Friedrich Nowottny, ehemaliger Journalist und Intendant des Westdeutschen Rundfunks, feiert am 16. Mai seinen 90. Geburtstag. Foto: dpa
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Friedrich Nowottny wird 90 Auf Augenhöhe mit den Politgrößen

Uwe Kammann

Der Politjournalist und einstige Intendant des Westdeutschen Rundfunks Friedrich Nowottny feiert seinen 90. Geburtstag

Sein Gesicht kannte jeder. Zumindest jeder, der sich einen Überblick verschaffen wollte über die Geschicke der Bonner Republik. Friedrich Nowottny begleitete sie journalistisch, und er hielt ihr in bewundernswerter Konstanz einen Spiegel vor, dessen glatte Oberfläche stets einen ironischen Schimmer hatte. Große Brille, die ein wissendes, lächelndes Blinzeln durchscheinen ließ, garniert mit einer Stimmlage, die überlegene Distanz mit lakonischer Nüchternheit verbandelte: So wurde das Publikum eingestimmt auf Nowottnys „Bericht aus Bonn“. Von 1973 bis 1985 moderierte er die Sendung.

Am 16. Mai wird der Journalist und einstige Intendant des WDR 90 Jahre alt. Den Öffentlich-Rechtlichen sei er als Hörer und Seher noch immer verbunden, sagte Nowottny im epd-Gespräch. Vorzugsweise Politik, Dokumentarisches, Historisches interessieren ihn, auch Krimis. Er schätzt spezielle Qualitäten wie bei Arte und Phoenix, verfolgt mit Interesse neue Entwicklungen. Nicht ohne Kritik: „Wenn die Dramaturgie vom Kern ablenkt, ist das nicht sinnvoll.“

Verbunden mit der Sendung

Wer heute die Stimmungsmache und das optisch-akustische Bling-Bling der wöchentlichen Politikschauen sieht, diese oft manipulativen Zeitlupen und Musik-Untermalungen, der sehnt sich zurück in jene Jahre, als Friedrich Nowottny Ton und Takt angab in seinem Wochenrückblick, der mit ihm als Top-Journalist verbunden war wie kaum eine andere Sendung. Die Fernsehlandschaft war zu dieser Zeit noch höchst übersichtlich, die private Konkurrenz formierte sich erst.
Für seine unverkennbare Bonn-Schau schneiderte sich Nowottny eine mit subtiler Ironie und Schlagfertigkeit ausgestattete Rolle auf den Leib, unterfüttert mit spürbarer Unabhängigkeit und mit jener Genauigkeit, Kennerschaft und Seriosität, die in der Kombination wissen ließen: Mir kann keiner was vormachen. Dass er manchmal auf ein Kistchen stieg, wenn er die – zumindest zentimetermäßigen – Größen der Republik interviewte, war eigentlich überflüssig. Weil er in jeder Lage über die sprichwörtliche Augenhöhe verfügte. Und intellektuell über einiges mehr.
Geboren wurde Nowottny 1929 im oberschlesischen Hindenburg, dem heutigen polnischen Zabrze; nach Kriegsende kam er nach Westfalen. Die Zeitung, bei der er in Bielefeld als Volontär debütierte, Redakteur und Ressortleiter wurde, hieß „Freie Presse“, trug also Unabhängigkeit als Fahne vor sich her. Ein gutes Omen. Die Karriere setzte sich erfolgreich fort: beim Saarländischen Rundfunk als Fernsehchef für Wirtschaft und Soziales, dann als stellvertretender Chefredakteur. Eine Sendung wie „Der Markt – Wirtschaft für jedermann“ war Beleg für seinen Anspruch: Vermittlung auch komplexer Sachverhalte weit weg von Fachhuberei.

Der WDR lockte an den Rhein

Der viel größere und mächtigere Westdeutsche Rundfunk hatte die richtige Nase für diese Fähigkeiten, lockte den Enddreißiger nach Bonn, zunächst als stellvertretenden Leiter des dortigen Studios. 1973 wurde er dessen Chef - und damit eine zentrale Figur der Politikvermittlung in der Bundesrepublik. Und er prägte auch deren sichtbares Bild: mit seiner Zivilität, seiner erkennbaren Distanz, die innere Nähe zu Themen und Konstellationen nicht ausschließt.
1985 wählten ihn die Gremien des WDR – bei einigen Querelen – zum Intendanten. Mit der Folge, dass er später als ARD-Vorsitzender an der Eingliederung des DDR-Rundfunks beteiligt war. Dass Nowottny in Köln nicht allein der augenzwinkernde Journalist und Moderator war, sondern auch harter Chef sein konnte, erfuhren manche. Und verließen zusammengefaltet sein Büro.
Die Entwicklung der Jugendwelle „1Live“, des Radioprogramms „WDR 5“ und des „ARD-Morgenmagazins“ fielen in Nowottnys Zeit, auch der Start der „Lindenstraße“. 1995 war Schluss. Bonn ist Friedrich Nowottny treu geblieben, er wohnt in der Nähe des Uni-Schlosses. Seine Wunschliste zum 90. Geburtstag? „Die wird immer kürzer.“ Ganz oben: „Die kommende Zeit noch gut zu überstehen.“

Wie Nowottny über die Kanzler urteilt

Friedrich Nowottny hält den Umgang mit Angela Merkel für schwierig. „Ich glaube, die kann eine derartige Kühle ausstrahlen, dass ein Kölsch, das etwas warm ist, in drei Sekunden zu Eis gefriert“, sagte der ehemalige WDR-Intendant der Deutschen Presse-Agentur in Bonn. „Das ist diese norddeutsche Kühle, die man immer bei Helmut Schmidt vermutet hat, die aber nur partiell zu erkennen war.“
Schmidt habe zwar „unheimlich von oben herab“ sein können, sei aber der präziseste aller Kanzler gewesen, die er miterlebt habe, sagte Nowottny. Schmidt habe auch in Krisensituationen ohne Vorbereitung „auf den Punkt genau und druckreif“ sprechen können. Schwierig seien die Bonner Regierungschefs aber alle gewesen. „Willy Brandt war stimmungsabhängig, Helmut Kohl war weniger stimmungsabhängig, der hat seine Frustration gegenüber der Journaille immer mit lauten kritischen Anmerkungen versehen.“ (dpa/Tsp)

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