelle Nachrichten aus Berlin, Deutschland und der Welt live auf Ihr Handy haben wollen, empfehlen wir Ihnen unsere App, die Sie hier für Apple- und Android-Geräte herunterladen können.]

Es brauchte also pandemischen Druck, um den digitalen Wandel voranzutreiben, sagt Lobo. Das hält er zwar für ein Armutszeugnis, das Erreichte aber wenigstens für einen Schritt in die richtige Richtung – und für das Symptom einer Umkehrung dessen, was die Gesellschaft für normal halte: „Vor Corona brauchte man einen Grund, um etwas digital vernetzt zu machen. Jetzt braucht man einen Grund, etwas nicht digital vernetzt zu machen.“

Talk am Donnerstag zur Zukunft der Redefreiheit. Screenshot: re:publica Vergrößern
Talk am Donnerstag zur Zukunft der Redefreiheit. © Screenshot: re:publica

Die Bundestagswahl im September ist immer wieder Thema dieser re:publica. Vor allem im Hinblick darauf, inwieweit das Wahlverhalten der Bevölkerung im Netz beeinflusst wird – und bis zu welchem Punkt dies legitim ist. 

Die grüne Bundestagsabgeordnete Tabea Rößner wirft in einer Diskussionsrunde die Frage auf, ob „micro targeting“, also personalisierte Werbung, wie sie vor der US-Wahl 2016 oder der Abstimmung über den Brexit massiv zum Einsatz kam, in den Wochen vor der Wahl nicht gesetzlich verboten werden sollte. Die anwesende Youtube-Mitarbeiterin versichert, auf ihrer Plattform sei dies ohnehin bereits unmöglich.

Der Tod der „third-party cookies“

Und noch ein Problem soll aus dem Netz verschwinden: Der weltweit meistgenutzte Browser „Chrome“ wird laut Betreiber Google ab kommendem Jahr die Benutzung sogenannter „third-party cookies“ verhindern: kleine Dateien, die Unternehmen auf den Rechnern der Nutzer verankern, um dann deren Surfverhalten auch abseits der eigenen Firmenseite penibel zu verfolgen und zu dokumentieren. 

Der anwesende Google-Manager sagt, man sei gerade dabei, über Alternativen nachzudenken, die den Datenschutz weniger verletzen. Wie das konkret aussehen soll, verrät er nicht.

Die vielleicht intensivsten sieben Minuten des Donnerstags liefert wiederum Sascha Lobo. Zum Ende seiner Rede fragt er: „Wie krass haben sich wie viele Knalltüten anlässlich des Angriffs auf Israel als Antisemiten entlarvt?“ Er verweist auf die zahlreichen in Deutschland grassierenden Ausprägungen des Judenhasses - den rechten, linken, den islamistischen, den fundamentalisch-christlichen, den esoterischen... und viel zu selten genannt: den aus der Mitte der Gesellschaft.

Anlässlich der terroristischen Angriffe auf Israel und der darauf folgenden Selbstverteidigung seien die Ausprägungen wieder sichtbarer geworden, gerade der israelbezogene. Lobo sagt: „Wer die einzige echte Demokratie in der Region als Apartheits-Staat bezeichnet, ist Antisemit.“

Mehr auf Tagesspiegel-Plus:

Viele der vorgeblich pro-palästinensischen Demonstrationen der letzten Tage seien in Wahrheit extrem antisemitische Demonstrationen gewesen: „Wir müssen solchen Antisemitismus benennen und bekämpfen.“ Insbesondere Teile der Linken hätten damit ein Problem. Lobo sagt: „Dein Antirassismus ist nichts wert, wenn du Antisemitismus absichtsvoll ignorierst.“
Eigentlich, sagt Mitinitiator Johnny Haeusler, sollte die re:publica dieses Jahr inhaltlich abspecken. Man wisse schließlich um die Bildschirmmüdigkeit vieler Menschen nach einem Jahr Homeoffice und Zoom-Meetings. Aber dann seien die Ideen doch wieder losgesprudelt. 

Am Sonnabend wird die Autorin Alice Hasters etwa über „Afropean Identity“ diskutieren, andere sprechen über Verschwörungsglauben im Netz. Hinzu kommt der Vortrag „Was Instagram mit unserer Psyche macht“.

Wer nicht dabei war, wird die Vorträge bald nachschauen können: Der Veranstalter will in den kommenden Wochen sämtliche Sessions auf seinem Youtube-Kanal hochladen.

Zur Startseite