Neue Pläne. Veronica Munk (mitte), stellvertretende Chefredakteurin des Internet-Portals index.hu und weitere Journalisten bei der letzten Redaktionssitzung. Foto: dpa
© dpa

Index.hu „Telex“ soll für Medienvielfalt sorgen

Nach Entlassung des Chefredakteurs Szabolcs Dull wurde das größte Nachrichtenportal Ungarns kaltgestellt. Jetzt starten die Ex-Mitarbeiter ein neues Projekt.

Direkte Einnahmen durch Abonnements oder Spenden von Lesern gelten im Onlinejournalismus nicht nur seit Corona als Heilmittel gegen einen labilen Anzeigenmarkt und als Qualitätsgarant. Doch in Ungarn ist es mehr als ein Geschäftsmodell. Für Veronika Munk, ehemalige stellvertretende Chefredakteurin vom größten Nachrichtenportal des Landes Index.hu, ist es ein großes Wagnis. Und, wie für viele andere Journalisten im Land, ist es die beste Chance, weiter ihren Job so zu machen, wie es der Berufsstandard verlangt: unabhängig, kritisch und frei.

Mit mehr als 90 Kollegen kündigte Munk Ende Juli, als Reaktion auf die Entlassung ihres Chefredakteurs Szabolcs Dull. „Es war klar, dass wir bei Index nicht mehr wie gewohnt frei arbeiten können“, sagt Veronika Munk. Gleichzeitig gaben sie das Versprechen, dass es bald ein anderes Nachrichtenportal geben wird. So zuverlässig und schnell wie Index – und unabhängig.

Die Umstände um Szabolcs Dulls Entlassung wurden bislang nicht öffentlich. Klar ist, dass er wegen Differenzen mit den neuen Geschäftsführern den Posten räumen musste. Am Donnerstag erhielt Dull in Potsdam den M100-Medienpreis. Für Potsdams Oberbürgermeister und Vorsitzenden des M100-Beirats, Mike Schubert, sind Dulls Entlassung und „die aktuell gegen ihn laufende Hetzkampagne regierungsnaher Medien ein Fanal für den gefährdeten Zustand der Medienfreiheit in Ungarn und darüber hinaus.“

Unter Führung von Veronika Munk kristallisiert sich nun ein neues Projekt der Ex-Index-Mitarbeiter heraus: „Telex“ soll ein freies Onlinemedium werden, mit „großer Reichweite und großer Schlagkraft“, verspricht Munk. Bisher wirbt die Webseite Telex.hu nur mit dem zukünftigen Produkt, aber nach deren Angaben sollen es schon über 31 000 Menschen sein, die mit einem einfachen oder regelmäßigen Beitrag den Start des Portals unterstützen.

Den Lesern verspricht das neue Telex-Team, dass sie „nach ihren besten Fähigkeiten“ über alles berichten werden. Sie wollen ein unparteiisches Medium schaffen in einem Land, dessen Medienlandschaft stark polarisiert ist. Damit das klappt, soll es „aus eigener Kraft“ und durch finanzielle Unterstützung der Leser entstehen.

Seit zehn Jahren regiert der rechtsnationale Ministerpräsident Viktor Orbán Ungarn, auf dem Index der Pressefreiheit von Reporter ohne Grenzen ist das Land von Platz 23 auf Platz 89 gerutscht. Nicht nur durch Gesetze wird die Pressefreiheit eingeschränkt, auch Arrangements helfen, bei denen Medien durch regierungsnahe Oligarchen aufgekauft und ganze Redaktionen geschlossen werden.

„Dazu ist Medienpluralismus unabdingbar."

Bei Index verlief dieser Prozess langsamer als anderswo. Mehr als zwanzig Jahre lang prägte das Portal einen schnellen, unabhängigen Journalismus für ein breites Leserspektrum. Es gilt auch vielen Fidesz-Wählern als vertrauenswürdige Nachrichtenquelle und schien daher im System Orbán sicher.

Mittlerweile wird die Index-Redaktion von einem neuen Chefredakteur und seinen vier Stellvertretern geführt. Die meisten von ihnen hatten zuvor wichtige Positionen bei staatlichen Medien oder solchen, die der Regierungspartei Fidesz nahe stehen.

Zudem ist es für unabhängige Medien, die auch über die Regierung und regierungsnahe Akteure kritisch berichten, schwieriger, sich über Werbung zu finanzieren, als für solche, die der Regierung nahe stehen. Letztere werden über Regierungswerbung mit Steuergeldern finanziell unterstützt. Medienwissenschaftler Gábor Polyák beschreibt den ungarischen Markt daher als „wahnsinnig verzerrt“.

Auch Munk ist klar, dass sich „Telex“ nicht durch Anzeigenverkäufe halten kann: „Ich kenne den ungarischen Werbemarkt. Und die Corona-Pandemie (und mit ihr verbundene Anzeigeneinbrüche, Anm. d. R.) hat verstärkt gezeigt, dass Telex-Abos verkaufen muss, wenn es sich tragen soll.“

Index erreichte zu Hochzeiten über eine Million Leser pro Tag, in einem Land mit 10 Millionen Einwohnern. Wird „Telex“ das schaffen können, trotz verzerrtem Wettbewerb, allein durch die Loyalität der Leser? Munk sagt, ihr Ziel als Journalistin sei es immer gewesen, Menschen mit möglichst viel Informationen bei der freien Entscheidungsfindung zu helfen.

„Dazu ist Medienpluralismus unabdingbar, der Zugang zu schnellen, genauen und vertrauenswürdigen Informationen.“ Für die Zukunft des Online-Journalismus sei es aber entscheidend, dass Leser die Medien finanziell unterstützen, sagt Munk.

Neben dem Zahlungswillen der Leser braucht es aber auch politischen Willen, um die Pressefreiheit zu schützen. Sie möchte als Journalistin keine Empfehlungen an Politiker aussprechen. Aber Munk weiß, dass die Europäische Kommission in vielen Wirtschaftszweigen sehr stark gegenüber solchen „illegalen staatlichen Hilfen“ und anderen Praktiken auftreten kann, wenn sie die Wettbewerbsfreiheit beeinträchtigen. Warum nicht auch im Medienmarkt? „Die Europäische Union könnte auf verschiedene Arten für ordentliche Wettbewerbsvoraussetzungen in der Medienbranche sorgen“, so Munk. „Zum Beispiel in dem sie dort, wo die Situation europaweit am schlechtesten ist, den Aufbau neuer Medien unterstützt.“

In diesen Wochen startete ein weiteres Medium die Berichterstattung aus Budapest: Das US-finanzierte Radio Free Europe/Radio Liberty (RFE/RL) sendet nun wieder auf Ungarisch, als Reaktion auf die beschleunigte und langfristige Verschlechterung der Medienlandschaft und die Gefährdung der Pressefreiheit. Dabei war 1993 Ungarn einer der ersten Standorte, die das wichtige westliche, freie Radio nach dem Kalten Krieg aufgaben.

Damals war das ein Zeichen, dass das Land es geschafft hatte, sich eine freie und pluralistische Medienlandschaft aufzubauen.

Zur Startseite