Erst mal eene roochen. Kurt Krömer (links) mit Jürgen Höller im Frageverhör. Screenshot: Tsp
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Kritik zu „Chez Krömer“ Gestehen Sie endlich, dass Sie ein Schuft sind!

Kurt Krömer ist nach fünf Jahren TV-Abstinenz wieder da: Er nimmt Motivationsguru Jürgen Höller ins Verhör.

Ilka Bessin ist 2016 aus ihrer Kunstfigur Cindy aus Marzahn ausgestiegen. War genug geworden mit der Dauerarbeitslosen in Pinkrosa. Cindy, übergewichtig, sarkastisch bis fatalistisch, hatte Erfolg in einer Zeit, die rum war. Ilka Bessin wollte erkennbar was anderes, als irgendwann tatsächlich vor zehn, elf Leuten in Marzahn abluschen zu müssen.

Alexander Bojcan geht den umgekehrten Weg. Er hatte vor fünf Jahren seinen Kurt Krömer, den quietschbunten Berliner-Neuköllner mit der Immer-druff- Schnauze, verabschiedet.

Am Dienstag nun es die Wiederauferstehung: „Chez Krömer“. Dem Gastgeber im abgewetzten Amtstubenambiente ist ein Gast für 30 Minuten Intensivgespräch zugeführt. Zur Premiere saß Jürgen Höller, Deutschlands angeblich erfolgreichster Motivationstrainer, im Verhörraum.

Krömer traktierte ihn mit Kettenraucherei, Unhöflichkeit, mit absurden, mutmaßlich naiven Fragen, mit unvermuteten Einspielfilmen – es gilt, den Erfolgsguru bis zur Kenntlichkeit in die Ecke zu treiben. Bloßstellen und Ausgeliefert-Sein als Unterhaltungskonzept.

Höller bietet exzellente Angriffsfläche

In seiner Erscheinung Dieter Bohlen nicht unähnlich, bietet Höller exzellente Angriffsfläche. Schulabbrecher, Anfang der 2000er Jahre wegen Insolvenzverschleppung und Veruntreuung von Firmengeldern drei Jahre im Gefängnis, aktuell erfolgreicher denn je, 16 Wochen Urlaub im Jahr, seit einigen Jahren auch noch Jesus-Freak.

Jürgen Höller gibt sich als Erfolgsmodell, Krömer als dessen Zerstörer. Was ist echt, was falsch, was authentisch, was nur Fassade an dem 55-Jährigen, der mit seiner Motivationsmasche Tausende von Teilnehmern für sich einnimmt und dabei ausnimmt?

Krömers schärfste Waffe ist die überraschende Intervention. Unterbricht sein Gegenüber unvermittelt, nimmt ihn und seine Aussagen nicht ernst, konterkariert ihn, er ist die Frage-Katze, die die Antwort-Maus jagt. Krömer zielt darauf ab, dass Höller ihn unterschätzt, diesen Proll-Berliner in seinem Proll-Outfit. Höller tut ihm zunächst den Gefallen, er sagt zunächst Sätze wie aus dem Werbeprospekt für seine Seminare.

Aber da ist mehr. Höller ist mit demselben Aufzug rauf-, dann runter-, dann wieder raufgefahren. Wer zu ihm kommt, der tut es freiwillig, Höller bedient ein Bedürfnis nach stabilisiertem (Erfolgs-)Ego. Kurt Krömer in seiner Sucht nach dem Lacher aus dem Saalpublikum überhört, übergeht solche Aspekte.

Höller ist ihm Material, wo beim Menschen Höller was zu holen wäre. Krömer muss aufpassen, dass er in seiner Kurt-Krömer-Haftigkeit nicht die billigen, sondern die wichtigen Punkte macht. Sein Gast kann ihm dabei helfen – wenn Krömer es zulässt.

Amthor und Kühnert als nächste Gäste

Wer künftig zu „Chez Krömer“ geht, weiß jetzt, was ihn erwartet. Der CDU-Politiker Philipp Amthor und der Juso-Vorsitzende Kevin Kühnert sind angekündigt. Krömer wird sie in die Mangel nehmen, unberechenbar, in gemeiner Absicht und Attitüde. Er will als Sieger aus dem Verhör hervorgehen. Und Fairness ist kein Gebot der halben Fernsehstunde.

Am 24. September werden die vier Folgen „Chez Krömer“ im RBB-Fernsehen gelaufen sein. Das ist nicht viel, wird aber für ein Urteil reichen, ob mit diesen 30 Minuten der Sender-Anspruch „Bloß nicht langweilen“ besser erfüllt wird. Kurt Krömer sagte an einer Stelle, er wollte immer zu RTL, habe es aber nur zum RBB geschafft.

Bei aller (Selbst-)Ironie steckt da ein Vergleich drin. Cindy aus Marzahn hatte es zum Privatsender gebracht, gleichfalls Mario Barth, Berlins Witze-Millionär, und Sascha Grammel, Spandaus Bauchredner-König. Nun kann jeder für sich entscheiden, welche Humoreske aus RBB oder RTL ihn besser unterhält.

Ich sag’s mal so: Es ist eine harte Entscheidung, wenn in solchem Reservoir die Auswahl getroffen werden muss, und eine leichte, wenn anderswo eine Alternative gefunden wird. Der Berliner Fernsehhumor bewegt sich stets in den engen Grenzen von Schamlosigkeit und Fremdschämen. „Chez Krömer“ legt davon Zeugnis ab.

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