Ryan und Damien wollen den Flüchtlingen helfen. Foto: Arte
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Mini-Serie über Migranten Ein sicherer Hafen?

Manfred Riepe

Der Anspruch, ein moralisch integerer Mensch zu sein, kann gnadenlos scheitern. Davon erzählt eine Arte-Serie mit erfrischender Deutlichkeit.

Fünf australische Segelurlauber begegnen auf der Timorsee einem havarierten Schiff mit über 40 Menschen an Bord. Ihre Yacht ist zu klein für alle Flüchtlinge. Also nehmen die Australier den manövrierunfähigen Trawler ins Schlepptau. Mit dem Aufkommen eines Sturms stehen die Retter vor einer existentiellen Entscheidung. Sollen sie die Flüchtenden im Stich lassen oder ihr eigenes Leben gefährden?

Die Konstellation erinnert stark an den Kinofilm "Styx", in dem eine deutsche Ärztin allein auf hoher See unerwartet ein überfülltes Flüchtlingsboot mit defektem Motor sichtet. "Ein sicherer Hafen" rollt diese Thematik aus einer anderen Perspektive auf. Denn der Ausgang der Begegnung zwischen den Australiern und den Flüchtlingen bleibt in der preisgekrönten australischen Miniserie, deren vier Teile Arte am Stück sendet, bis zuletzt offen.

Die Geschichte wechselt geschickt zwischen zwei Zeitebenen. Als Ryan Gallagher (Ewen Leslie), der Kapitän der australischen Segelyacht, fünf Jahre nach den dramatischen Ereignissen auf hoher See in Sydney das Taxi von Ismail Al-Bayati (Hazem Shammas) besteigt, erfährt er erstmals, dass die Flüchtlinge, die er damals ins Schlepptau nahm, es doch noch bis nach Australien geschafft haben. Erleichtert lädt er Ismail und dessen Familie zum Barbecue ein, das im Eklat endet: Ismails Frau Zahra (Nicole Chamoun) beschuldigt Ryan und die anderen Passagiere der Segelyacht, sie hätten das Schlepptau gekappt. Sieben Menschen, darunter ihre Tochter, seien daraufhin im Sturm ertrunken.


Im Gegensatz zu den meisten Filmen über Migranten werden Flüchtlinge in dieser Serie zu handelnden Personen. Ihre Charaktere und religiösen Motive werden differenziert ausgeleuchtet. So streitet Ismail mit seinem aufbrausenden Bruder Bilal (Robert Rabiah), ob man gewaltsam Rache an den Australiern nehmen soll.

Wer hat nun das Schlepptau gekappt?

Schließlich entscheiden sie sich für den Rechtsweg: Sie zeigen Ryan und seine Begleiter wegen unterlassener Hilfeleistung an. Vor Gericht verstricken sich die vermeintlichen Seenotretter in ein unentwirrbares Geflecht unterschiedlicher Versionen, das an Kurosawas berühmtes Gerichtsdrama "Rashomon" erinnert: Wer hat nun das Schlepptau gekappt? Waren es die Helfer, die offenbar nicht genug Zivilcourage hatten? Oder waren es die Flüchtlinge selbst, die nach der Kursänderung im Sturm nicht wieder zu einem nahen Hafen in Indonesien zurückgeschleppt werden wollten?


Die Flüchtlingskrise ist auch in Australien ein brisantes Thema. Vorwiegend englischsprachige Medien berichten über Spannungen zwischen muslimischen Migranten und der australischen Bevölkerung. Regisseur Glendyn Ivin, der bereits für seine vorherige Serie "Sieben Seiten der Wahrheit" (2017) ausgezeichnet wurde, leuchtet diese Thematik ohne fremdenfeindliche Klischees aus. Sein Blick auf die muslimischen Migranten ist liebevoll und differenziert, spiegelt aber die restriktive australische Asylpolitik nicht wirklich wider.


Dennoch setzt die Serie bemerkenswerte Akzente, denn sie legt den Finger in eine empfindliche Wunde. So rückt die soziale Kluft zwischen den bescheiden lebenden Migranten und den aus der gehobenen Mittelschicht stammenden Australiern in den Fokus. Ryan, seine Ehefrau und die anderen Passagiere der Segelyacht leben in einem freiheitlichen Land mit hohem sozialen Status.

In der Notsituation auf See, in der sie zunächst demokratisch über das Schicksal der Flüchtlinge abstimmen, legen sie an sich selbst einen ebenso hohen ethischen Maßstab an. Der Anspruch, ein moralisch integerer Mensch zu sein, kann gnadenlos scheitern. Davon erzählt dieser Serie mit erfrischender Deutlichkeit.


„Ein sicherer Hafen“, Arte, Donnerstag, ab 20 Uhr 15

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