Pferdeflüsterer. Carsten Sostmeier, geboren 1960, kommentiert seit 1991 Reitsport für die ARD. Auf Youtube betreibt der Turnieransager den Kanal „Sosti on Tour“. Foto: IMAGO
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Pferdeflüsterer Carsten Sostmeier im Interview „Wie bei einer Liebeserklärung“

Wieso Carsten Sostmeier zum hippologischen Poeten wird, wenn er Reitsport bei Olympia kommentiert. Ein Interview

Herr Sostmeier, nach Ihrem Kommentar zum Dressur-Gold wurden Sie bei Twitter hymnisch gefeiert. Sind Sie solches Lob gewohnt oder sind Sie doch überrascht?
Ein solches Lob berührt mich schon. Etwas überraschend, dass sich doch so viele Menschen dadurch auch mit dieser faszinierenden Sportart befasst haben, was mich am meisten freut.

Ihr Stil ist extraordinär. Sie greifen gerne ins Poetische, ins Lyrische, zum Superlativ. Das ist auch riskant, weil die Grenze zum Kitsch schon mal überschritten werden kann. Ihnen ist das alles gleich, oder? Sie wollen nur mit eigener Sprache der Leistung von Pferd und Mensch gerecht werden.
Ich vermute, dass man mir eine besondere Zuneigung zur Dressur anmerken kann. Da alles frei aus dem Kopf und dem Herzen kommt, ist dabei das Risiko der Grenzüberschreitung sicher gegeben, wie bei einer Liebeserklärung. Die Bemühung, das Geschehene mit meinen Worten zu begleiten und auch zu übersetzen, steht absolut im Vordergrund.

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Lässt sich ein solcher Reporterton lernen?
Das weiß ich nicht. Beigebracht bekam ich es nicht. Darüber denke ich auch gar nicht so richtig nach. Allerdings ist meine Achtsamkeit gegenüber unbedachten Äußerungen zum möglichst steten Wegbegleiter geworden.

Aktuell ist das Publikum begeistert, aber Sie haben auch schon mal ordentlich Kritik kassiert, als sie bei einer Vielseitigkeitsreiterin einen braunen Fleck erkannt haben wollten. Hymnisieren Sie generell die Siegerinnen und Siegern, bei den Verliererinnen und Verlierer kennen Sie aber keine Gnade?
Ich freue mich gerne mit bei Erfolgen, auch Nationen übergreifend, wenn eine tolle, vorbildliche Leistung erbracht wurde. Bei denen, die das sportliche Nachsehen ereilt, versuche ich analytisch tröstend zu bleiben, was mir einmal entglitten war, was mir immer leidtun wird.

Ist Reiten für Sie noch ein Sport oder längst schon etwas anderes?
Reiten ist ein Top-Sport, nicht nur bei Olympischen Spielen. Die Verlockung steigender Preisgelder, das Hochtreiben der Kurse für Sportpferde und das sich teilweise Einkaufen in den Sport weckt nicht immer gute Gefühle in mir. Die Verantwortung für die Pferde darf dabei nicht im Ansatz verloren gehen.

Keine Probleme mit Reiterinnen und Reitern

Was sagen denn die Reiterinnen und Reitern zu Carsten Sostmeier: Sind die begeistert oder entgeistert?
Mir ist es bisher möglich, mich sehr gut mit ihnen über Ereignisse oder ihre Pferde auszutauschen.

Können Sie sich vorstellen, auch andere Sportarten zu kommentieren?
Ich kommentiere doch die schönste Sportart der Welt – das ist mein Leben! Wenn, dann müsste es eine ganz andere Aufgabe am Mikrofon sein.

Für einen Menschen, der Pferde nur aus der Entfernung kennt: Was macht dieses Tier in Ihren Augen so besonders?
Anmut, Erhabenheit und Schönheit. Der erste Blick gilt den Augen eines Pferdes, um seine Seele zu entdecken und den Zugang zu finden. Es ist aber auch der Respekt vor und gegenüber dem Pferd.

Die Faszination ist unbeschreiblich. Pferde sind über die Zucht und den Sport wertvolle Botschafter geworden, die uns Menschen zusammenbringen. Ohne sie würde es dieses Interview auch gar nicht geben.

Die Fragen stellte Joachim Huber.

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