Überlebenswichtig. Ein Junge sammelt Plastikmüll auf den Philippinen. Foto: WDR/Carsten Stormer
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Recycling, eine große Farce? Plastik und kein Ende

Der ARD-Dokumentarfilm „Die Recycling-Lüge“ räumt den Mythos von der Wiederverwertung ab.

In Indonesien verhaken sich die Plastikmassen in den Mangrovenbäumen eines potenziellen Traumstrandes. In Bulgarien stapeln sich auf dem Hof eines dubiosen Zwischenlagers große Ballen aus Plastikmüll, den Freiwillige in Großbritannien in bester Absicht gesammelt haben, weil er von der US-Firma Terracycle angeblich vollständig wiederverwertet wird – nun aber wohl nur verbrannt werden soll.

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Der Dokumentarfilm „Die Recycling-Lüge“ von Tom Costello und Benedict Wermter erschüttert mit einigem Nachdruck die beruhigende Vorstellung, dass es im Kampf gegen den Plastikmüll vorangeht. Man kann es auch nüchtern in einer Zahl ausdrücken wie Ernesto Bianchi vom Europäischen Amt für Betrugsbekämpfung: Beim illegalen Müllhandel werden weltweit jährlich elf bis zwölf Milliarden Euro umgesetzt, sagt er. Die Autoren mischen mit einer eigens gegründeten Fake-Firma auf dem Markt des Müll-Schmuggelns mit und bringen außerdem Tom Szaky, den Gründer von Terracycle, in Erklärungsnot.

[„Die Recyclinglüge“, ARD, Montag, um 22 Uhr 50, ARD-Mediathek]

In den vergangenen Jahren hat der legale Müll-Export in Länder wie Indonesien zu apokalyptischen Zuständen geführt. Zwar machen junge Aktivistinnen wie die 15-jährige Nina Arisandi Hoffnung, weil sie mit fantasievollen Kampagnen eine breite Öffentlichkeit erreichen. Auch haben zahlreiche Konzerne – unter anderen Bayer-Nachfolger Covestro, Henkel und BASF – 2019 eine „Allianz gegen Plastikmüll“ gegründet und versprochen, 1,5 Milliarden US-Dollar in fünf Jahren zu investieren. Im Film bleibt davon nur das Bild des vermüllten Ganges übrig. Aus dem vollmundig angekündigten „Allianz“-Projekt, den 2600 Kilometer langen Fluss zu reinigen, ist offenbar nichts geworden. Als Vize-Präsident Nicholas Kolesch dazu befragt wird, grätscht aus dem Off die PR-Beraterin dazwischen.

Neuerdings wird über „konstruktiven Journalismus“ diskutiert. Demnach sollen Medien nicht nur Missstände enthüllen und damit Zuschauerinnen und Zuschauer womöglich entmutigen, sondern auch Lösungsansätze aufzeigen. Einem solchen Anspruch wird der Film weniger gerecht – vielleicht weil es keine vernünftigen Lösungen bei der Wiederverwertung von Plastikmüll gibt. Nur ein einstelliger Prozentsatz kann wirklich in einem gleichwertigen Produkt wiederverwertet werden. Stattdessen wächst die Verpackungs-Industrie dank des Hungers auf immer neues Plastik munter weiter.

Kreislaufwirtschaft "eine große Farce"

Die US-amerikanische Chemie-Ingenieurin Jan Dell, die sich von einer Beraterin großer Verpackungskonzerne zur Umweltaktivistin gewandelt hat, nennt eine mögliche Kreislaufwirtschaft für Plastik „eine große Farce“. Die Kosten seien „absolut astronomisch und werden niemals gering sein“. Auch Helmut Maurer kommt zu Wort. Der Umwelt-Experte der Europäischen Kommission sieht bei der Wiederverwertung von Plastikmüll „keine entscheidenden Lösungsansätze“. Maurer sieht nur einen Weg: Abfallvermeidung. Dafür seien politische Eingriffe nötig, die vielleicht einigen wehtun würden. „Aber wir können nicht, um einigen nicht weh zu tun, die ganze Menschheit aufs Spiel setzen“, sagt er am Ende.

Mit dem Konzept für den Film gewann die Hamburger Produktionsfirma a&o vor zwei Jahren den ARD-Dokumentarfilmpreis, mit dem ein sechsstelliger Zuschuss zu den Produktionskosten verbunden war. Außerdem haben sich weitere internationale Sender beteiligt, der Film lief bereits in Dänemark, Schweden, Norwegen, Kanada, Japan und bei BBC World.

Mythos "grüner Punkt"

In Deutschland, wo jährlich fast sechs Millionen Tonnen Plastikmüll anfallen, ist der Mythos dank des „grünen Punkts“ besonders groß. Die Wiederverwertung von Plastik ist „ein schönes Märchen, das wir gerne hören“, kommentieren die Autoren. Thomas Gehringer

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