Ermitteln. Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl, l.) und Ivo Batic (Miroslav Nemec). Foto: BR/Tellux Film GmbH/Hendrik Heid
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München-„Tatort“ Kulissen der Erinnerung

Andreas Kleinerts Münchner „Tatort“-Folge „Flash“ nutzt die Reminiszenz-Therapie als Steilvorlage für ein faszinierendes Krimidrama.

Bei der Reminiszenz-Therapie werden Demenzkranke in die Kulissen ihrer eigenen Vergangenheit geschickt. Möbel und Einrichtungsgegenstände, auch die Musik aus glücklicheren Zeiten oder bestimmte Gerüche sollen Erinnerungen wecken – ein in diesem Zusammenhang besonders passender Ausdruck der deutschen Sprache.

„Hier riecht's nach Chlor“, wundert sich Kommissar Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl), als er in dem nachgebauten Büro eines ehemaligen, mittlerweile dementen Psychiaters steht, und tatsächlich wurden ja chlorhaltige Putzmittel Ende der 1980er Jahre häufiger eingesetzt als in der ökologisch bewussteren Gegenwart.

Das Fernsehpublikum kann die Sache mit dem Geruch zwar nicht selbst nachvollziehen, aber auch sonst nutzt die Münchner „Tatort“-Folge „Flash“ von Regisseur Andreas Kleinert („Lieber Thomas“) die Reminiszenz-Therapie als Steilvorlage für ein faszinierendes Krimidrama über die Kulissen und Irrwege der menschlichen Erinnerung. Denn: „Demenzkranke haben Erinnerungslücken nicht für sich allein gepachtet“, wie es sehr schön in einem Dialogsatz heißt. ( „Tatort – Flash“, ARD, Sonntag, 20 Uhr 15)

Im Mai 1987 wurde eine Frau nach einem Disco-Besuch getötet, ihre blonden Haare am Hinterkopf wurden angezündet. Verurteilt wurde der Automechaniker Alois Meininger (Martin Leutgeb). Maßgeblich dafür war ein Gutachten des Psychiaters Norbert Prinz (Peter Franke), dem Meininger seine Gewaltfantasien offenbart und dem er auch Zutritt zu seinem „Bunker“ genannten Versteck gewährt hatte.

Nachdem Meininger nun nach mehr als 20 Jahren aus der Psychiatrie entlassen wurde, wird erneut eine blonde Frau getötet und wieder mit abgebrannten Haaren am Hinterkopf gefunden. Die Polizei will dem mittlerweile dementen Prinz die Erinnerung entlocken, wo sich der „Bunker“ des mutmaßlichen Triebtäters befindet, und wendet sich deshalb an den Neuropsychologen Ralph Vonderheiden (André Jung), der Demenzkranke mit der Reminiszenz-Therapie behandelt. Dessen Praxis mit seinen verschiedenen Räumen, die die Illusion einer vergangenen Realität erzeugen, hat tatsächlich Ähnlichkeit mit einem Filmstudio.

Der mehrfache Grimme-Preisträger Kleinert hatte auch das Alzheimer-Drama „Mein Vater“ mit Götz George und Klaus J. Behrendt gedreht, das 2003 mit einem Emmy ausgezeichnet wurde. In „Flash“ ist es kein Vater-Sohn-, sondern ein Vater-Tochter-Drama, das dem Krimistoff Tiefe und Emotionalität verleiht.

Durch ein kleines Fenster blickt Meininger in die Welt über ihm

Der demente Prinz wird daheim von seiner Tochter Nele (Jenny Schily) versorgt, die sich rührend um ihren Vater kümmert, aber immer mal wieder auch an ihre Grenzen stößt. Schily spielt diese Figur, die permanent in zwei Parallelwelten gefordert ist, ganz und gar unsentimental, ohne Selbstmitleid, souverän, aber auch ein wenig eigenwillig und undurchsichtig – kurz: großartig.

Das Haus von Vater und Tochter Prinz wirkt selbst kulissenhaft, denn in der Einrichtung spiegeln sich ebenfalls Gegenwart und Vergangenheit. Ähnliches gilt für Alois Meiningers „Bunker“, eine verwahrloste Souterrain-Höhle, aber mit Traumstrand-Tapete.

Durch ein kleines Fenster blickt Meininger in die Welt über ihm. Er lebt buchstäblich nicht auf Augenhöhe und hat zur Außenwelt nur Kontakt über einen Hund, für den er regelmäßig einen Futternapf vors Fenster stellt.

Schauspieler Martin Leutgeb hat man mit Vollbart und Unterhemd schön abstoßend hergerichtet, und auch die schäbige, ungepflegte Unterkunft scheint dafür zu sprechen, dass hier ein verkommenes Wesen haust. Als es den „Bunker“ endlich mal verlässt, verheißt das nichts Gutes. Kleinert, der gerne symbolisch aufgeladene Bilder (der Apfel!) sprechen lässt, lässt Meininger draußen vor eine Wand laufen, die ebenfalls aus Glas ist wie das kleine Fenster in seinem „Bunker“.

Eine weitere eigentümliche Welt bilden Praxis und Privatleben des renommierten Neuropsychologen Vonderheiden, der mit seiner Kollegin und Geliebten Laura Lechner (Anna Grisebach in einer herrlich schillernden Rolle als Ärztin und Vamp) eine symbiotische, aber auch spannungsreiche Beziehung pflegt.

Während er Lauras Sohn Hannes (Kilian Klösters) zu fürchten scheint, ist er für Fahrradkurierin Ruby (Massiamy Diaby) eine Vater-Figur. Regelmäßig beendet Ruby ihre täglichen Touren mit der Lieferung für Vonderheiden und wird dafür mit Zugewandtheit und Aufmerksamkeit belohnt.

So irritieren nebelhafte Nebengeschichten in einem Fall, der doch eigentlich glasklar scheint. Nicht überraschend, dass am Ende nicht alles ist, wie es scheint in diesem wundersamen, wunderbaren Spiel mit Erinnerungen und Erwartungen.

Dennoch gelingt den Krimi-erfahrenen Drehbuchautoren Sönke Lars Neuwöhner und Sven S. Poser noch eine formidable Wendung, und die ehrwürdigen Münchner Kommissare Leitmayr und Ivo Batic (Miroslav Nemec) erweisen sich standesgemäß als die alten Füchse der „Tatort“-Zunft.

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