Der Publizist, Herausgeber, Chefredakteur, Gründer des Hamburger Magazins „Stern“ und Kunstmäzen Henri Nannen mit einer Ausgabe seiner Zeitschrift an seinem Schreibtisch. Foto: dpa
© dpa

Henri Nannen und der Vorwurf des Antisemitismus Robespierre lässt grüßen

Henri Nannen war verstrickt, hat sich schuldig gemacht, gefühlt, hat sich offen dazu bekannt. Und in den Jahrzehnten danach durch sein Wirken gesühnt. Eine Meinung.

Wo soll das alles enden? Der Fall Henri Nannen: Wird der jetzt zum Anlass, dass Nachgeborene beginnen, auf breiter Front Geschichte neu aufzuarbeiten, um sie dann moralisch zu gewichten? Und sei es ohne neue Fakten? Das kann dann nur, so wie es gerade aussieht, zu nacheilenden Tribunalen führen. Robespierre lässt grüßen.

Nehmen wir Nannen. Der hat nie ein Hehl aus seiner Verstrickung und seinen Verfehlungen gemacht. Ein Propagandist des Nazi-Regimes, kein Folterknecht. Nannen schrieb zur Verantwortung seiner Generation für den Massenmord an Europas Juden: „Wer sich nicht die Augen und Ohren zuhielt und das Gehirn abschaltete, dem blieb nicht verborgen, daß hier das perfekte Verbrechen seinen Weg nahm. Wir hätten es wissen müssen, wenn wir es nur hätten wissen wollen. Wer Soldat im Osten war, dem konnten die Judenerschießungen, die Massengräber und beim Rückzug die ausgebuddelten und verbrannten Leichenberge nicht verborgen bleiben. Ich jedenfalls, ich habe gewusst, daß im Namen Deutschlands wehrlose Menschen vernichtet wurden, wie man Ungeziefer vernichtet. Und ohne Scham habe ich die Uniform eines Offiziers der deutschen Luftwaffe getragen. Ja, ich wusste es, und ich war zu feige, mich dagegen aufzulehnen.“

Ehrlich war das, selbstkritisch auch, wie nur wenige. Viele wollten ja vom Holocaust erst später erfahren haben.

Heute könnte man dazu einen neuen Historikerstreit anzetteln. Die Stunde null hat es nicht gegeben, nicht in der Weise, wie man es suggeriert hatte. Es konnte sie nicht geben, weil jeder, der 1945 noch lebte, vorher nicht tot war.

Henri Nannen war Soldat, sein Auftrag waren Flugblätter, auch antisemitische

Historisches Verständnis, Kenntnis der Historie - wie wird mit heutigen Maßstäben das Damals gesehen? Während die Zeitgenossen und deren Kinder Pardon gaben, fordern die Enkel Abrechnung. Je mehr Zeit vergeht, desto härter das Urteil im Rahmen der Neubewertung von Geschichte.

Henri Nannen war Soldat, sein Auftrag waren Flugblätter, auch antisemitische. Die, die ihm jetzt posthum noch einmal vorgehalten werden - keiner kann bis heute mit Sicherheit sagen, dass sie von ihm waren.

Auf breiter Front: Franz Josef Strauß, Helmut Schmidt, Rudolf Augstein - auch sie waren Wehrmachtsoffiziere. Ja, keine Propagandasoldaten, aber Teil des Räderwerks eines verbrecherischen Regimes. Widerstandskämpfer waren sie alle nicht. Soll sich die CSU jetzt von Strauß lossagen, die SPD von Schmidt, der Spiegel von Augstein?

[Wenn Sie alle aktuellen Entwicklungen zur Coronavirus-Pandemie live auf Ihr Handy haben wollen, empfehlen wir Ihnen unsere App, die Sie hier für Apple- und Android-Geräte herunterladen können.]

Henri Nannen war verstrickt, hat sich schuldig gemacht, gefühlt, hat sich offen dazu bekannt. Und in den Jahrzehnten danach durch sein Wirken gesühnt. Um ihn gerecht zu werden: Er hat sich um die Republik verdient gemacht, hat zwei Generationen von Journalisten der damals noch jungen, von vielen angefeindeten liberalen Demokratie geprägt. Schon möglich, dass ihn selbst Robespierre mit seiner rigorosen Selbstgerechtigkeit verschont hätte.

PS: Das schreibt einer, dessen Vater sich aus der Gestapo-Haft nur durch den Fronteinsatz in Russland retten konnte.

 

 

Zur Startseite