Emine (rechts) zieht mit ihren Freundinnen durch die Kaufhäuser Neuköllns. Foto: Nina Wesemann
© Nina Wesemann

Groß werden in der Großstadt Berliner Kindheiten

„Kinder“: Nina Wesemann hat ein Jahr lang vier Zehnjährige für ihren Arte-Dokumentarfilm begleitet.

„Die meisten Menschen“, schrieb Erich Kästner, „legen ihre Kindheit ab wie einen alten Hut. Sie vergessen sie wie eine Telefonnummer, die nicht mehr gilt.“ Vielleicht aber ist auch bei jenen, die so erwachsen tun, die Erinnerung an die Kindheit nur verschüttet. Vielleicht lässt sie sich ausgraben, herauskitzeln, zum Leben erwecken. Nina Wesemann hat das, wenn man so will, mit dem Dokumentarfilm „Kinder“ versucht.

Ein Jahr lang hat die junge Regisseurin und Kamerafrau vier Berliner Kinder beobachtet. Zwei Jungs, zwei Mädchen, Christian, Emine, Arthur und Marie, alle um die zehn Jahre alt, Großstadtkinder auf der Schwelle zur Pubertät. „Die Kamera begleitet die vier stets auf Augenhöhe“, heißt es im Pressetext zu dem RBB-Film im Arte-Programm – und das stimmt mal wirklich. Nina Wesemann hält die Perspektive so konsequent, dass Erwachsene, wenn sie denn überhaupt auftauchen, aus dem Bild herausragen. Oder der große Bruder noch größer wirkt. Eltern, Lehrer oder andere erwachsene Bezugspersonen ignoriert Wesemann ohnehin fast komplett.

Kein Ratgeber- oder Thesenfilm

Das kann man natürlich kritisieren, aber „Kinder“ ist kein pädagogischer Ratgeber- oder Thesenfilm, auf eigene Kommentare verzichtet die Autorin sowieso. Es werden auch keine besonderen Geschichten erzählt, geschweige denn Dramen inszeniert. Wesemann fängt eher die Stimmung dieser vier Kindheiten ein, folgt den Bewegungen der Kinder durch die Stadt, beobachtet ihr Spiel und lauscht ihren Gesprächen. In den von Wesemann ausgewählten Szenen wirken die Kinder jedenfalls unverstellt und nicht wie Schauspieler ihrer selbst.

Christian und Arthur sehen ähnlich aus, ihre Positionen in der Familie sind jedoch ganz unterschiedlich. Christian hat ältere Brüder, ziemlich coole Jungs, zu denen er aufblickt, mit denen er Hand ihn Hand durchs Museum zieht, gemeinsam abends im Bett liest und Graffiti sprüht. Arthur wiederum ist der Älteste, er gibt den Ton an und erklärt seinen jüngeren Geschwistern die Welt. Und so erlebt man, wie die ganz großen Themen, der Tod und der Krieg, in einem Berliner Kinderzimmer verhandelt werden. Als Arthur Donald Trumps Politik erläutert („Rein theoretisch will er einen Atomkrieg starten“), löst er bei der Schwester große Furcht aus. Aber elegant und umsichtig versteht er es auch, sie wieder zu beruhigen: „Was bedeutet theoretisch?“, fragt sie. „Theoretisch heißt vielleicht“, antwortet der große Bruder.

Marie aus der Einfamilienhaus-Siedlung

Recht unterschiedlich auch die Mädchen: Marie sieht man oft, Emine fast nie allein. Maries Familie lebt in einer Einfamilien-Siedlung, sie lernt Gitarre und spielt in ihrem Zimmer schon mal Schule, wobei sie sämtliche Rollen übernimmt, die der Lehrer und aller Schüler. Emine ist meist mit ihren Freundinnen auf den Straßen Neuköllns unterwegs. Die verschiedenen Milieus werden deutlich, ohne dass daraus eine große Sache würde. Auffallend allerdings, dass Nina Wesemann nur bei Emine nicht im häuslichen Umfeld drehte. Dafür begleitet sie das Mädchen als einzige in die Schule, wo sie im Kunstunterricht sorgfältig ein Iglu ausmalt und am Ende des Schuljahres ihr Zeugnis im Klassenzimmer ohne erkennbare Regung studiert. Wie die Noten ausgefallen sind, erfährt das Publikum nicht, aber man sieht Emine behutsam das Zeugnis in die Klarsichthülle schieben. Mit solchen Szenen ohne Worte weiß die Regisseurin einiges über die Kinder zu erzählen.

Oft ist die Kamera erstaunlich nah an den Gesichtern, aber respektvollen Abstand gegenüber den Kindern hält Nina Wesemann trotzdem. Auf Konfliktstoff ist die Regisseurin nicht aus, laut wird es nur an Silvester, auch wird die Leidenschaft für Smartphones nicht über Gebühr in den Mittelpunkt gestellt: „Kinder“ ist ja kein Film über Erziehung. Muss der Film eine Botschaft haben? Nein, muss er nicht. Thomas Gehringer

„Kinder“, Arte, Montag, 23 Uhr 45

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