Back to the roots. Jörg Pilawa kehrt nach ausgiebigen Engagements bei den Öffentlich-Rechtlichen wieder zu dem Sender zurück, wo alles begann: Sat 1. Foto: Sat1/Thomas Leidig Foto: Sat1/Thomas Leidig
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Jörg Pilawa im Porträt Der Herr der Fragen

Jan Freitag

Er kann und will es nicht anders: Jörg Pilawa moderiert seit 22 Jahren Quizshows. Und ab Mittwoch wieder für Sat1.

Man muss sich Jörg Pilawa trotz aller Krisen und Kriege als glücklichen, ach was: den glücklichsten Menschen der Welt vorstellen. Alle, wirklich alle mögen ihn, weil niemand, wirklich niemand irgendwas gegen ihn hat. Seit 1994 ist der gelernte Hörfunkmoderator einer zunehmend breiten Masse auch optisch bestens bekannt, und dafür reichte ihm ein einziger, Spötter meinen: sein einziger Gesichtsausdruck. Routiniert mischt sich feiner Spott darin mit verschmitztem Charme. Das nimmt noch jeder Situation flugs die Schärfe.

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Wobei: wirklich scharfe Situationen gab es schon beim ersten Schritt aus dem Dunkel der Radiokabine ins Rampenlicht der Fernsehkameras vor 28 Jahren kaum. Selbst, als Jörg Pilawa im gleichnamigen Nachmittagstalk Ende der Neunziger ständig über jene „Schlampen“ und „Sozialschmarotzer“ diskutierte, die er Daily-Kollegen kurz darauf zum Vorwurf machte, moderierte der ewig blonde Sonnyboy von nebenan am liebsten das, was seit 2000 seine Herzensangelegenheit ist: Quizshows.

[ „Quiz für Dich“, Sat1, Mittwoch, um 20 Uhr 15]

Oder wie sie dieser Herr der Fragen einmal im neorustikalen Backsteinambiente seiner eigenen Produktionsfirma mit traumhaftem Blick über die Speicherstadt im Hamburger Heimathafen umschrieb: „Die tollste Wundertüte des Fernsehens“. Der Mittfünfziger öffnet sie ja auch schon annähernd die Hälfte seines Lebens regelmäßig. Selbst zuhause am Esstisch seien familienintern Kreuzworträtsel geknackt worden, wie der vierfache Vater und gebürtige Hamburger erzählt: „Ich spiele eigentlich immer.“ Pause. „Gerne“. Punkt.

Das Leben ein Spiel

Kein Wunder: Spielen hat den doppelten Studienabbrecher einflussreicher gemacht als alle Abschlüsse in Medizin und Geschichte, an denen er einst gescheitert war. Schon die erste Sat1-Show hat seine White Balance GmbH produziert. Und seit er sie gewinnbringend an die MME Moviement AG weitergegeben hat, entsteht das meiste, was er vor Publikum zum Besten gibt, bei der Herr P. GmbH. Zwei Dutzend Formate vom „Paarduell“ über „Rette die Million“ bis hin zu „Deutschlands Superhirn-Kids“ werden in der denkmalgeschützten Speicherstadt konzipiert. Neuestes Projekt: Eine Art Zukunftsformat von gestern, das gleich mehrere Kreise schließt. Nach mehr als 20 Jahren öffentlich-rechtlicher Kontinuität nämlich kehrt Jörg Pilawa am Mittwoch an den Ursprung einer Karriere zurück und schenkt seinem Durchbruchshelfer Sat1 eine Primetime-Sause zur allerbesten Sendezeit, deren Inhalt, nun ja, jetzt auch nicht so wahnsinnig wichtig ist.

Im „Quiz für Dich“ rätseln Promis für ehrenamtlich engagierte Menschen, „die viel zu wenig Wertschätzung bekommen“, wie der wertschätzende Herr P. pflichtschuldig in den Sat1-Block diktiert, und es dürfte, genau: nett werden.

Fertig ist das Comeback für Sat1

Irgendwas mit Fragen irgendwelcher Fernsehnasen für irgendwen Hilfsbedürftiges aus irgendeiner Ideenschmiede des unverwüstlichen John de Mol also, gepaart mit Pilawas Kernkompetenz harmlos empathischen Geplauders – fertig ist sein Comeback bei Sat1, dem ARD und ZDF ihr Zugpferd gewiss nur missmutig überlassen. Das sagt einiges über den Allzweck-Moderator von der Waterkant. Noch mehr allerdings sagt es über Deutschlands Fernsehentertainment, dessen Innovationskraft mittlerweile auf dem Niveau von Schildkröten liegt, die es 150 Mal länger auf Erden gibt als Menschen, aber irgendwie trotzdem kaum vom Fleck kommen.

Wie soll man Jörg Pilawas Erfolgsgeheimnis da nennen: Rückwärtsgangrennen? Stagnationsfortschritt? Beharrlichkeitsschleichfahrt? Analoges LED-Gewitter? Egal! Jörg Pilawa ist da, wo das Bauchgefühl der alternden Programmzeitschriftengesellschaft wummert. Er liefert Eskapismus für Krisengeschädigte und ist sich dessen sogar bewusst.

Schwer zu verbinden: Unterhaltendes und Ernstes

„Mit 25 hat es mich mehr genervt, nicht mal für eine Dokumentation oder Reportage angefragt worden zu sein“, sagte der Sat1-Rückkehrer noch in ARD-Diensten. Mittlerweile jedoch könne er ganz „gut damit leben, dass es in Deutschland schwer vermittelbar ist, neben der Unterhaltung noch was Ernsteres zu machen“.

Also kultiviert er den gediegenen Unernst, variiert dazu sein erwachsenes Lausbublächeln und dürfte dem bedeutungslosen Kanzlerkanal früherer Tage endlich mal wieder ein bisschen Aufmerksamkeit zuteilwerden lassen. Ist halt ein karitativer Mensch, der Pilawa. So nett. Und so glücklich.

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