Leidensgenossinnen. Die Obduktion des Mordopfers führt diesmal Pathologin Vivian Peters (Judith Goldberg, rechts) durch. Bereits als Studentin wurde sie von Professor Boerne (Jan Josef Liefers) gemobbt. Davon kann auch Silke „Alberich“ Haller (ChrisTine Urspruch) ein Lied singen. Foto: WDR/Molina Film/Thomas Kost
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Jubiläums-„Tatort“ aus Münster Thiels Nebel und Boernes Grauen

Zwanzig Jahre nach dem ersten Münsteraner „Tatort“ wird Kommissar Thiel von seiner Vergangenheit eingeholt.

20 Jahre „Tatort“ aus Münster, das ist für viele Zuschauer der ARD-Sonntagabendkrimireihe zu viel. Was musste man in dieser Zeit nicht alles erdulden? Skelettierte Leichen von Burschenschaftern, persische Mumien und mit Kommissar Frank Thiel (Axel Prahl) einen leicht lethargischen Polizisten, der von einem versnobten und egomanischen Rechtsmediziner namens Karl-Friedrich Boerne ( Jan Josef Liefers) auf Trab gehalten wird, wenn die beiden nicht gerade in einem Tretboot-Schwan auf dem Münsteraner Aasee herumschippern.

Sicher, solche dramaturgischen Tiefpunkte wie die pupsenden Kühe im „Wunder von Wolbeck“ aus dem Jahr 2012 blieben den Zuschauern zumeist erspart. Allerdings hatten zu der Zeit schon viele Gebührenzahler für sich entschieden, dass der „Tatort“ aus der westfälischen Beamten- und Studentenstadt mit echter Krimi-Unterhaltung nichts zu tun hat. Doch das änderte nichts daran, dass es offenkundig eine Mehrheit gibt, die mit dem Klamauk nicht nur irgendwie zurechtkommt, sondern ganz im Gegenteil: dieses televisionäre Eskapismus-Angebot nur allzu gerne annimmt. Auch nach zwei Jahrzehnten gibt es keinen größeren Quotengaranten für die ARD-Reihe mit regelmäßig mehr als zehn Millionen Zuschauern als den „Tatort“ aus Münster. Egal, wie viel davon rund um den Prinzipalmarkt und nicht in Köln gedreht wurde.

[„Tatort: Des Teufels langer Atem“, ARD, Sonntag, 20 Uhr 15]

In diesem Jahr kann der Münsteraner „Tatort“ nicht nur auf zwei Jahrzehnte zurückblicken. Nachdem es 2021 nur eine neue Episode gab, dürfen sich die Fans in diesem Jahr auf drei neue Folgen freuen. Den Anfang macht an diesem Sonntag „Des Teufels langer Atem“. Thiel wacht nach einem kompletten Filmriss in einem Hotel auf und schafft es nur mit Mühe, Boerne um Hilfe zu bitten. Bei der anschließenden Autofahrt kommen die Beiden an einem von der Polizei abgesperrten Tatort vorbei. In einem Wald wurde ein Mann erschossen, bei dem es sich zu Thiels Überraschung um seinen ehemaligen Hamburger Chef handelt. Thiel hatte Arne Hartnack als Mörder von dessen Frau überführt und ins Gefängnis gebracht. Nun holt den Münsteraner Kommissar diese Vergangenheit ein. Denn auch wenn die Ereignisse nicht durch Thiels Alkoholnebel dringen, wird schnell klar, dass es zwischen ihm und dem Mord eine Verbindung gibt. Was aber nicht Thiels einziges Problem ist. Auch „Vaddern“ (Claus D. Clausnitzer) macht ihm Sorgen.

Dabei steht doch gerade der Münsteraner „Tatort“ für eine erstaunliche Kontinuität. Mit Ausnahme von Thiels ehemaliger Assistentin Nadeshda Krusenstern (Friederike Kempter), die das Kommissariat vor zwei Jahren verlassen hat und von Mirko Schrader (Björn Mayer) ersetzt wurde, hat es keine Veränderungen an der Stammbesetzung gegeben.

Eine neue Kommissarin und Konkurrenz für Boerne

Doch vielleicht ändert sich genau das. Einerseits durch Kommissarin Annika Kröger (Banafshe Hourmazdi), die den Mord an Hartnack aufklären soll. Die Obduktion wird andererseits nicht von Boerne vorgenommen, sondern von Vivian Peters (Judith Goldberg). Einst hatte sind bei Boerne studiert und gelitten. Seine Anspielungen standen unter klarem Mobbing-Verdacht. Kein Wunder, dass sie ihn nur schlicht „Das Grauen“ nennt.

Kurzum: Die Klamauk-Kritik kann „Des Teufels langer Atem“ zwar nicht entkräften. Auch die neue Folge wird echte Münster-Skeptiker nicht zu Boerne-und- Thiel-Jüngern bekehren. Doch davon abgesehen funktioniert das Duo nach wie vor, vor allem, wenn Drehbuch und Regie so gekonnt auf dem schmalen Grat zwischen Krimi und Groteske balancieren.

Eine neue Kollegin? Kommissarin Annika Kröger (Banafshe Hourmazdi) ermittelt im Mordfall Hartnack, in den offenbar auch Frank Thiel (Axel Prahl, rechts) involviert ist. Hilfe bekommt er jedoch von Professor Boerne (Jan Josef Liefers). Foto: WDR/Molina Film/Thomas Kost Vergrößern
Eine neue Kollegin? Kommissarin Annika Kröger (Banafshe Hourmazdi) ermittelt im Mordfall Hartnack, in den offenbar auch Frank Thiel (Axel Prahl, rechts) involviert ist. Hilfe bekommt er jedoch von Professor Boerne (Jan Josef Liefers). © WDR/Molina Film/Thomas Kost

Für Thorsten Wettcke ist „Des Teufels langer Atem“ bereits das dritte Münster-Drehbuch, auch „Schwanensee“ stammt von ihm. Er schätzt an diesem Tatort-Team die absolute Klarheit der beiden Hauptfiguren – „und dass wir bei jedem Film wieder bei Null anfangen“ – zumeist sogar ohne Filmriss. Für Regisseurin Francis Meletzky ist es der zweite Münster-„Tatort“ nach „Zwischen den Ohren“ von 2011. Die neue Folge stellt für sie „auf gewisse Art auch einen Film über Freundschaft“ dar. „Boerne und Thiel, Jan und Axel sind ein liebevolles treues Team, voll Respekt füreinander“, sagt sie. Die Fans dieses „Tatort“ haben es ja schon immer gewusst.

[Alle Folgen des True-Crime-Podcasts Tatort Berlin des Tagesspiegels finden Sie hier]

Allerdings: 20 weitere Jahre und 40 neue Folgen, das kann sich nicht nur Axel Prahl kaum vorstellen. „Im Jahr 2042 bin ich dann 82. Vermutlich werde ich dann die Verbrecher mit meinem Krückstock jagen. Wenn ich nicht gerade Professor Boerne mit seinem Rollstuhl durch die Gegend fahren muss.“
Jan Josef Liefers hat hingegen schon eine klare Vorstellung von Folge Nummer 80: „Boerne mit weißer, fliegender Mähne beendet seinen athletischen Schlusssprint und gewinnt den Internationalen Münster-Marathon knapp vor dem amtierenden Weltrekordhalter. Hinter der Ziellinie wartet gebeugt und auf seinen quietschenden Rollator gestützt der schwerhörige Thiel und gratuliert mit zittrigem Greisendiskant dem Professor…“Träum weiter, Karl-Friedrich.

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