Der schlaueste Mann der ARD. „Der große Umbruch – wie künstliche Intelligenz unser Leben verändert“, die neue Doku von Ranga Yogeshwar (Montag, 22 Uhr 45). Foto: WDR/Ralf Wilschewski
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Ranga Yogeshwar zu KI „Europa schläft noch“

Alles KI oder was? Ranga Yogeshwar fordert eine Debatte über ethische Fragen. Seine Doku über Künstliche Intelligenz wirft viele Fragen auf.

Herr Yogeshwar, was ist das Hauptanliegen Ihrer beiden Filme?

Wir haben es bei der Künstlichen Intelligenz (KI) mit einer Entwicklung zu tun, die unsere Zukunft nachhaltig prägen wird. Wir haben gesehen, mit welcher Intensität die KI in den USA und China vorangetrieben wird. Im Vergleich dazu schläft Europa noch. Wir wollten auch prüfen, was stimmt, wie gut oder schlecht KI funktioniert. Wir haben uns vorgenommen, weniger die Werbefilme, sondern die Realität zu betrachten. Ich glaube daran, dass wir als Gesellschaft solche Entwicklungen steuern müssen. Wir brauchen eine Debatte im Hinblick auf ethische Fragen.

Kürzlich wurde in Bayern ein Flugtaxi vorgestellt, das dann aber gar nicht flog.
Genau. Oder ein anderes Beispiel: Angeblich soll es demnächst die voll autonomen Fahrzeuge geben. Ich weiß jetzt, dass dies nicht zutrifft. Zwar sind wir heute in der Lage, mit all den Sensoren die Position eines Autos sehr genau zu bestimmen. Aber Autofahren ist ein Kommunikationsprozess. Fahrer und Fußgänger am Straßenrand schauen sich unmerklich an, nur an einem kleinen Detail erkennen wir als Autofahrer: Der eine Fußgänger bleibt stehen und der andere geht.

Kann KI so etwas nicht lernen?
In einer entfernten Zukunft vielleicht. Die KI ist dort großartig, wo sie im idealisierten Raum operiert. Wenn Sie heute Schach spielen, gewinnt jeder Computer. Aber wenn Sie dem intelligentesten Roboter sagen: Nimm doch mal das Schachspiel aus dem Regal und baue es auf, dann schafft er das nicht.

Was sind darüber hinaus die überraschenden Ergebnisse Ihrer Recherche?
Es gibt im medizinischen Bereich unglaubliche Entwicklungen. Max Little von der Aston University in Birmingham hat ursprünglich Algorithmen entwickelt, die in der Lage sind, an der Sprache eines Menschen zu erkennen, ob eine Person möglicherweise an Parkinson erkrankt ist. Nun hat er begonnen, Bewegungsdaten von Smartphones zu nutzen. Jeder hat ein Handy in der Tasche, dessen Sensoren Beschleunigung und Ausrichtung erfassen. Das Ziel ist, Parkinson im sehr frühen Stadium zu identifizieren.

Wem dürfen diese Daten mitgeteilt werden und zu welchem Zweck?
Das ist die Schattenseite. Landen wir in einer Diktatur der Transparenz? Werden bestimmte Menschen oder Organisationen oder Staaten aufgrund der vielen Daten unser Profil genau bestimmen können? Wir müssen da eine größere Sensibilität entwickeln.

Hat sich Ihre kritische Haltung zur KI durch die Arbeit an dem Film verstärkt?
Es gibt Bereiche, in denen die KI Großartiges leistet. Ich bin besonders kritisch, wenn es um große Systeme geht. Ich sehe eine Parallele zwischen dem chinesischen System auf der einen und Großkonzernen wie Google auf der anderen Seite. In beiden Fällen sind Konstrukte geschaffen worden, die meines Erachtens sehr fragwürdig sind. Google ist der aktivste Lobbyist in Brüssel. Die Firma versucht, ihre Interessen mit großer Energie und Konsequenz politisch durchzusetzen.

Woran sind Sie bei den Dreharbeiten gescheitert?
Zum Beispiel daran, wirklich hinter die Kulissen von Google zu schauen. Das haben wir dann über andere Kanäle versucht, ohne Kamera. Die großen amerikanischen Unternehmen mauern, was ich bedenklich finde, weil sie so relevant sind.

Was war in China möglich zu drehen und was nicht?
Die Chinesen waren offener, als wir erwartet haben. Wir haben in Shenzhen in der Stadtverwaltung gedreht. Ich habe noch nie einen so großen Bildschirm gesehen, auf dem alle Daten einer Stadt zusammenfließen, vom Verkehr bis zur Belegung der Krankenhäuser. Auf der anderen Seite: In Shenzhen ziehen jedes Jahr so viele Menschen hinzu, wie in einer durchschnittlichen deutschen Stadt leben. Die Stadt muss planen: Wo müssen wir Schulen bauen? Das geschieht alles konsequent mithilfe digitaler Daten. Manchmal denkt man: Es wäre ganz gut, wenn es ein bisschen davon auch in Deutschland gäbe. Hier geht man von einem Amt zum anderen, weil Daten nicht gebündelt werden. Aber diese rationale Durchplanung ist nicht meine Welt.

Die Regierung überwacht und erzieht die Bürger mit einem Sozialkredit-System.
Der Gedanke der Quantifizierung hat auch bei uns eingesetzt. Wir haben die Schufa-Auskunft, wir haben begonnen, im Internet alles zu bewerten und mit Sternchen auszuzeichnen. Wir müssen aufpassen, dass Menschen nicht irgendwann nur noch als Summe ihrer Kreditpunkte betrachtet werden.

"Der große Durchbruch. Wie künstliche Intelligenz unser Leben verändert", Dokumentation von Ranga Yogeshwar, Montag, ARD, 22 Uhr 45

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