„Warum wird man zum Täter?“, fragt Jenke von Wilmsdorff (Mitte) seine Gäste in der ProSieben-Sendung „Jenke. Crime“. Seine Gesprächspartner sollten eine Antwort parat haben, zusammen stehen sie für 70 Jahre Gefängnis. Foto: ProSieben/Marc Rehbeck/dpa
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Jenke von Wilmsdorff im Porträt Der Gefahrensucher

Jan Freitag

Jenke von Wilmsdorff lotet soziale Ränder im Selbstversuch aus. Jetzt lädt der Do-it-yourself-Reporter auf ProSieben Straftäter zum TV-Talk.

Für ihren Traum, so lautet ein Mantra deutscher Privatfernsehprominenzproduktion, würden alle Teilnehmer alles tun. Um „Germany's Next Top Model“ zu werden, reicht es zwar, sich von Heidi neben der Würde noch das Haar rasieren zu lassen. Und seine Superstars mussten für ihre 15 Minuten Berühmtheit auch nicht mehr machen, als Bohlens Bosheiten zu erdulden. Beides schlimm genug, aber definitiv kein Vergleich zu dem, was der kompromissloseste Allestuer aller Privatfernsehprominenzproduktionen für seinen Traum vom Infotainment gibt.

Wochenlang fasten zum Beispiel, um Anorexie zu verstehen. Wochenlang kiffen, um Sucht zu verstehen. Wochenlang im Rollstuhl sitzen, um Behinderung zu verstehen. Oder wochenlang auf der Straße leben, um Obdachlosigkeit zu verstehen. Klingt fast zu viel für einen allein, sind aber nur einige der Selbstversuche eines altadligen Do-it-yourself-Reporters ohne Schloss, Meriten und Titel, aber mit Unmengen an Entschlossenheit, Mut und Eigenliebe: Jenke von Wilmsdorff.

[„Jenke. Crime“, ProSieben, Dienstag, um 20 Uhr 15]

Geboren vor 55 Jahren in Bonn, hat der Nachfahre eines preußischen Geschlechts mit urkundlicher Ersterwähnung 1467 früh die Anziehungskraft des Drastischen erprobt. Nach seiner Randexistenz als Nebendarsteller („Lindenstraße“), Sidekick („Verstehen Sie Spaß?“) oder Werbeträger (McDonald’s) schickte ihn RTL ab 2001 für das Boulevard-Magazin „Extra“ zu Brennpunkten aller Art, aus denen bald ein eigenes Format, besser noch: ein Markenartikel wurde. Vielfach preisgekrönt, gipfelte das „Jenke-Experiment“ zuletzt in einer Reihe Schönheitsoperationen, mit denen der Proband (inzwischen zu ProSieben gewechselt) den Optimierungswahn unserer Tage verstehen wollte.

Mehr als 50 Jahre Haft

Dass er nun, da sein Gesicht wieder zerfurcht ist, vier Schwerverbrecher, die mehr als 50 Jahre Haft auf dem Buckel haben, zur Talkshow „Jenke. Crime“ lädt, scheint da nur Konsequenz einer Steigerungslogik zu sein. Höher, schneller, weiter, das gilt schließlich nicht nur beim Sport, sondern ebenso in Dokumentation und Reportage.

Auch wenn Jenkes Motivation eine völlig andere ist. „Ich bin nie auf der Suche nach Extremen, sondern Informationen“, sagt er übers eigene Portfolio. Die Beweggründe seiner vier Porträtierten wolle er daher nicht bloß recherchieren, sondern erspüren – „auch, wenn's mal wehtut.“

Deshalb sammelt Jenke für sein Real-Crime-Format mehr als Fakten über krasse Straftäter, er schaut ihnen direkt in die Augen und konfrontiert sie mit Dingen, von denen Straftäter nur ungern reden. Ihre Opfer zum Beispiel, denen Jenke einen Pflichtteil seiner Reihe widmet. Im Fokus stehen allerdings die Täter. Damit löst sich der PR-bewusste Presenter, dessen markantes Gesicht auch bei ProSieben ständig im Bild erscheint, vom zivilgesellschaftlichen Minimalkonsens und ergibt sich der Faszination des Bösen. Ohne Beißhemmungen, aber auch frei von Vorverurteilung. Und das wirkt selten glaubwürdiger als beim Familienvater aus Köln.

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Sein „Bedürfnis nach Thrill“ gesteht er zwar offen ein, aber es entspringe echtem Interesse, mehr noch: der Neugier, richtige Räuber, Dealer, Rocker und Betrüger, denen er nicht nur durchs notorische Duzen so nahekommt, zum Tête à Tête zu bitten. Wer Jenke persönlich erlebt, kauft ihm diese Erkenntnisorientierung sogar ab. Sein knarzig-warmer Bass, die hemdsärmelige Empathie, das sorgsam gepflegte Narrativ der ehrlichen Haut mit Aufklärungsmission: wenn er beteuert, „ein journalistisches, kein Show-Format“ zu machen, möchte man ihm glauben.

Gefühle im Gegenteppich

Doch warum nur wickelt ihm die Redaktion jedes feine Gefühl in dicke Geigenteppiche? Warum verquirlt sie Fakten mit Zeitlupen und Zooms zu handelsüblicher Emotionssoße? Warum lässt sich der Journalist im Jenke auf den Boulevard von ProSieben ziehen? Die Antwort ist so simpel wie komplex: Zum einen wird das Publikum seit Jahrzehnten konstant auf Effekthascherei konditioniert; selbst Arte-Dokus klingen da längst, als hätte sie Hans Zimmer vertont. Zum anderen schafft es jemand wie Wilmsdorff erst dank dieser Überwältigungsästhetik, realitätsmüde, bildungsferne, spaßfixierte Schichten zu erreichen.

Dafür scheint kein Kanal geeigneter als ProSieben. Schon heute verhilft Thilo Mischke dem ehemaligen Kasperletheater aus Stefan Raabs Zeit neben Joko & Klaas zu Anerkennung bis tief in akademische Kreise hinein. Ankäufe wie Jenke von Wilmsdorff, Matthias Opdenhövel oder ganz frisch: Linda Zervakis sollen zudem die Zielgruppe 50+ triggern.

Sie alle haben die öffentlich-rechtliche Komfortzone freiwillig verlassen, um bei ProSieben Relevanz mit Firlefanz zu paaren. „Ängste entspringen eher Veränderung als Gefahren“, meint das neue, alte, wieder schön faltige Sendergesicht und nennt sein liebstes Gegenmittel: „Ich verwandele Angst in Neugier.“ Vielleicht das größte Jenke-Experiment.

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