Zerstörte Häuser in Marienthal in Rheinland-Pfalz nach der Flut im Sommer 2021. Foto: Thomas Frey/ dpa
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Journalismus und Klimaschutz „Kommt die Klimakrise nicht in der Tagesschau, kann es nicht so schlimm sein“

Warum Medien ein falsches Gefühl von Sicherheit schaffen und was sich dringend ändern sollte, sagt Sara Schurmann, Mitverfasserin einer neuen Klimacharta.

Sara Schurmann, Journalistin und Autorin des Buches „Klartext Klima“, ist Mitbegründerin des Netzwerks Klimajournalismus Deutschland. In einer Klimacharta will das Netzwerk jetzt die grundsätzliche Verantwortung von Klimajournalismus betonen und notwendig Weiterentwicklungen darstellen. Zu den Erstunterzeichnenden der Charta, die Sie hier lesen können, gehören die Tagesspiegel-Redakteurin Susanne Ehlerding und Wolfgang Blau, früherer Zeit-Online-Chefredakteur und Mitgründer des „Oxford Climate Journalism Network“. Das vollständige Interview mit Sara Schurmann und weitere Informationen zur Klimacharta können Sie ab Freitag, 29.4. im Klimapodcast Gradmesser hier hören.

Frau Schurmann, Sie sind eine der Verfasserinnen der Klimacharta. Warum ist dieser Schritt notwendig? Machen wir hier in Deutschland keinen guten Klimajournalismus?
Vorneweg: Es gibt richtig guten Klimajournalismus in Deutschland. Aber die Texte dieser einzelnen Kolleginnen und Kollegen, die sich sehr gut auskennen und zum Teil seit Jahrzehnten hervorragende Arbeit machen, stehen wie ein beliebiges Thema neben vielen anderen, nach dem Interessierte gezielt suchen müssen. Damit verbergen wir, dass Klima eben kein Thema wie jedes andere ist. Es geht um eine existenzielle Krise, die alles und jeden von uns betrifft, und zwar schon heute. Das überall mitzudenken und transparent zu machen, ist unsere Aufgabe als Journalistinnen und Journalisten, damit wir es als Gesellschaft nicht weiter verdrängen und anfangen, angemessen darauf zu reagieren.

Die Klimacharta sagt dazu: „Die Klimakrise ist kein Thema, sondern – analog zu Demokratie und Menschenrechten – eine Dimension jedes Themas.“ Deshalb könne die Berichterstattung auch „nicht in engen Ressort- und Zuständigkeitsgrenzen stattfinden“. Was ist damit konkret gemeint?
Nehmen wir die Sportberichterstattung. Bei der Fußball-WM in Katar zum Beispiel denken wir die Menschenrechte mit, bei den Olympischen Spielen in Peking haben wir überlegt, wie sich die Teilnehmenden gegen Covid schützen können. In dieser Dimension müssen wir Klima mitdenken, und zwar in zwei Richtungen. Einmal: Wie wirkt sich das, worüber ich berichte, auf das Klima aus? Das wäre beim Sport zum Beispiel die Frage nach klimaneutralen Konzepten für Großveranstaltungen.

Und zweitens: Was macht das Klima mit dem Gegenstand meiner Berichterstattung? Nach der extremen Hitze bei den Olympischen Spielen in Japan wäre zum Beispiel die Frage, wie und wo Sommerspiele künftig stattfinden werden angesichts stetig steigender Temperaturen und immer häufiger auftretender Wildfeuer.

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Die Klimacharta greift auch „False Balance“ auf, eine „falsche Ausgewogenheit“. Als Journalisten haben wir den Anspruch alle Seiten in einer Debatte zu Wort kommen zu lassen, damit sich die Nutzerinnen und Nutzer selbst ihre Meinung bilden können. Wieso wird das in der Klimakrise zum Problem?
Wir begegnen Klimathemen oft mit Politikjournalismus. Der recherchiert die unterschiedlichen Positionen zu einem Thema, stellt sie möglichst alle dar und gleichberechtigt nebeneinander. Bei einer Krise mit einem naturwissenschaftlich vermessbaren Ursprung ist das aber ein Problem. Das haben wir bei Corona gemerkt: Auch wenn es Graubereiche gibt, die man abwägen muss, sind manche Dinge einfach richtig und andere falsch, sie können entsprechend beurteilt und eingeordnet werden.

Den Menschen eine Orientierung zu geben und nicht einfach alle Positionen gegeneinander zu halten, ist auch unser Job in der Klimakrise. Aber um das leisten zu können, müssen Medienschaffende wirklich Ahnung von einer Materie haben.

Haben Sie ein Beispiel?
Nehmen Sie die geplante Taxonomie-Regelung der EU. Investitionen in Kernenergie und Erdgas sollen als nachhaltig eingestuft werden. Das läuft der Grundidee der Taxonomie, Gelder in wirklich nachhaltige Projekte zu lenken, komplett zuwider. Erdgas zum Beispiel ist ein Treibhausgas, dessen Einsatz unter anderem bei Förderung und Transport die Erderhitzung weiter vorantreibt. Das nicht klar einzuordnen, ist eine klassische False Balance, die stark verbreitet ist.

Sara Schurmann, Journalistin und Autorin des Buches „Klartext Klima“, ist Mitbegründerin des Netzwerks Klimajournalismus Deutschland und hat die Klimacharta mitverfasst. Foto: Julia Steinigeweg Vergrößern
Sara Schurmann, Journalistin und Autorin des Buches „Klartext Klima“, ist Mitbegründerin des Netzwerks Klimajournalismus Deutschland und hat die Klimacharta mitverfasst. © Julia Steinigeweg

Und wie kann man dann berichten, ohne sich den Vorwurf einzuhandeln, man würde als Journalistin nur die Stimmen zu Wort kommen lassen, die ins eigene Weltbild passen?
Man muss den wissenschaftlichen Diskurs kennen. Das ist eine Schwierigkeit, auf die wir in der Charta mit der Forderung an die Verlage nach Fort- und Weiterbildung eingehen. Denn einzelne Journalistinnen und Journalisten können das nicht nebenbei nach Feierabend leisten. In der Coronakrise haben wir quasi gemeinsam mit der Öffentlichkeit sehr viel in sehr kurzer Zeit gelernt: Was sind Inzidenzen, Aerosole, was ist exponentielles Wachstum und der R-Wert.

Damit gab es in den Redaktionen eine Art Grundbildung zur Problemlage, auf deren Basis gemeinsam über den Sinngehalt politischer Vorstöße diskutiert werden konnte und diese entsprechend bewertet wurden. Beim Klima-Thema haben wir das bisher nicht. Hier kennen sich einzelne Fachleute aus, andere holen den politischen Diskurs dazu ab. Die Einordnung klappt aber erst, wenn man ein Thema durchdrungen hat.

Wird Ihnen denn selbst vorgeworfen, mehr Aktivistin als Journalistin zu sein?
Manchmal, ja. Aber viel öfter höre ich das als Problem von Kolleginnen und Kollegen aus deren eigenen Häusern. Entkräften lässt sich das vor allem über ausreichendes Grundlagenwissen in den Redaktionen. Das ist jetzt unsere Aufgabe in den Medien: Genügend Expertinnen und Experten zu haben, die andere Kollegen beraten können und so deutlich machen, dass Klimaberichterstattung unsere journalistische Aufgabe von Aufklärung ist und kein Aktivismus im Sinne von “Ich will jetzt keine Atomenergie haben”.

Und wenn die Nutzerinnen und Nutzer einfach andere Interessen haben? Ein Kollege von mir hat einen sehr gut recherchierten Text dazu geschrieben, wie eine Welt voraussichtlich aussieht, die sich um etwa drei Grad erwärmt, was aktuell unsere unerfreuliche Zukunft wäre. Der Text hat viel weniger Personen interessiert als eine ebenfalls sehr gut recherchierte Reportage über junge Alkoholikerinnen.
Ähnliches höre ich von Kolleginnen und Kollegen. Solange es kein gesellschaftliches Bewusstsein dafür gibt, wie stark die Klimakrise einen selbst betrifft, und wie wenig Zeit uns noch bleibt, diese drei Grad noch abzuwenden und innerhalb des Pariser Klimaabkommens und damit lebenswerten Zuständen auf dieser Welt zu bleiben, solange wird man dieses Thema wegschieben, weil es unangenehm ist, sich damit zu beschäftigen.

Ich bin aber zuversichtlich, dass das nicht immer so bleiben wird. In der Coronakrise wollten die Menschen wirklich alles lesen und wissen, weil sie wussten, wir sind direkt betroffen. Diesen Punkt werden wir in der Klimakrise zwar nicht als einzelne erreichen, aber dann, wenn wir es als Branche schaffen zu vermitteln, wie konkret das Problem ist.

Warum haben wir Journalistinnen und Journalisten Ihrer Ansicht nach eigentlich so eine große Verantwortung beim Thema Klimakrise?
Weil wir den öffentlichen Diskurs wesentlich mitprägen, auch wenn wir nicht mehr die einzigen „Gatekeeper“ sind. Mehrere Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern haben mir erzählt, dass sie selbst erst in den vergangenen Jahren realisiert haben, wie akut die Klimakrise eigentlich ist. Selbst sie hatten die Priorisierung in den Medien mental übernommen, im Sinne von „wenn in der Tagesschau nicht jeden Tag Klima läuft, kann es ja nicht so schlimm sein“.

Diese Wirkung haben wir als Medien immer noch auf Individuen, auf die Gesamtgesellschaft und auf die Politik. Solange wir die Krise nicht darstellen wie sie ist und angemessen in die Medien heben, solange werden wir auch nicht anfangen angemessen darauf zu reagieren als Gesellschaft, davon bin ich überzeugt.

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