Typenberatung. Mit David Jakobs (links), Leni Bolt und Ayan Yuruk. Foto: Netflix
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„Queer Eye Germany“ Der Pottschnitt muss weg

„Komm mal vorbei“, sagt der Vater zum Sohn. Gerne mit Freund. Netflix legt einen deutschen Ableger der Erfolgsserie „Queer Eye“ auf.

Nils schaut in den Spiegel und mag nicht was er sieht. Der 22-jährige Bäcker lebt bei seinen Eltern. In seinem Zimmer liegen Plüschtiere auf dem Bett. In seine Freizeit trainiert er eine Fußball-Mannschaft. Björn wohnt in Hagen, hat einen Pottschnitt, trägt biedere Kleidung. Er wirkt zurückhaltend. Vielleicht, weil es ihm schwerfällt, vor der Kamera über seine Gefühle zu sprechen. Vielleicht aber auch, weil er schwul ist – aber nicht geoutet. Das soll er am Ende der Folge ändern. Mit neuer Frisur und schicken Klamotten. Mit mehr Selbstbewusstsein.

„Queer Eye Germany“ ist der erste internationale Ableger der Netflix-Serie „Queer Eye“, die die sechste Staffel erreicht hat. Hier wie da treffen die sogenannten „Fab 5“ in jeder 50-minütigen Folge auf einen Menschen, der in seinem Leben nicht zufrieden ist. Die Fünf versuchen, das zu ändern. („Queer Eye Germany“, fünf Folgen, Netflix)

In Deutschland sind das Leni Bolt, zuständig für Herz und Seele, Jan-Henrik Scheper-Stuke, für Kleidung, David Jakobs, für Haare und Gesicht, Aljosha Muttardi, für Gesundheit und Ayan Yuruk, zuständig für Inneneinrichtung. Eine diverse und grundsätzlich sehr sympathische und empathische Besetzung, die viel Potenzial hat. Sich aber noch etwas eingrooven muss.

Denn es treffen zusammen: Ein Format, das ausgelegt ist auf emotionalen Überschwang. Das davon lebt, dass die Teilnehmenden ihre Herzen öffnen, den Inhalt in Worte fassen und sie dem Publikum mitteilen. Ein Format, das trotz all der Stolperfallen aus Kitsch und Gefühlsduselei funktioniert.

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Weil es eben doch authentisch wirkt. Es passt in die USA, es passt zu den originalen „Fab 5“. Auf dieses Format trifft ein Land mit seinen Einwohnern, auf die selten Begriffe wie Überschwang passen. Ein Satz, scherzhaft geäußert von David Jakobs, fasst dieses Dilemma gut zusammen: „Entschuldige, ich hätte gerne mehr Emotion“.

Dieses Bestreben merkt man der Sendung an. Etwa dann, wenn die Kamera eine Sekunde zu lang in einer Einstellung bleibt und das Gestellte der Szene bloßlegt. Oder wenn das Crescendo einer Folge nicht aus der emotionalen Öffnung besteht, so wie im US-Vorbild, sondern aus einem verschämten Grinsen und der Versicherung, dass „ich mich wirklich freue, ich kann das nur nicht so zeigen.“ Dieses etwas Gestelzte ist auch die Stärke der Sendung – dann, wenn sie sich darauf einlässt. Dann nähert sie sich einer Frage. Was ist das: Queere, schwule, LGBTI-Kultur, die Deutsch ist?

Für die Eltern ist das kein Problem, sagen sie

Die Besetzung wird dieses Bild von Queerness in Deutschland formen. Leni Bolt etwa ist nicht-binär und sagt, im Alltag viel Diskriminierung zu erleben. Ayan Yuruk spricht davon, dass er das Vorbild sein möchte, dass er „als schwuler Türke nie hatte“.

Es sind zwei Beispiele, wie durch solche Sendungen im besten Sinne Schablonen entstehen können, in die andere Menschen sich hineintasten und dann in ihrem Sinne ausfüllen können.

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Das funktioniert vor allem dann, wenn die Enge einer deutschen Kleinstadt thematisiert wird. Oder das Verhältnis von Fußball und toxischer Männlichkeit. Weniger, wenn mit einem „Yes Daddy“ oder einem „You Go Girl“ versucht wird, Schablonen zu füllen, die die US-Vorlage geschaffen hat.

Nils hat sich am Ende der Episode geoutet. Für die Eltern ist das kein Problem, sagen sie. In der US-Serie wäre sich die Familie jetzt in die Arme gefallen. In „Queer Eye Germany“ sitzt man am Esstisch. „Komm mal vorbei“, sagt der Vater zum Sohn. Gerne mit Freund.

Viele Menschen kennen diese spröde Sentimentalität. Sie kann stark sein, wenn nicht versucht wird, sie sentimental zu verbrämen. Genauso stark, wie die Freiheit, nicht mit Pottschnitt durch die Welt zu laufen.

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