Ermitteln in einem Internat. Thorsten Falke (Wotan Wilke Möhring, l.) und der neue Kollege Felix Wacker (Arash Marandi). Foto: NDR/Marc Meyerbroeker
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Hamburger „Tatort“ Gewalt ist (k)eine Lösung

Der Falke-„Tatort“ mit Wotan Wilke Möhring hinterfragt den Tyrannenmord. Opfer ist der Sohn des bösen Präsidenten.

Dräuende Musik. Staatsbesuch eines Despoten in Hamburg. Das Insert „Tyrannenmord“. Ermittler Thorsten Falke (Wotan Wilke Möhring) im Auto und Fadenkreuz eines Scharfschützen. Der Bundespolizist sichert. Derweil diskutieren Internatsschüler im Unterricht über den Tyrannenmord. „Gewalt ist eine Lösung. Wer das nicht glaubt, hat nicht gründlich hingeschaut oder ist nicht ehrlich.“ Und: „Hätte man Hitler rechtzeitig getötet, wäre einer der schlimmsten Völkermorde verhindert worden.“ Was haben die Schüler mit dem Staatsbesuch zu tun?

Es sind starke Fragen, Titel, Thesen und Bilder, mit denen der „Tatort“ am Sonntag startet. Der Zufall (oder Weitblick) der ARD-Programmplanung unterlegen diesen Krimi mit dem Blick auf den Despoten in Moskau, der derzeit die halbe Welt mit Schrecken überzieht.

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Im „Tatort“ dreht es sich nicht um Putin und Russland, sondern um den fiktiven Staat Orinaca, ein autoritär regiertes Land, dessen Präsident mit Verhaftungen und Folterungen von Oppositionellen und Journalisten zur Berühmtheit wurde und nun zum Staatsbesuch nach Deutschland kommt. Zeitgleich macht sich Falke auf die Suche nach dem 17-jährigen Juan Mendez, der aus einem Internat verschwunden ist, in dem Berühmtheiten und Eliten aus Wirtschaft und Politik ihre Kinder erziehen lassen.

Unter Verdacht steht ein imposanter Bodyguard

Mendez ist – vermeintlich – der Sohn des Botschafters aus Orinaca, in Wirklichkeit aber der des Präsidenten. Später wird der Junge ermordet aufgefunden, mit heraus geschnittener Zunge. In Verdacht: sein imposanter Bodyguard (José Barros), aber auch die politisch gesinnten Internatsfreunde.

Ist die Tötung eines als ungerecht empfundenen Herrschers (oder seines Sohnes), dem vorgeworfen wird, das Volk gewaltsam zu unterdrücken, gerechtfertigt oder gar legitim? Drehbuchautor Jochen Bitzer hat da ein gediegenes Thema angekratzt. Die anfänglich aufgeworfenen, durchaus aktuellen Fragen werden im Zuge der wie immer bei diesem NDR– „Tatort“ norddeutsch-lakonischen Ermittlungen leider fast nebensächlich.

Im Mittelpunkt: Falke. Rau, meistens schlecht gelaunt, Milch trinkend. Ohne viel private Mätzchen zieht Falke auch hier sein Cop-Ding durch, fährt mit Lederjacke und Punk-Musik durch die Hansestadt, stellt die richtigen, direkten Fragen zum richtigen Zeitpunkt und gibt wenig auf die feinen Gepflogenheiten der Internatswelt und die große Politik.

Ein Dorfpolizist strapaziert die Nerven des Kommissars

Während sich Falkes Kollegin Julia Grosz (Franziska Weisz) mehr im Hintergrund aufhält, werden Falkes Nerven weniger von der Frage nach dem Verbleib des südamerikanischen Despoten (der im Krimi kaum sichtbar in Erscheinung tritt) und seines Sohnes als von den Anhänglichkeiten des Dorfpolizisten Felix Wacker (Arash Marandi) strapaziert.

Ob es sich in diesem solide inszenierten Krimi (Regie: Christoph Stark) tatsächlich um einen politisch oder anders motivierten Mord handelt? Hier nur so viel: Für das Label „Tyrannenmord“ braucht es noch einen anderen Film.

Interessant ist dieser politische Ansatz allemal, zudem das Thema der wirtschaftlichen Abhängigkeit von einem diktatorisch geführten Land ohne Meinungsfreiheit (Russland!) angeschnitten wird und Autor Bitzer selbst auf Kim Jong-un verweist, den Diktator von Nordkorea, der mehrere Jahre eine Schule in der Schweiz besucht haben soll. Er ging wohl unter falschem Namen als Sohn eines Botschaftsangehörigen zur Schule und hatte ebenso einen Bodyguard an seiner Seite wie der Junge in diesem „Tatort“.

Politische Morde lösen eine Spirale der Gewalt aus

Ein Sonntagskrimi, den man sich anschauen kann, auch oder gerade weil die dräuenden Fragen nach der Rechtmäßigkeit, besser Sinnhaftigkeit eines Tyrannenmordes, offen bleiben. Genau wie jene Sätze der Internatsschüler aus dem Unterricht vom Anfang – mit Blick auf die gegenwärtige Weltlage. Einer verweist auf die Gewaltspirale, die mit politischen Morden nicht mehr aufhört.

[„Tatort – Tyrannenmord“, Sonntag, ARD, 20 Uhr 15]

Der Internationale Gerichtshof in Den Haag mache so etwas überflüssig. Eine Schülerin kontert: „Wenn du den Diktator vor Gericht bringen willst, musst du ihn erst mal schnappen und nach Holland bringen.“ Am Ende wünscht sich der Lehrer einen Essay: dass Gewalt keine Lösung ist.

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