Das soll Denkmalschutz sein? Ezequiel (Tyron Ricketts, l.) will nicht das machen, was Reynaldo (Komi Mizrajim Togbonou) und Jason (Nyamandi Adrian, r.) verlangen. Foto: ARTE/BR/cinemanegro Filmprodukti
© ARTE/BR/cinemanegro Filmprodukti

„Herren“ mit Tyron Ricketts Fast wie im richtigen Leben

Eine ARD-Tragikomödie mit ausschließlich schwarzen Hauptdarstellern und einer angenehm unaufgeregten Geschichten zum Thema auch dieser Tage.

Wer hätte gedacht, welche Bedeutung das Wort „Denkmalschutz“ haben kann? Kampfsport-Meister Ezequiel jedenfalls nicht. Als der aus Frust und Stolz seinen Job hinschmeißt, weil nicht er, sondern der Sohn des Chefs neuer Leiter der Capoeira-Schule wird, steht er ohne Arbeit da. Für eine Person of Color ohne Ausbildung keine ideale Ausgangslage, um schnell einen guten Job zu finden. Er landet als „Fahrer für Denkmalschutz“ beim Kleinunternehmer Reynaldo. Klingt erst mal gut, in Wahrheit werden nachts öffentliche Pissoirs geputzt. Man kennt diese Achtecker, wie sie in Berlin herumstehen. Es handelt sich um besonders schöne, antike Pissoirs und daher vielleicht auch um einen ehrenwerten Job. Das ist „Denkmalhygiene“, wie Reynaldo es nennt. Für Ezequiel ist die Tätigkeit in der „schwarzen Nachtbrigade“ allerdings deutlich unter seiner Würde.

Ein dunkelhäutiger Migrant ohne Ausbildung in einer schlechten Ausgangslage für einen neuen Job – wie hätte das als komödiantische Geschichte und Inszenierung schiefgehen können. Was aber Buch (Stefanie Kremser, basierend auf dem gleichnamigen Roman von Warwick Collins) und Regisseur Dirk Kummer („Warten auf’n Bus“) aus dem Stoff herausholen oder besser auch nicht herausholen (Belehrung! Zeigefinger! Moral!), macht „Herren“ zu einem Fernseh-Geheimtipp am Mittwochabend. Nichts hier ist allzu bemüht, nichts übertrieben leicht.

Alleine schon das – angesichts der existenziellen Probleme – beiläufig-schöne Spiel von Hauptdarsteller Tyron Ricketts, komisch und tragisch zugleich. Sein Afro-Brasilianer Ezequiel hat zu Hause neben der Jobsuche noch ein fast schwerwiegenderes Problem. Das Vater-Sohn-Programm: Papa schuftet, Junge soll Abitur machen, es besser haben und Sport studieren. Dieser pfeift drauf und will sich selbst verwirklichen, Friseur werden. Ein Unding für den Vater, der ein Drama draus macht, worunter auch die Beziehung zu seiner Frau Marta (Dalila Abdallah) schwerstens leidet.

Die Wiederannäherung der drei, die nach und nach sich wandelnde Perspektive auf den etwas anderen Denkmalschützerjob, der Mut, den der Protagonist aus dem zieht, was ihm in dem 90-Minüter widerfährt, aus den nächtlichen Gesprächen mit den Kollegen Reynaldo (Komi Mizrajim Togbonou) und Jason (Nyamandi Adrian) zwischen historisch bedeutsamen Toilettenhäuschen in Tiergarten und Kreuzberg – das ist eine Geschichte aus dem Themenrahmen „rassistische Diskriminierung“, aber eben nicht nur das, sondern Familiendrama, Identitätssuche. Ohnmachtserfahrungen und narzisstische Kränkungen führen zu Aggressionen, der Satz greift nicht nur bei People of Color.

Das hat bestenfalls was von Gerhard Polt. Ein unverkrampft humorvoller, weitestgehend klischeefreier Blick auf Menschen mit Migrationshintergrund und dunkler Hautfarbe, die sprachlich wie kulturell voll integriert sind und über weite Strecken ein normales Leben führen, auch wenn Alltagsrassismus fester Bestandteil davon ist: in Form von Missachtung, peinlichen Verwechslungen, Beleidigungen und tätlichen Angriffen, die in „Herren“ nicht ausgespart werden. Diesen Film und diese Fernsehkritik also bitte bloß nicht missverstehen: Natürlich gibt es Diskriminierungen, gegen die man ankämpfen muss, so locker das in „Herren“ auch daherkommen mag.

Dabei ist die Besetzung Programm. Schauspieler mit dunkler Hautfarbe, zumal als Hauptdarsteller, sind in Filmen und Serien drastisch selten, außer vielleicht im ZDF-Krimi „Der Alte“. Bei „Herren“ bestreiten die den ganzen Film. Tyron Ricketts will mehr davon. Er ist dank Rollen wie der als Hotelerbe in der ARD-Reihe „Die Inselärztin“ einer der wenigen bekannten schwarzen Schauspieler, die sich im Unterhaltungsfernsehen etabliert haben. Seine Firma Panthertainment stellt Filme, Serien und Dokumentationen über People of Color her. Es werde „Diversität als Normalität gezeigt“, mit alternativen Blickwinkeln zum vorherrschenden eurozentrischen Narrativ in der Medienwelt, wie es auf der Website heißt. Auch wenn Ricketts Firma bei diesem ARD-Projekt nicht beteiligt war – das mit der Normalität ist in „Herren“ wohltuend gelungen. Und über Denkmalschutz wird jetzt auch neu nachgedacht.

„Herren“, Mittwoch, ARD, 20 Uhr 35

Zur Startseite