Ein langer Weg von seichten Teenie-Komödien zu einem schwarzhumorigem Melodram: Christina Applegate (rechts). Foto: Netflix
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Netflix-Serie "Dead to me" Auferstanden aus Blondinen-Witzen

Jan Freitag

„Dead to Me“: Eine neue Serie von Netflix zeigt Christina Applegate mit erstaunlichem Tiefgang.


Das war knapp! Die Schauspielerin, deren Karriere nach frühem Erfolg im Nirwana drittklassiger TV-Formate zu versanden drohte, muss sich beim nächsten Comeback-Versuch mit viel Haut ins kollektive Gedächtnis „zurücksexen“. So scheint es zumindest – bis die Kamera halsabwärts zoomt und die verwitwete Maklerin Jen nicht nackt, sondern sportbekleidet auf dem Hometrainer sitzt. Schwitzen gegen Einsamkeit statt Softporno mit Fremdschampotenzial – noch mal gutgegangen. Für Christina Applegate.

Fans erinnern sich gewiss noch gut an deren Durchbruch als laufender Blondinenwitz Kelly in „Eine schrecklich nette Familie“. Gut 20 Jahre nach dem letzten ihrer 259 Dumpfbacken-Einsätze muss man dennoch genau hinsehen, um den älter gewordenen Teenie-Star in der Netflix-Serie „Dead to Me“ zu erkennen. Mit 47 spielt die Kalifornierin darin eine Frau, deren Mann bei einem Unfall mit Fahrerflucht verblutet ist. Als sie in einer Selbsthilfegruppe auf Judy (Linda Cardellin) trifft, die gleichfalls den Partner verloren hat, scheint sich eine heilsame Freundschaft anzubahnen. Verteilt auf zehn Folgen, nimmt sie allerdings zwei bemerkenswerte Wendungen.

Zum einen erweist sich Judys Eintritt in Jens zerrüttetes Leben als zweifache Mutter zwischen Zynismus und Trotz als keineswegs so zufällig wie es den Anschein erweckt. Zum anderen zeigt Christina Applegate in Liz Feldmans schwarzhumorigem Melodram einen Tiefgang, den man ihr angesichts der vorherigen Karriere kaum zugetraut hätte. Wie so viele Kollegen, die sehr jung sehr populär geworden sind, reproduzierte schließlich auch sie ab 1997 häufig bloß ihr eigenes Klischee. Daran konnte selbst solide Seriencomedy von „Samantha Who?“ bis „Up All Night“ kaum rütteln.

Steile Aufstiege und Totalabstürze

Dennoch war Christina Applegate stets gut im Geschäft. Was in einer visuellen Branche wie dem Filmgeschäft alles andere als die Regel ist. Dafür muss man weder die Totalabstürze von Macauley Culkin („Kevin allein zu Haus“) und Drew Barrymore („E.T.“) noch den steilen Aufstieg von Leonardo diCaprio und Lindsay Lohan oder Moritz Bleibtreu zurate ziehen, der 1977 als renitenter Dorfjunge in „Neues aus Uhlenbusch“ zum Vorschein kam; es reicht ein Blick in die Großfamilien der Fernsehgeschichte.

Während die Kinder der vielköpfigen „Waltons“ bald nach dem Ende dieser Legende anno 1981 zur Hälfte auf Nimmerwiedersehen vom Set verschwunden waren, sind John-Boy (Richard Thomas) und Mary-Ellen (Judy Norton-Taylor) bis jetzt gut gebucht. Ähnliches gilt für die „Bill Cosby Show“. Oder „Unsere kleine Farm“, von der es Jason Bateman und Melissa Gilbert nach Hollywood schafften. Früher Erfolg ist eben keine Einbahnstraße, sondern oft eine Sackgasse, in der vorwiegend Kinderstars steckenbleiben.

Ob Tommi Ohrner, Silvia Seidel, Patrick Bach oder Hendrik Martz: die Hauptdarsteller der berühmten Weihnachtsmehrteiler haben es nur selten übers Vorabendtingeln hinausgebracht – von den Titelhelden tschechischer Filmklassiker oder Lindgren-Verfilmungen ganz zu schweigen.Oder hat irgendwer je wieder von Omri Katz gehört? Ende der Achtziger galt J.R. Ewings Film-Sohn kurz als hoffnungsvollster Jungschauspieler seines Jahrgangs. Und heute? Arbeitet er nach ein paar B-Movies als Friseur in Los Angeles. Ähnliches hätten Spötter indes auch von Christina Applegate erwartet. Doch wenn sie nun in „Dead to Me“ glaubhafte Verzweiflung verkörpert, zeigt die Schauspielerin nach mehr als 45 Jahren vor der Kamera, dass selbst ein wandelnder Blondinenwitz besiegbar ist. Jan Freitag

„Dead to Me“, Netflix, zehn Folgen

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