Tina Hassel, Studioleiterin und Chefredakteurin Fernsehen im ARD-Hauptstadtstudio, und Norbert Himmler, Programmdirektor ZDF, treten gegeneinander in der Wahl um das Amt des ZDF-Intendanten in Mainz an. Foto: dpa
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Intendantenwahl im ZDF Der rote Freundeskreis will es noch einmal wissen

ARD-Journalistin oder ZDF-Programmdirektor? Der ZDF-Fernsehrat hat am Freitag die Intendantenwahl. Was auch ein Triumph der SPD ist.

Die 60 Mitglieder des ZDF-Fernsehrats haben am kommenden Freitag eine echte Wahl: Wollen sie die ARD-Hauptstadtstudioleiterin Tina Hassel oder den ZDF-Programmdirektor Norbert Himmler zur Nachfolgerin/zum Nachfolger von Thomas Bellut an der ZDF-Spitze bestimmen? Norbert Himmler gilt als Favorit, Tina Hassel hat Boden gutgemacht, da wird es für beide schwierig, drei Fünftel des Gremiums für sich zu gewinnen.

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Sowohl Tina Hassel als auch Norbert Himmler sind ausgewiesene Persönlichkeiten des öffentlich-rechtlichen Systems. Tina Hassel, 57, ist WDR-sozialisiert, seit 2015 arbeitet sie als Leiterin des ARD-Hauptstadtstudios in Berlin sowie Chefredakteurin Fernsehen. Norbert Himmler, 50, ist ZDF-sozialisiert. Nach ersten Stationen wurde er 2002 Programmreferent des ZDF-Chefredakteurs und 2008 Leiter des Programmbereichs „Spielfilm“ im ZDF. Danach besetzte er weitere wichtige Posten im Spielfilmbereich, bis er Programmdirektor wurde. Seine Wahl würde eine Tradition beglaubigen. Wer als Programmdirektor erfolgreich war - Dieter Stolte, Markus Schächter, Thomas Bellut -, der konnte sich allerbeste Chancen auf den Chefposten ausrechnen. Mit der Führungsspitze um Intendant Bellut und Programmchef Norbert Himmler konnte das ZDF-Programm zum quotenstärksten Angebot im deutschen Fernsehen aufsteigen, die Programmfamilie um ZDF, ZDFneo und ZDFinfo hat sich etabliert, der Aufreger "Jan Böhmermann" wird Norbert Himmler zugeschrieben.

Was ist der künftige Auftrag?

Alles klar für Freitag? Nicht unbedingt, die ausgewiesene Fernsehjournalistin Hassel hat bei ihrer Vorstellung in der Hinsicht überzeugen können, dass mit einer Intendantin Hassel - sie wäre die erste Frau auf dem Chefsessel in Mainz - der Mainzer Sender in eine gefestigte Zukunft schauen kann. Für Tina Hassel wie für Norbert Himmler gilt es, zwei entscheidende Fragen überzeugend zu beantworten: Was ist der künftige Auftrag der öffentlich-rechtlichen Sender, wo werden sie sich in einer Fernsehwelt positionieren, die nach linearer wie nonlinearer Strahlkraft verlangt?

Dass die Fernsehräte am Freitag überhaupt eine Wahl haben, darf schon als Überraschung gelten. Norbert Himmler galt und gilt als Kandidat des schwarzen/konservativen/bürgerlichen Freundeskreises um CDU/CSU herum, Tina Hassel als Kandidatin des roten Freundeskreises in erkennbarer SPD-Nähe. Beide Lobbygruppen sollte es mit dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts längst nicht mehr geben, das Macht und Einfluss der (Regierungs-)Parteien deutlich zurückgedrängt sehen wollte. Hat eigentlich nicht nur im ZDF funktioniert, zugleich ist die wesentliche Gewohnheit in einem solchen Gremium nicht aufgegeben worden: 60 Fernsehräte sind nicht 60 Individualisten, sondern durch die Bank Vertreter gesellschaftlicher Gruppen, die nach Rat, Tat und Orientierung suchen. Ein solcher "Freundeskreis" bietet das. Da kann es nicht verwundern, dass sich die beiden Interessensgruppen am Donnerstag vor dem Wahltag versammeln, um das Wahlverhalten abzustimmen.

Für Hassel könnte es im WDR klappen

Für Tina Hassel konnte mit ihrer Ernennung klar werden, dass sie als intendantabel gilt. Heißt: Wenn es im ZDF nicht klappt, kann es es immer noch in WDR klappen, wenn die Nachfolge von Tom Buhrow bestimmt wird. So könnte für die "Berlinerin" die Reise nach Mainz zur Rückkehr nach Köln werden. Beim WDR werden bevorzugt Journalisten gewählt - siehe Friedrich Nowottny, Fritz Pleitgen und Tom Buhrow.

Triumph der SPD

Der Wahltag am Freitag im ZDF ist zudem ein Triumph für die SPD. Die sozialdemokratische Partei kämpft ihre Wahrnehmung, wenn nicht um ihre Existenz. Für die anstehende Bundestagswahl werden um die 16 Prozent der Wählerstimmen prognostiziert, für die Abgeordnetenhauswahl in Berlin zwischen 17 und 18 Prozent, bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt rutschte die Traditionspartei ins Einstellige. Nun also die Intendantenwahl in Mainz: eine Selbstvergewisserung der SPD und der SPD-nahen, der rot-grünen Kräfte. Wir sind noch da, wir sind noch stark, wir bestimmen weiter mit, wer was im öffentlich-rechtlichen Rundfunk wird. Ist das echte Macht oder nur eine echte Demonstration von Macht? Wie auch immer, jede Stimme für Tina Hassel wird das sozialdemokratische Selbstbewusstsein stärken.

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