Party, Sex, Drogen. Hanna (Banafshe Hourmazdi, re.) lässt sich von Lara (Emma Drogunova) in ihre Welt entführen. Foto: ZDFneo Foto: ZDF und Marcus Glahn
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Queere Serie „Loving her“ Wie du und ich

Jan Freitag

Die ZDF-Serie „Loving her“ zeigt die Bindungsprobleme lesbischer Berlinerinnen auf unaufgeregte Weise.

Von all den Neologismen der Emanzipation wie „queer“ oder „divers“ befindet sich einer, der sie in einem Wort bündelt: Intersektionalität. Damit kennzeichnen Sozialwissenschaftler Menschen, die aufgrund vielfältiger Faktoren diskriminiert werden. Hautfarbe zum Beispiel, Abstammung, Geschlecht, sexuelle Identität und Präferenz oder gleich alles zusammen. Etwa bei Hanna.

Wie die Hauptfigur der ZDFneo-Serie „Loving her“ mit Nachnamen heißt, wird nicht weiter erörtert, aber ihre Darstellerin Banafshe Hourmazdi stammt für Ortskundige gut lesbar aus dem Iran, ist erkennbar eine Frau und liebt sehr offensichtlich andere Frauen, ist also lesbisch. Viel mehr Diskriminierungsgründe sind in nur einem Charakter schwer vorstellbar, aber jetzt kommt’s: keiner davon wird großartig problematisiert, denn der clipartige Sechsteiler erzählt Homosexualität ohne jeden Anflug von Herabwürdigung. Eine Sensation. Und sensationell unterhaltsam.

[„Loving her“, Samstag, ab 21 Uhr 40 auf ZDFneo]

Warum? Hanna ist eine Studentin aus Bielefeld, die mit ihrer Jugendfreundin Franzi (Lena Klenke) auch im Berliner Uni-Exil eine hingebungsvoll schöne Beziehung führt – bis sie merken, wie inkompatibel beider Lebensentwürfe sind. Hanna ist unternehmungslustig, Franzi zielstrebig, Hanna will Party, Franzi studieren. Das wird auf Dauer nichts. Die Serie beginnt daher am Ende und zeigt das frühere Paar bei einer zufälligen Begegnung und erklärt im Rückblick, wie es dazu kommen konnte. Nachdem Folge eins noch von der schmerzhaften Trennung erzählt, handelt jede danach von Hannas Versuch, Franzi zu ersetzen. Und keiner davon, so viel verrät ja schon der Einstieg, ist von nachhaltigem Erfolg.

Zwischen spaßorientiert und unspektakulär

Lara zum Beispiel (Emma Drogunova) ist selbst der feierfreudigen Hanna zu spaßorientiert, die wiederum ist der coolen Künstlerin Anouk (Larissa Sira Herden) zu unspektakulär, während die ungleich ältere Verlagsleiterin Josephine (Karin Hanczewski) viel zu viel von ihrer Praktikantin will und die etwas jüngere Sarah (Soma Pysall) mangels Selbsterkenntnis als lesbisch viel zu wenig. Bevor Hanna in der vorerst letzten Folge aus Perspektiv- und Geldmangel heim zu den Eltern in die ostwestfälische Provinz fliehen möchte, hat sie also massig Gelegenheit zur ersehnten Neuverpartnerung. Doch obwohl sie jede Kandidatin ausdrücklich heiß findet, will die Richtige (also bessere als Franzi) partout nicht dabei sein.

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Liebessorgen paarungswilliger Groß- wie Kleinstädter eben. Emotional erschöpfende Normalität der multioptionalen Generation Tinder, die potenzielle Lebenspartner längst intensiver durchleuchtet als Geheimdienste einst Überläufer verfeindeter Staaten – und zwar unabhängig von Hautfarbe, Abstammung, Geschlecht, sexueller Identität oder Präferenz. Klingt banal, ist aber das Wesen dieser höchst präzisen, dabei angenehm leichtfüßigen Instant-Serie.

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Bis auf wenige Ausnahmen ausschließlich von Frauen mit Frauen für Frauen und jene Männer produziert, die rein weibliches Paarverhalten nicht nur als Auflockerung heterosexueller Pornos anregend finden, zeigt Regisseurin Leonie Krippendorff nach Büchern ihrer Ko-Autorin Marlene Melchior, wie wenig Abweichungen vom Mainstream mit dem jeweiligen Gefühlshaushalt zu tun haben. Und damit: wie vielfältig die Mitglieder der LGBTIQ genannten Szene vermeintlich normabweichender Menschen sind.

Dass alle Darstellerinnen viel zu schön sind, um wahr zu sein: geschenkt. Darüber hinaus, geht es der Showrunnerin spürbar darum, Homosexualität als das zu zeigen, was sie schon immer gewesen wäre, hätten es die heterosexuellen Moralapostel bloß zugelassen: wie du und ich. Mal wild, mal zahm. Mal bürgerlich, mal revolutionär. Mal arm, mal reich. Mal dick, mal dünn.

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