Der CDU-Politiker Norbert Röttgen war 2019 in Talks genauso oft zu sehen wie alle Gäste aus Afrika, der arabischen Welt und Iran zusammen. Foto: Karlheinz Schindler/dpa
© Karlheinz Schindler/dpa

Kritik an öffentlich-rechtlichen Talkshows Zu wenig Vielfalt?

Nur jeder 20. Talkshow-Gast von ARD und ZDF wurde im Ausland geboren, ergab eine Auswertung. Maybrit Illner macht eine andere Rechnung auf.

Im deutschen Fernsehen gibt es zwar viele Talkshows, aber wenig Vielfalt – zumindest mit Blick auf die Zusammensetzung der Diskussionsrunden. Es habe siebeneinhalb Monate oder 76 Sendungen mit knapp 5000 Sendeminuten gedauert, bis die Zuschauer im vergangenen Jahr den ersten schwarzen Gast in einer öffentlich-rechtlichen Talkrunde sahen, hat der Islamwissenschaftler und freie Journalist Fabian Goldmann – der mit seinem Blog „Schantall und die Scharia“ gegen Islamophobie in all seinen Ausprägungen kämpft – herausgefunden.

Die Kritik an den Talkshows ist nicht neu. Die immer gleichen Gäste diskutieren die immer gleichen Themen auf höchst einseitige Weise, heißt es häufig. Parteienparität statt Meinungspluralität oder nationale Diversität, lautet der Vorwurf.

Fabian Goldmann machte die Probe aufs Exempel und suchte in sämtlichen 135 öffentlich-rechtlichen Talkshows des vergangenen Jahres nach Spuren von Diversität. Sein Ergebnis: „Weiß, männlich, westdeutsch und ohne Migrationserfahrung. So sah auch im Jahr 2019 der Prototyp des Talkshowgastes aus. Gerade einmal jeder 20. Gast wurde im Ausland geboren. Auf Menschen aus Ländern, die in den letzten Jahren im Fokus der Migrationsdebatte standen, wartete man völlig vergebens“, schreibt er in einem Beitrag für Deutschlandfunk Kultur. „Alle Gäste aus Afrika, der arabischen Welt und dem Iran brachten es gemeinsam auf weniger Auftritte als CDU-Politiker Norbert Röttgen allein“, hat er errechnet.

Das Argument, es gebe zu wenig schwarze Klimawissenschaftler oder migrantische Politiker, lässt Goldmann nicht gelten. Er verweist auf vergleichbare Talksendungen in den Niederlanden oder Skandinavien. Dort werde es mit einem Bruchteil der Bevölkerung geschafft, ein wesentliche diverseres Bild abzugeben.

Das Ziel: perspektivenreich berichten

Konkret angesprochen wird unter anderem der ZDF-Talk von Maybrit Illner. Ihre Redaktion zeichnet ein anderes Bild der Lage: Für die ZDF-Sendung heiße perspektivenreich berichten „möglichst viele Frauen, junge Menschen, Menschen aus verschiedenen Schichten, Gäste aus Nachbarländern einzuladen und natürlich Menschen mit internationaler Geschichte beziehungsweise Migrationshintergrund“, verweist Redaktionsleiter Volker Wilms gegenüber dem Tagesspiegel auf die Erwiderung von Maybrit Illner auf die Kritik der „Neuen Deutschen Medienmacher“ von 2019. Die Medienmacher hatten alle Polit-Talks mit der „Goldenen Kartoffel“ belegt, weil die Sendungen nach deren Auffassung Rassismus und Antisemitismus wie jeden anderen Standpunkt behandelt hätten. „Dieser Vorwurf geht gegen unser Berufsethos, gegen alle persönlichen Überzeugungen, und wir weisen ihn entschieden zurück“, erklärte Maybrit Illner seinerzeit.

Die ZDF-Sendung macht zudem eine andere Rechnung auf als Goldmann und zählt die Gäste mit internationaler Geschichte und solche mit Migrationshintergrund zusammen. Danach lag deren Anteil in den Jahren 2018 und 2019 bei 18 Prozent. „Das wäre in unserem Fall etwa jeder siebte und nicht jeder 20. Gast“, so Wilms.

In seiner Kritik geht Fabian Goldmann allerdings über die quantitative Frage hinaus. Er wirft den Talks vor, die Themen mit stereotypischen Vertretern zu besetzen. Türken würden Erdogan kommentieren, Araber Clankriminalität und Schwarze Rassismus.

Auch das treffe so nicht zu, verteidigen sich die Macher von „Maybrit Illner“ – wiederum mit Verweis auf die „Goldene Kartoffel“: „Wir laden Diana Kinnert zur Lage der Groko ein, Rouzbeh Taheri zur Mietsituation in Berlin, Cem Özdemir zum Dieselskandal. Zur Sondersendung ,25 Jahre Deutsche Einheit‘ war Özlem Topcu eingeladen. Zum Klimawandel diskutierten Mojib Latif, Ranga Yogeshwar, Mai Thi Nguyen-Kim und der Sterne-Koch Nelson Müller“, schrieb die Redaktion.

Die Haltung entscheidet

Die ARD bleibt bei der Frage, wie das Erste mit der Kritik an der Besetzungspraxis angeht, eher allgemein: "Die Auswahl der Gäste in unseren Talk-Formaten erfolgt themenbezogen und nach journalistischen Kriterien", antwortete Chefredakteur Rainald Becker, der zudem ARD-Koordinator für Politik, Gesellschaft und Kultur in der ARD Programmdirektion ist. "Wer eingeladen wird, ist eine redaktionelle Entscheidung. Dabei steht nicht im Vordergrund, welche Nationalität oder welches Geburtsland jemand hat, sondern welche inhaltlich fundierte Haltung zu einem Thema jemand vertritt und ob er/sie  diese mit Sachargumenten untermauern kann." Kurt Sagatz

Zur Startseite