Zum dritten Mal ermittelt Kommissarin Doreen Brasch (Claudia Michelsen) im „Polizeiruf 110“ allein. Unterstützung bekommt sie dabei von den Einsatzkräften der Magdeburger Polizei. Foto: Stefan Erhard/MDR
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„Polizeiruf 110“ aus Magdeburg Der falsche Mann

Der neue „Polizeiruf 110“ mit Claudia Michelsen ist der letzte des Fernsehjahres 2020 - und zugleich ein krönender Abschluss.

Es ist Hochsommer. Draußen ist es glühend heiß und gleißend hell. Die Freundinnen Valerie Klein (Amy Benkenstein) und Sandra Möller (Hanna Hilsdorf), beide Ende zwanzig, sitzen auf dem Balkon der Wohnsiedlung, unten spielen ihre Kinder Janet und John und bespritzen sich mit Wasser. Valerie ist ambulante Pflegerin, gerade ist eine ihrer Patientinnen gestorben, eine alte Dame.

Die Tage muss sie zur Beerdigung. Davor, heute Abend, fährt sie raus an die Elbe, um in einem entlegenen Restaurant ein Internet-Blind-Date zu treffen. Als Valerie mit ihrem Cabriolet vorfährt, sich nochmal im Rückspiegel betrachtet, nochmal den darunter hängenden Anhänger mit dem Foto ihrer Tochter zärtlich berührt, da sind das die letzten Bilder mit ihr.

Valerie geht die Treppe hoch, die Kamera verharrt in der Distanz. Als sich die Tür hinter ihr schließt, friert das Bild ein. Sofort ist dieses Gefühl da, dass Valerie nie wieder auftauchen wird.

Der neue überaus sehenswerte Fall der Magdeburger Hauptkommissarin Doreen Brasch (Claudia Michelsen) in der „Polizeiruf 110“-Reihe trägt den Titel „Der Verurteilte“. Es dauert eine ganze Weile, bis die Narration dorthin gelangt, diese Figur einzuführen.

Er ist überhaupt nur einmal im ganzen Film zu sehen: Der Verurteilte heißt Urs Schneider (Niels Bormann) und sitzt seit Jahren in Haft. Er soll eine Frau umgebracht haben. Brasch hat damals ermittelt.

[„Polizeiruf 110: Der Verurteilte“, Sonntag, ARD, 20 Uhr 15]

Zuvor wird von Drehbuch (Jan Braren) und Regie (Brigitte Maria Bertele) zunächst die Geschichte Valeries weiterverfolgt: Ihre Freundin Sandra ist vom spurlosen Verschwinden ebenso geschockt wie Valeries Vater (Falk Rockstroh). Niemand kann ihnen etwas sagen, auch Brasch nicht.

Die Spur des Internet-Dates führt ins Leere, der Mann blieb noch länger im Restaurant, nachdem Valerie es um kurz nach zehn wieder verlassen hatte. Doch wohin fuhr sie? Niemand weiß es.

Dieser Fall, in dem Brasch unter ihrem Vorgesetzten Kriminalrat Lemp (Felix Vörtler) erneut alleine ermittelt, spitzt sich mit der Zeit allmählich zu: Brasch sucht auf dem Landhof, in dem die von Valerie betreute Dame starb, nach irgendeiner Spur. Dort stößt sie sowohl auf den Namen Markus Wegner, einem Gärtner, der auf dem Grundstück eine Scheune hat, als auch auf Valeries Halskette und Blutspuren im Bad.

Als Brasch Wegner (Sascha Geršak) aufsucht, da weiß dieser grobschlächtig und einfach wirkende Mann von nichts. Auch seine Frau Annegret (Laura Tonke), die wasserstoffblondiert und in Trainingshosen umherschlappt, hat nichts gesehen, nichts gehört. Natürlich.

Was stimmt nicht mit den Wegnern?

Brasch ahnt, dass mit den Wegners etwas nicht stimmt. Einzig, nachweisen kann sie Wegner nichts. Dann, in der Vernehmung, bekennt Wegner plötzlich, dass er Valerie Klein ermordet habe. Und die andere auch, die, für die Urs Schneider, der Verurteilte, seit Jahren einsitzt.

Die Vernehmung ist ein Kammerspiel in sich, formidabel, und beide, Claudia Michelsen wie Sascha Geršak, laufen zu Höchstform auf. Später widerruft Wegner.

„Der Verurteilte“ ist im ablaufenden Fernsehjahr 2020 lediglich der sechste „Polizeiruf 110“, zwei weitere sind Brasch-Folgen, zwei mit Bukow und König und ein weiterer mit Lenski und Raczek. Keine eben quantitativ erhebende Bilanz, waren es in den Vorjahren im Schnitt noch acht neue „Polizeiruf“-Fälle, die das Bildschirm-Licht erblickten.

Auch die Quoten der Reihe, die stets auf dem sonntäglichen „Tatort“-Sendeplatz ein wenig en passant mitläuft, liegen meist zwei bis drei Millionen unter denen des großen TV-Bruders.

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„Polizeiruf 110“ versus „Tatort“, das war schon immer eine Art David gegen Goliath.

Das Format, das am 27. Juni 1971 in der DDR auf Sendung ging, den Systemwechsel überstand und bislang 388 Filme vorweist, hat derzeit lediglich noch vier Ermittler-Teams, und auch dort ist die ständige Veränderung die einzige Konstante: Neben Claudia Michelsens eigenwilliger Doreen Brasch in Magdeburg, die in „Der Verurteilte“ ihren 14. Fall seit 2013 löst und zum nunmehr dritten Mal allein ermittelt – was der Figur und den Fällen sichtlich gut tut und sie immer noch besser werden lässt –, sind des weiteren noch Bukow (Charly Hübner) und König (Anneke Kim Sarnau) in Rostock, Lenski (Maria Simon, deren letzter Einsatz Ende Januar erfolgt) und Raczek (Luca Gregorowicz) in Brandenburg sowie, ganz neu noch, nach dem als Von Meuffels ausgeschiedenen Matthias Brandt, nun Verena Altenburger als Ermittlerin Elisabeth Eyckhoff in München.

Dass „Der Verurteilte“ das „Polizeiruf“-Jahr 2020 abschließt, ist eine späte Krönung des sonst so dünnen Reihen- Jahrgangs. Denn der neue Fall aus Magdeburg zählt mithin zum Besten, was in letzter Zeit zu sehen war. Ein bezwingendes konzises TV-Juwel zum Jahresschluss.

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