Norddeutsche Seite in sich. Olli Schulz, 47, Singer-Songwriter, Schauspieler, Moderator. Bekannt als Sidekick für Joko und Klaas. TV-Formate wie „Schulz in the Box“ oder „Schulz und Böhmermann“. Seit 2016 moderiert er mit Jan Böhmermann den Podcast „Fest & Flauschig“ auf Spotify, ein ähnliches Format lief vorher auf Radio Eins. Foto: Peter Kaaden/Spotify
© Peter Kaaden/Spotify

Interview mit Olli Schulz „Es war nie mein Ziel, ein Fernsehstar zu werden“

Olli Schulz über das Knalltüten-Image, den Weihnachtsblues, Gunter Gabriel, Jan Böhmermann und seinen neuen Podcast auf Spotify.

Herr Schulz, sind Sie ein Weihnachtstyp? Freuen Sie sich auf Weihnachtsbäume, Geschenke, Kirche?

Gefühlsmäßig kann man sich dieser Zeit ja nicht entziehen. Ich bin Papa, meine Tochter ist elf. Da kommst du in diesen Tagen automatisch in so einen Weihnachtsrhythmus, der mir vorher nie so wichtig war.

Mit Ihrem Adventskalender-Podcast legen Sie da ja noch mal nach. Bei Spotify erzählen Sie ab 1. Dezember Weihnachtsgeschichten.
Ja. Es ist gerade so eine merkwürdige Zeit. Meine Tour wurde dreimal abgebrochen. Ich habe Zeit. Ich wollte meinen Fans am Ende dieses seltsamen Jahres noch etwas Schönes geben. Da kam mir die Idee, zusammen mit meinem guten Freund Rasmus Engler Kurzgeschichten zu produzieren, die teilweise zu Hause rumliegen oder seit Langem in mir schlummern und die ich jetzt jeden Tag dem Hörer sozusagen als Adventskalender-Türchen vorlese.

Olli Schulz jetzt auch als Literat?
Wer weiß. Es ist vielleicht auch eine Fingerübung für den Roman, den ich immer noch plane. Kiepenheuer & Witsch wartet seit acht Jahren auf mein Manuskript.

Was hindert Sie am Schreiben?
Ich bin ja in erster Linie Musiker und Moderator, war nie so richtig zufrieden mit dem, was ich da geschrieben hatte. Es gibt einfach zu viele Künstler, die nebenbei mal ein Buch veröffentlichen. Haben Sie denn in meinen Adventskalender schon reingehört?

Ja, die Kurzgeschichte mit dem Weihnachts-Didi, zu Didi Hallervorden..
Später gibt's auch noch was mit Meryl Streep, die einmal im Jahr nach Berlin kommt und Frank Zander in einer Maskerade beim Gänsebraten hilft.

Dieser Kalender, Sie sagen es, ist der Abschluss eines merkwürdigen Jahres. Was hat Corona mit Ihnen gemacht, als Künstler und Privatmensch?
Das mit dem Lockdown für Künstlerauftritte ist bei mir ja eher ein Luxusproblem, da ich als Podcaster und Moderator noch andere Jobs habe als die Musik. Ich komme gut über die Runden. Den ersten Lockdown im Frühjahr hatte ich als Chance gesehen, etwas für mich zu tun. Ich habe die Ruhe am Anfang sehr genossen, fand das romantisch, dass wir alle geschlossen zu uns finden können.

Und dann?
….mit der Zeit ging dieses Gefühl weg. Jetzt der Winter, das nimmt schon mit. Es kommt durch, dass ich das erste Mal seit 20 Jahren nicht auf Tour gehen konnte. Ich vermisse das Band zu meinen Fans bei Konzerten. Da ist große Melancholie. Deswegen und dagegen der Adventskalender. Es ist meine Aufgabe, Leute zum Lachen, zum Schmunzeln zu bringen.

Hatten Sie Entzugserscheinungen ohne Tour?
Ich habe eine schlaue Sache gemacht: mir im Januar einen Hund aus dem Tierheim geholt. Der gibt mir eine Struktur, morgens durch den Grunewald, was nicht einfach ist, wenn man jahrelang das Nachtleben gewohnt war. Und dann habe ich ja schon auch noch diese norddeutsche Seite in mir: mich tagelang zurückziehen und mit niemandem sprechen.

Einen neuen Job haben Sie ja auch beim Serienstreaming: Gunter Gabriels Hausboot-Reparatur mit Olli Schulz und dem Youtuber Fynn Kliemann als Netflix-Doku. Haben Sie in der Pandemie das Handwerken entdeckt?
Das Hausboot hatte ich ja schon vor zwei Jahren gekauft. Ich habe da sehr viel Zeit, Liebe und Geld in den Umbau gesteckt. Gunter Gabriel habe ich in meinem ganzen Leben nur einmal an der Ampel getroffen. Der hat sich durchgeschlagen, wie aus einer anderen Zeit. Respekt. Als ich das Boot erstmals sah, war das ganz traurig. Gabriel war ein halbes Jahr tot, aber alles war noch, als ob er das Boot gerade verlassen hätte.

Und das musste eine Netflix-Doku werden?
Nicht unbedingt. Mit Fynn Kliemann habe ich den Umbau selber gefilmt, von Anfang an. Netflix kam mit dem Deal erst hinten drauf. Eine ehrliche Geschichte von zwei Leuten, die sich ein Boot kaufen und verzweifeln, weil sie merken, dass es Ihnen über den Kopf wächst.

Was haben Sie im Stillstand gemacht: Eine Serie nach der anderen geguckt?
Ne, da bin ich raus. Eine Staffel geht meist, vielleicht noch die zweite. Bei der dritten stelle ich oft fest: Oh, dann mussten sie sich noch irgendwas ausdenken. Ständig findest du Lücken im Drehbuch. Das ist nie zu Ende gedacht, Beispiel „Dexter“.

Und Podcasts? Produzieren Sie nur oder hören Sie selber welche?
Eher wenig. Die Podcasts vom Deutschlandfunk mag ich, zum Schlafengehen.

Bei Olli Schulz und Podcast denkt man an „Fest & Flauschig“ mit Jan Böhmermann. Der Podcast läuft, mit Vorläufer bei Radio Eins, seit neun Jahren. Gibt’s da keine Abnutzungserscheinungen? Gehen Sie und Böhmermann sich nie auf die Nerven?
Oh doch. Wir sind aber ein gutes Arbeitsteam. Ich meine, wir sind aneinander gebunden, reden ein-, zweimal die Woche miteinander, ob wir wollen oder nicht. Da hat man mal mehr Bock drauf, mal weniger. Wenn wir auf „record“ drücken, wollen wir beide, dass es den Leuten draußen Spaß macht. Wir sind befreundet. Acht Jahre klappt das schon, ich meine, ich war noch nie so lange mit jemandem in einer festen Beziehung.

Im Fernsehen hat das mit Böhmermann und Ihnen seltsamerweise nicht so funktioniert. „Schulz & Böhmermann“ lief nur 2016/17 auf ZDFneo. Für mich war das eines der aufregendsten Talkformate der jüngsten Dekade.
Ich fand's auch schön. Ich war aber nicht traurig, als es vorbei war. Es war privat nicht die beste Zeit meines Lebens. Meine Kunst ist ja, dass ich nicht irgendetwas ablese, sondern meine Persönlichkeit mit reinbringe. Wenn die mal angekratzt ist, dann merkt man das eben in solchen Sendungen. Es gab da ein paar Ausgaben, wo ich sehr unzufrieden mit mir war.

Damals hatten Sie ja auch noch das Image des Bürger- oder Medienschrecks. Sie nervten für Joko und Klaas betrunken auf Berlinale-Galas Schauspieler vor der Kamera mit Interviews…
Ach, ja. Ich habe durchgeknallte Rollen gespielt. Danach, auch nach „Schulz in the box“, gab es viele Angebote in dieser Knalltüten-Richtung. Es war nie mein Ziel, ein großer Fernsehstar zu werden. Dann lieber unberechenbar bleiben, wie im vergangenen Jahr im NDR, wo ich eine Doku im Altenheim gedreht habe. Ich würde auch schon gerne mein Herz zeigen, Dinge, die mich berühren. Wie in meiner Musik.

Vielleicht ist das ja auch ein Problem mit den Schubladen. Wer oder was sind Sie eigentlich? Wissen Sie, was bei Amazon über Olli Schulz steht?
Nein.

„Realromantiker, Poet und Entertainer.“
Das ist phonetisch schon mal sehr schön.

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